Der Stolz der DDR

Eine Tour durch Hohenschönhausen

Hohenschönhausen hat nicht den besten Ruf: Eine Hochburg von Stasi-Spitzeln, Hools und Nazis soll es sein. Pünktlich zum Derby BFC-Dynamo gegen Lichtenberg ist unser Autor, selbst in einer Platte in Gera aufgewachsen, hingefahren und hat den Stadtteil 48 Stunden erkundet

Im Leben meines Vaters gibt es zwei Fußballspiele, die ihn so aufgewühlt haben, dass er mir von ihnen mehrmals erzählt hat: 1987 war er einer von 100.000 Zuschauern, als Lokomotive Leipzig gegen Bordeaux spielte und im Elfmeter-Schießen gewann. Die Europapokal-Schlacht. Die ganze Stadt sprach nach dem Spiel von nichts anderem. Mein Vater ist stolz und sentimental, wenn er sich erinnert, und ich bilde mir ein, in seinen Augen das Glühen der bengalischen Fackeln zu sehen. ­Obwohl es im ganzen Stadion wohl keine gab. Ganz anders, wenn er vom 22. März 1986 erzählt. Damals ging es gegen den BFC Dynamo aus Hohenschönhausen. Lok Leipzig und BFC Dynamo lieferten sich in dieser Saison einen Zweikampf um die DDR-Meis­terschaft. „Leipzig lag in der Nachspielzeit mit 1:0 vorne“, erzählt er mir und seine Stimme wird dünn und bitter dabei. „Wir hatten das Ding eigentlich schon gewonnen, aber dann kam die 96. Minute.“ Die 96. Minute?


Ostalgie 25 Jahre nach der Wende

Heute gibt es im Zentrum von Hohenschönhausen neben einem vietnamesischen Kiosk ein Tattoo-Studio, das den Namen „Sport frei“ trägt und so etwas wie der inoffizielle Fan-Shop des BFC Dynamo ist. In dem Laden ist es so dunkel, dass man nicht versteht, wie darin jemand tätowieren kann. An Kleiderstangen hängen Bomberjacken, Lonsdale-Hosen, Camouflage-Shirts. Sie sehen aus, als wären sie aus zweiter Hand, aber der Verkäufer, ein gutmütiger Mann mit spitzem Bart am Kinn und Tunnel im Ohr, beteuert, dass die Klamotten neu seien. Sie würden halt schon etwas länger dort hängen. Draußen in der Auslage kleben Fotos von bunt gestochenen Körpern, die beweisen, dass hier tatsächlich einmal tätowiert wurde.

Der Verkäufer sagt, dass der Tätowierer ­einen Unfall hatte und deswegen gerade eine Pause eingelegt wird. Neben den Tattoo-Fotos liegen T-Shirts des BFC Dynamo, weiß, schwarz, mit dem UNVSU-Schriftzug: „Und niemals vergessen: Scheiß Union.“ Union, das waren die Systemgegner in der DDR, die Feinde vom BFC sind sie bis heute. Auf dem T-Shirt prangt noch das alte Wappen aus Zeiten, als der BFC ­Dynamo den DDR-Fußball beherrschte.
Mein Vater erzählt: „Als der BFC gegen Lok um die Meisterschaft spielte, haben die solange gespielt bis einer vom BFC ­umgefallen war und der BFC Elfmeter bekam.“ Berlin wurde Meister, nicht Leipzig. Sie nannten diesen Elfmeter fortan nur noch Schand-Elfmeter von Leipzig. „Da hatte Stasi-Chef Mielke seine Hand drauf. Alles Geldschweine, alles Säcke.“ So wie mein Vater dachten in der DDR viele über den BFC, und viele tun es bis heute.
Heute klebt auf der Stadion­toilette im Sportforum ein Sticker. Darauf sieht man zwei geballte Fäuste, die die Wappen des BFC Dynamo und von Lokomotive Leipzig nach vorne schieben. Darüber steht in Frakturschrift: „Geliebt von wenigen, gehasst von vielen.“ Denn in den 1990er Jahren, in der Zeit von Abriss, Neuordnung, Orientierungslosigkeit hatten Lokomotive Leipzig und der BFC plötzlich eine Sache gemein: Sie galten als Nazi- und Hooligan-Vereine und prägten so das Image ganzer Städte und Nachbarschaften.
Und das ist heute Hohenschönhausen in den Köpfen der Menschen, 25 Jahre nach der Öffnung der Mauer: Stasi, Nazis, Plattenbauten. Und wie jedes Klischee ist es dumm und stimmt nicht, das merkt man schon, wenn man hinfährt nach Alt- und Neu-Hohenschönhauen, wo zusammen fast 100.000 Menschen leben. Da sind Plattenbauten, klar, aber die sind nur halb so hoch wie in Marzahn, nur halb so einschüchternd. Es gibt aber auch Altbauten, sanierte Stadtvillen und flächige Viertel voller Einfamilienhäuser mit Spielstraßen. Das ist Alt-Hohenschönhausen. Die Platte findet sich in Neu-Hohenschönhausen. Aber auch hier sind die Häuser kleiner, die Blickachsen offener, alles etwas luftiger als in Marzahn oder den Satelliten-Städten anderer deutscher Großstädte. Hohenschönhausen hat ein anderes Problem als seine Bausubstanz, und ein anderes als Nazis und Stasis. Das sieht man aber nur, wenn man genau hinschaut und hinhört.

