Gesellschaftspanorama

Einsamkeit und Sex und Mitleid

Ein bitterböser Blick auf deutsche Befindlichkeiten: die Verfilmung von Helmut Kraussers Bestseller

ZITTY-Bewertung 6/6

Nieder mit dem Kätzchen-Kitsch! Gnadenlos geht der Baseballschläger auf ein Paar Porzellanmiezen nieder. Die Abbilder niedlicher Stubentiger können auf Dauer auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es rau zugeht in der Welt, nicht nur in der virtuellen. Ein Blick in die Runde zeigt: arme Würstchen, soweit das Auge reicht. Ein geschasster Lehrer, der sich für das ihm angetane Unrecht an der Welt rächen will. Ein Familienvater, der sich wie eine Bienendrohne fühlt. Dessen pubertierende Tochter, die den Lehrer einst skrupellos verleumdete. Der tiefreligiöse Klemmi, der sie tiefverzweifelt anhimmelt. Der „Arab“-Junge, der sie für 100 Euro ­lecken will.

Auch die taffe Künstlerin will mit dem ­Supermarktleiter vom Datingportal eigent­lich nur in die Kiste springen, während ­seine zielorientierte Exgattin den Typen vom Escort-Service hart rannimmt. Und dann noch ein paar mehr, die keine gute ­Figur abgeben und ebenfalls nicht besser wegkommen. Das Personal ist zahlreich, die Querverbindungen sind es auch. Die Perspektive aber, die ist zielgerichtet und ­unbeirrt und trifft die Gegenwartsgesellschaft tief ins Mark.

„Wo sind die Wurstabschnitte?“ Bernhard Schütz als in den Vorruhestand versetzter Lehrer
Foto: X Verleih

Wie ja auch der Filmtitel den Nagel auf den Kopf trifft: „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ – wer würde da nicht sofort freudig das ganz alltägliche Elend des modernen Lebens assoziieren? Ein Titel wie ein zynisches Grinsen, ersonnen vom Berliner Schriftsteller und ZITTY-„Stadtschreiber“-Kolumnisten Helmut Krausser (s. Seite 78), der seinen Roman von 2009 so benannte. Der wiederum ­liefert die Vorlage für das fulminante Kinodebüt des etablierten Fernsehregisseurs Lars ­Montag, mit dem zusammen Krausser auch das Drehbuch schrieb.

So entstand dieses durchweg hervorragend besetzte Ensemblestück in Cinemascope, das auf political correctness pfeift und dem lauwarmen Mainstream-Kino Deutschlands in den fettgeförderten Hintern tritt. Und man fragt sich: Wo kommt der, wo kommt das auf einmal her? Und warum passieren Filme wie dieser nicht viel öfter?

Nun, weil sich kaum einer traut. Weil die Sache mit der Finanzierung schwierig ist, wenn es keine eindeutig positiv besetzten Helden gibt, allenfalls Opfer, und ansonsten rassistische Polizisten als Identifikations­figuren angeboten werden. Weil es nicht so einfach ist, Erniedrigten und Beleidigten dabei zuzusehen, wie sie andere ­Erniedrigte und Beleidigte erniedrigen und beleidigen; der Wiedererkennungseffekt könnte eine Spur zu hoch sein. Auch ins höhnisch-­herablassende Gelächter kann man sich angesichts der gemein genau gezeichneten Charaktere nicht retten; es vergeht ­einem vielmehr recht rasch und dann dauer­haft. Die Figuren und ihre Geschichten sind nicht auf den humoristischen ­Effekt hin angelegt, und auch wenn sie mitunter grotesk wirken, sind sie doch fest verwurzelt in der Wirklichkeit – und der Lächerlichkeit preisgegeben werden sie nicht.

„Einsamkeit und Sex und Mitleid“ ist eher sarkastische Tragödie denn ­Tragikomödie und meint es ernst mit der Anklage ­einer Gesellschaft, die Individualismus als hedo­nistische Selbst-Befriedigung missversteht. Mitleid (wie im Titel), Mitgefühl, Empathie ist nicht nur eine Forderung, die Krausser und Montag an ihr egozentrisches Stell­vertreterpersonal stellen, das ­Mitleid ­suchen sie auch im Publikum. Weil so ­womöglich noch etwas zu retten wäre: wir.

D 2017, 120 Min., R: Lars Montag, D: Jan Henrik Stahlberg, Friederike Kempter, Rainer Bock, Bernhard Schütz, Peter Schneider, Eva Löbau

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