URAUFFÜHRUNG

Bewegung und Begegnung

Die polnische Regisseurin Elzbieta Bednarska hat das Buch „Unrast“ ihrer ­Landsfrau Olga Tokarczuk als Musiktheater für die Bühne bearbeitet

Text: Regine Bruckmann

Als das Team um die polnisch-stämmige Theatermacherin Elzbieta Bednarska im vergangenen Sommer mit einem alten polnischen Auto voller Instrumente zum ersten Probentag in die Zitadelle Spandau rollte, tagte dort die AfD: weiträumige Absperrungen, viel Polizei, Sicherheitsmaßnahmen. Die Schauspieler und Musiker aus Belgien, Polen, Österreich, Spanien, Irland, Deutschland und der Schweiz mussten ihre Taschen und ihr Auto durchsuchen lassen.

Für Bednarska war es so, als würde das Thema ihrer Produktion hier negativ gespiegelt. Das Buch „Unrast“ der bekannten polnischen Schriftstellerin Olga Tokarczuk beschäftigt sich mit der Mobilität des modernen Menschen und ist wie ein Skizzenbuch voller Momentaufnahmen. Kleine Geschichten sind darin enthalten, aber auch philosophische oder autobiografische Betrachtungen.

Grenzen und Mauern fallen, die meisten Menschen können heute überall hinreisen, Daten werden weltweit übertragen. Diese Entwicklung ist nicht wieder rückgängig zu machen, andererseits macht sie vielen auch Angst. Was ist Heimat: ein Ort oder eine Sprache? Können wir die grenzenlose Mobilität beherrschen? Bewegen wir uns oder werden wir bewegt?

Reisen zwischen Festungswänden: Anna von Schrottenberg in „Unrast” – Foto: Daphne Roeder

Einige dieser Motive greift Bednarska in ihrer neuen Produktion auf. Der Familien­vater Konitzky kann nicht begreifen, wie seine Frau und sein Sohn auf einer winzigen kroatischen Insel verschwinden können. Als sie wieder auftauchen, ist nichts mehr wie vorher. Eine Frau, Anuschka, bewegt sich in Moskau durch die Tunnel der U-Bahn. Zuhause warten ein schweigender Mann und ein krankes Kind auf sie. Oder die Geschichte von Frederic Chopins Herz. Er lebte in Frankreich, aber nach seinem Tod brachte seine Schwester sein Herz zurück nach Polen.

Elzbieta Bednarska wuchs in Breslau im sozialistischen Polen auf. Ihre Mutter ist Russin. In der Schule schämt sie sich für ihr gutes Russisch. Die Sprache wird zwar in der Schule gelehrt, aber die Russen werden in Polen als Besatzer wahrgenommen und haben einen schlechten Ruf. Später, in den 80er-Jahren will sie Freunde in Frankfurt am Main besuchen, muss ein Visum beantragen und monatelang auf eine Ausreisegenehmigung warten. „Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn einem das ­existentielle Recht auf Bewegungsfreiheit verweigert wird“, erzählt sie, und: „In einem solchen Land, welches nicht nur meine Reisen, sondern auch meine Gedanken kontrollieren wollte, konnte ich nicht leben.“

Nachdenken über Heimat: Elzbieta Bednarska, 55 – Foto: Michael Ross

Kurz nach der Wende geht sie in die BRD, wohnt im Ruhrgebiet, in München und in Berlin. Aber sie arbeitet auch in Polen. Gemeinsam mit ihrem Mann gründete sie die Stiftung Spotkania (Begegnungen), mit der sie Theaterprojekte mit sozial auffälligen polnischen Jugendlichen finanziert und Kultur bis nach Ostpolen nahe der russischen Grenze, in verlassene, vergessene Regionen bringt. Bewegung und Begegnung – das ist Elzbieta Bednarska wichtig.

In Berlin bespielte sie die ­Theaterkapelle, das Ballhaus Ost oder das einstige Frauengefängnis in Lichterfelde. Nun platziert sie ihre Betrachtungen zur Unrast der Moderne in die Zitadelle Spandau mit deren mächtigen Mauern.

Die Schauspieler, Tänzer und Musiker werden den Vorhof des Museums, das große Foyer und den gotischen Saal bespielen, auf Mauervorsprünge klettern, Volkslieder singen und in den großen Räumen nach Anhaltspunkten suchen. Die Zuschauer bewegen sich mit, draußen und drinnen. Vielleicht begegnen sie sich auch? Denn schließlich heißt es in dem Buch: „Das Ziel meiner Pilgerreise ist immer der andere Pilger.“

11.–13.1., 20 Uhr, Zitadelle Spandau, Am Juliusturm 64, Spandau. Regie: Elzbieta Bednarska; mit Nico Ehl, Anna von Schrottenberg, Jule Torhorst, Sophie Tassignon. Eintritt 15, erm. 10 €