Kokettieren mit dem Nazi-Image

Als der BFC Dynamo an diesem Samstag im April gegen den SV Lichtenberg im Berliner Sportforum aufläuft, kommen wieder mehr Zuschauer als üblich: knapp 1.200. Unter das kleine Dach der Haupttribüne setzen sich die Fans, meistens kräftige, eckige Männer über 30. Unter den Anhängern des BFC scheint es eine inoffizielle Uniform zu geben. Von oben nach unten: ­Glatze oder Kurzhaarschnitt, Kapuzen­pulli, Jeans, Sneakers. Die Sneakers sind dabei taubenblau, neon-orange, blutrot, blattgrün, spitz zulaufend wie Tennisschuhe, mit Gelenkstützen für Basketballspiele, braun-ledrig fast wie Wanderschuhe, Adidas, New Balance, Asics, aber niemals Nike.
Das Spiel ist zäh, und die Anhänger des BFC sind wie alle mittelalten Tribünen-Fans dieser Welt während so einer Partie: etwas motzen, etwas fachsimpeln, etwas schweigen, noch ein Schluck vom Bier. Als aber der Stadionsprecher nach dem 1:0 für den BFC durchgibt, dass der Treffer in der 88. Minute gefallen sei, beginnen in verschiedenen Ecken Männer zu johlen. „Ausgerechnet!“, rufen sie. „Zu geil!“ Entweder freuen sie sich besonders, dass ihr Verein so kurz vor Schluss den Führungstreffer erzielt hatte oder sie kokettieren damit, dass der Treffer in der 88. Minute gefallen ist. Die 8 steht in der rechten Szene für den Buchstaben „H“, 88 also für HH. HH wiederum bedeutet „Heil Hitler“. Der BFC gewinnt die Partie schließlich, es sieht so aus als würde der Verein dieses Jahr in die vierte Liga aufsteigen. Aber es ist nur eine kleine Episode. Denn in Hohenschönhausen selbst ist die Kombination Glatze, Tattoos, Kapuzenpulli, Jeans und Sneaker eher selten.
Es dominiert die Kombination graue ­Locken, burgunderfarbene Windjacke bei den Damen beziehungsweise Schiebermütze und beigefarbene Windjacke bei den Herren. Im Linden-Center, dem Einkaufszentrum im Herzen von Neu-Hohenschönhausen, kann man sich dem typischen ­Hohenschönhausener nähern – wenn es denn so etwas gibt. Im Buchladen verrät eine Verkäuferin was gut geht: Sarrazins neues Werk, viele Anfragen zu Akif Pirinçcis Wutrede gegen einen von ihm ausgemachten Kult um Zuwanderer, Frauen und ­Homosexuelle. Manchmal aber, sagt die Verkäuferin, erkenne sie die Alten, die seit 25 Jahren öfter zurückgeblickt haben als nach vorne, „die alten Stasis“, wie sie die nennt. Die würden dann Bücher über den Ausverkauf durch die Treuhand kaufen und auf die Texte von Hubertus Knabe schimpfen. Knabe ist Direktor der Gedenkstätte  Hohenschönhausen, wo die zen­trale Untersuchungshaftanstalt der Staats­sicherheit war.

