Berlin

DJ Eltron sitzt im Rollstuhl und will wieder auflegen

Jan Haufe ist als DJ Eltron auf dem Höhepunkt seiner ­Karriere, als ihn ein 15 Zentimeter großer Tumor aus dem Leben reißt. Haufe ist klinisch tot, überlebt nur knapp und sitzt heute im Rollstuhl. Er will wieder ­auflegen – das ­inklusive Festival Zurück zu den Wurzeln ist seine ­Chance

DJ Eltron Foto:Wurzelfestival 2017

Worauf es im Leben ankommt, wird einem oft erst bewusst, wenn es eigentlich schon zu spät ist. So ging es auch dem Musiker Jan Haufe. Der Berliner DJ und Produzent reiste als Eltron von einer Metropole in die nächste, legte monatlich in dem bekannten Club Tresor auf und verkaufte tausende Platten. Da war er 31 Jahre alt. „Ich hatte das Gefühl, jetzt kannst du alles erreichen“, sagt er über die damalige Zeit. Die gelegentlichen Magenschmerzen ignorierte er. Auch das Schwächegefühl nach langen Partynächten. „Ich war ein Workaholic“, fügt er hinzu.

Silvester 2011 spielt er im Tresor. Tagelang soll die Party gehen, doch Jan Haufe bleibt nur kurz. Er fühlt sich unwohl. Am 7. Januar 2012 setzt er sich in ein Taxi und fährt in ein Krankenhaus. Rücken- und Magenschmerzen plagen ihn. Ein Mitarbeiter weist Haufe in die Orthopädie ein. Dort bricht er zusammen. Zufällig sieht ihn ein Arzt und leitet Wiederbelebungsmaßnahmen ein. 30 Minuten lang, doch nichts passiert. Ein Krebstumor hat eine schwere Lungenembolie ausgelöst. Der herbeigeeilte Oberarzt sieht kaum noch eine Überlebenschance.

Einer von 120

Eine Stunde lang ist Haufe klinisch tot, wird sein Gehirn nicht mit Sauerstoff versorgt. Schon zehn Minuten gelten in der Medizin als kritisch. Nach zwanzig Minuten Herzstillstand sterben die Muskelzellen ab und irreversible Gehirnschäden treten auf. Haufe wird ins Koma versetzt. Nach Tagen beginnen die Gespräche über ein Abschalten der Geräte. Haufe leidet unter dem extrem seltenen Lance-Adams-Syndrom, einer Art Epilepsie. Nur etwa 120 Fälle sind in der Medizin bislang weltweit beschrieben worden, fast alle Patienten verstarben. Tag und Nacht sitzen Freunde und Familie neben Haufe, schlafen im Krankenhaus und bangen.

Am elften Tag lässt der Arzt ein DJ-Set von Eltron über die Lautsprecher der Intensivstation laufen. Den Namen hatte er im Internet gegoogelt. Es sollte ein Abschied sein. Doch dann geschieht das Unglaubliche. „Ich hatte einen Traum, dass ich die Augen öffnen muss“, sagt Haufe. In derselben Nacht wacht er auf und stammelt orientierungslos: „Was ist das denn hier für ein Mist?“

Aber was nach einem Sieg des Körpers nach einem langen Kampf aussah, entpuppt sich als Beginn eines langen Kampfes um den Körper. Haufes motorische Fähigkeiten sind stark gestört. Und dann ist da noch dieser 15 Zentimeter große Tumor in der Lymphdrüse. Vier Monate bleibt er während einer Hochdosis-Chemotherapie im Krankenhaus. Zudem leidet er unter extremen Ängsten beim Laufen. Langsam dämmert ihm, dass er nie wieder in sein altes Leben zurückkehren kann. Stattdessen muss er in die Reha, sitzt im Rollstuhl.