Alte Menschen und Kreuzfahrten

Gegenüber an der Theaterkasse erzählt der Verkäufer, was sich die Hohenschönhausener gerne angucken: Comedy, Schlager, die Revue im Friedrichstadt-Palast. Heute verkaufe er schon Tickets für Helene Fischers Show im Olympiastadion im Juli 2015. Und  was ist mit dem Stasi-Ruf? „Ja, die gab es überall, oder?“ Nebenan ist ein Reisebüro: „Die Hohenschönhausener fahren überall hin. Vom Kurztrip an die Ostsee bis zum Abenteuerurlaub in Afrika. Und Kreuzfahrten! Kreuzfahrten gehen gut.“ Das Büro gehört zu einer großen Kette, die in ganz Deutschland Büros hat. Die Verkäuferin sagt, dass die Hohenschönhausener Filiale eine der umsatzstärksten der Republik ist. „Wenn man halt nur 500 Euro für seine Vier-Raum-Wohnung zahlt, kann man auch gepflegt nach Afrika in den Urlaub fahren.“
Raus aus dem Einkaufscenter, über die ­S-Bahn-Gleise, hinein in den West-Teil von Hohenschönhausen. Je näher man dem Rand der Siedlung kommt, desto häufiger sieht man Fenster ohne Gardinen und Balkone ohne Pflanzen. Dann ein Park mit einem kleinen Teich, mit Kieselpfaden und Schilfgras, die Falkenberger Krugwiesen, ein Naturschutzgebiet. Direkt daneben liegt ein merkwürdiger Spielplatz. Er hat eine Schaukel, eine Rutsche, sogar so eine Art Parkour-Bahn für Skater, es fehlen festgetretene Kaugummis auf dem Beton, zerlatschte Kippenstummel, Spucke-Lachen. So ein Spielplatz wochentags um 14.45 Uhr ist eine kleine Zeitmaschine. Man kann etwas lernen über die Zukunft des Viertels. Es fehlen Kinder und Jugendliche auf diesem und auf anderen Spielplätzen des Viertels.
Eigentlich müssten dort junge Cliquen herumhängen, warten, dass etwas passiert. So ein Spielplatz ist ja das natürliche Zentrum eines jeden Viertels, denn da kann man sich aufhalten und im Zweifel auch mal wippen, was selbst für obercoole Kids noch ein Vergnügen wäre. Hier aber: niemand zu sehen. Das Viertel ist groß genug, dass es auf jedem Spielplatz eine Clique geben müsste, die wiederum in Sub-Gruppen aufgeteilt werden könnte, und zwischen denen sich Romeo-und-Julia-hafte Dramen von Liebe, Verrat, Überlaufen, Vereinigung und Versöhnung abspielen. Jetzt ­kicken hier nur zwei Jungs einen Ball hin und her. Einer der beiden sagt, dass er eigentlich gar nicht von hier komme, sondern eine halbe Stunde entfernt in Brandenburg wohnt.

Nur 40-Jährige beim Fußball, Helene Fischer, Kreuzfahrten, leere Wohnungen und leere Spielplätze. Abends das gleiche Bild: ein lauer Frühlingsabend, doch niemand hängt herum, an der Tankstelle, an der Bushaltestelle, auf dem Spielplatz. Das Problem von Hohenschönhausen sind nicht unbedingt Stasis, ­Nazis und Hools. Das Problem ist, dass es ­immer älter wird und ausstirbt. Das sieht man, wenn man etwas genauer hinsieht. Wenn man so will, ist das 25 Jahre nach der Maueröffnung ein sehr deutsches Problem.