Die Musikindustrie ist ein schnelllebiges Geschäft. Neue DJs rücken nach, alte geraten in Vergessenheit. Fünf Jahre sind eine lange Zeit, gerade im Nachtleben. Und das Geschäft muss weitergehen. So wichtig wie die Musik für Jan Haufe beim Erwachen aus dem Koma war, so unwichtig ist Jan Haufe für das Überleben der Musikindustrie. „Anfangs kamen noch Bookinganfragen, meldeten sich Clubs, fragten, wie es mir geht. Aber mit der Zeit wurde das immer weniger“, erzählt Haufe.
Es ist ein Schlüsselerlebnis für ihn. Er, der jedem Gig entgegenfieberte, der nichts verpassen wollte und um die Welt reiste, ist nun auf einen Rollstuhl angewiesen, kaum in der Lage von einem Zimmer ins nächste zu rollen. Und dennoch ist er glücklich. Er ist froh und dankbar, überhaupt überlebt zu haben. „Mir wurde klar, dass die Karriere sehr schnell vorbei sein kann, andere Dinge wie Freunde und Familie aber bleiben“, sagt der heute 37-Jährige. Jetzt strebt er nicht mehr nach „höher, schneller, weiter“, sondern nach Gesundheit und Ruhe. Jeder Stress verlangsamt die Heilung.

Inklusion nur für die Gäste

Eigentlich müsste Haufe nicht mehr arbeiten. Er erhält eine Erwerbsunfähigkeitsrente. Dennoch will er nicht den Rest seines Lebens von der Gesellschaft Alimente erhalten, sondern wieder arbeiten, etwas zurückgeben. Doch all das gestaltet sich schwieriger als gedacht.

Diskotheken und Clubs verfügen zwar meist über eine Behindertentoilette, doch gibt es die oft nur für die Gäste, nicht für den DJ. Auch sonst gibt es kaum Möglichkeiten arbeiten zu gehen. Zwar soll das neue Bundesteilhabegesetz die Eingliederung von Menschen mit Behinderung fördern, fünf Prozent der Arbeitsplätze sollen für behinderte Menschen zur Verfügung stehen. Doch viele Unternehmen kaufen sich über den Schwerbehindertenausgleich frei. 200 Euro zahlen sie im Monat pro Stelle, die von nichtbehinderten Menschen besetzt wird.

Für Haufe gibt es so gut wie keine Möglichkeit, seiner alten Leidenschaft wieder nachzugeben – außer einer: Der Veranstalter Dragan Golubovic initiierte 2017 ein Inklusionscamp auf seinem Musikfestival „Zurück zu den Wurzeln“, zusammen mit Aktion Mensch und der Lebenshilfe Berlin. So können auch Menschen mit Behinderung an einem Festival teilnehmen. Und Jan Haufe bekommt die Gelegenheit, in der Öffentlichkeit aufzulegen. Zum ersten Mal seit dem Vorfall. Es ist sein großer Tag. „Ich war noch nie so aufgeregt“, sagt er. „Aber als es dann los ging, dachte ich einen kurzen Moment, es sei alles wie früher.“

Applaus und Adrenalin

200 Menschen sind auf dem „Märchentanzwiese“ genannten Floor des Festivals zusammengekommen. Eine Lichtung im Wäldchen, Sand unter den Füßen. Es ist Sonntagnachmittag, das Fest läuft schon seit vier Tagen, entsprechend euphorisch reagieren die Besucher auf Haufes Musik. Der DJ spielt von einem eigens für ihn errichteten Pult aus. Niedrig genug, um im Sitzen auflegen zu können, hoch genug, um mit dem Rollstuhl drunterfahren zu können. Früher spielte Haufe auch mit Platten, doch das ist ihm inzwischen zu heikel. Die Motorik funktioniert nicht mehr so gut. „Ich bin zu zittrig, ich würde die Platten nur zerkratzen“, sagt er.

90 Minuten sind für sein Set eingeplant. „Das war auch das Maximum, das ich mit meinen Einschränkungen noch stemmen konnte.“ Er schafft es, bis zum Ende durchzuspielen, nicht zuletzt wegen des Adre­nalins. „Die Stimmung war der Hammer“, sagt er. Nachdem er sein Set beendet hat, übernimmt nicht, wie sonst üblich, einfach nahtlos der nächste DJ. Sondern die Musik bleibt erstmal aus – und das Publikum ­applaudiert. Haufe ist selig. 2018 ist er auf jeden Fall wieder dabei.

Die nächste Ausgabe des Festivals Zurück zu den Wurzeln findet vom 7.–10. Juni 2018 in Niedergörsdorf statt. Alle Informationen unter www.wurzelfestival.de

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