Anders Arbeiten

Endlich frei!

Anders arbeiten, besser leben: Immer mehr Menschen sehnen sich nach Alternativen zur 40-Stunden-Bürowoche. Wir stellen Menschen vor, die der Schreibtisch-Routine mit neuen Ideen entkommen

Protokolle: Jens Hollah, Julia Lorenz und Michael Metzger

Eva Wimmer, Holzdesignerin

»Trotz aller Ungewissheiten als Selbstständige fühle ich mich freier als je zuvor« Fotos: F. Anthea Schaap; Ricardo de Moraes
»Trotz aller Ungewissheiten als Selbstständige fühle ich mich freier als je zuvor«
Fotos: F. Anthea Schaap; Ricardo de Moraes

„An meinem alten Job als PR-Beraterin hat mich vor allem gestört, dass ich nicht mit den Händen gearbeitet habe. Zwar haben mir Freunde und Bekannte bei meinen Plänen, mich selbstständig zu machen, immer gut zugeredet – doch der ausschlaggebende Punkt war meine Mutter, die immer an mich geglaubt und mich in meinem Vorhaben unterstützt hat. Heute habe ich mit meinem eigenen Label „madeva Holzliebe“ mein Hobby zum Beruf gemacht. Ich produziere vor allem individuelle Kunststücke, für die ich Fotografien in die Holzoberfläche einarbeite. Schon als Kind hatte ich eine Affinität zu Holz, es ist im Gegensatz zu anderen Materialien so schön warm. Besonders der Geruch beruhigt mich. Im Vergleich zu früher fühle ich mich trotz aller Ungewissheiten und der sozialen Einbußen, die mir mein Arbeitspensum beschert, freier als je zuvor. Ich habe nicht mehr das beklemmende Gefühl, für jemand anderen zu arbeiten, denn ich bin mein eigener Chef.“

Alter: 31
Arbeitszeit pro Woche: 35-60 Stunden – oder mehr
Das Beste daran: die Selbstbestimmtheit
Das nervt: der Auf- und Abbau bei Messen
In 10 Jahren…  gehe ich immer noch dem gleichen Job nach, möchte aber sowohl in Berlin als auch auf dem Land wohnen


 Przemek Schreck, Kafka-Experte

„Ich habe früh begriffen, dass ich keinem konventionellen Beruf nachgehen kann. Nachdem ich meine Laufbahn als Leistungssportler beendet hatte, ging ich Gelegenheitsjobs nach und reiste jahrelang durch Asien. Gleichzeitig beschäftigte ich mich ausführlich mit Literatur. Tolstoi, Gogol, Beckett – ich habe mich vielen Autoren gewidmet, aber Kafka ragte heraus. Die Rechercheergebnisse präsentiere ich nun in zwei- bis dreistündigen Veranstaltungen, der Kafkaleidoskop-Reihe. Im ersten Teil führe ich ein Theaterstück auf, das auf einer Geschichte von Kafka basiert. Anschließend halte ich einen Vortrag zu seinem Leben im Jahr der Entstehung des Werks, um schließlich in einer Diskussionsrunde das Publikum einzubeziehen. Wenn ich auftrete, möchte ich Kafka lebendig werden lassen.

Przemek Schreck lässt Kafka lebendig werdenFoto: Ricardo de Moraes
Przemek Schreck lässt Kafka lebendig werden
Foto: Ricardo de Moraes

Ich spiele, wo Kultur gefragt ist: in Cafés, Bars oder kleinen Theatern etwa. Das bringt eine gewisse Unsicherheit, aber auch viel Flexibilität mit sich. In den letzten zwei Jahren befand ich mich in der Vorbereitungsphase: Ungefähr 60 Vorträge lang habe ich ausprobiert, was beim Publikum ankommt. Nun will ich eine breitere Öffentlichkeit erreichen, ab dem Frühjahr sogar Literaturreisen nach Prag anbieten. Besonders sicher ist mein Auskommen mit den Kafka-Abenden bis dato nicht gewesen – aber das wird sich nun ändern.“

Alter: 40
Arbeitszeit pro Woche: schwer zu beziffern –  Kafka beschäftigt mich den ganzen Tag
Das Beste daran: die Begeisterung der Zuschauer
Das nervt: nichts, die Freude überwiegt
In 10 Jahren… stehe ich auf den Brettern des Berliner Ensembles

kafkaleidoskop.com


Sophie Bleich, Agenturchefin

Sightseeing nach Arbeitsschluss: Sophie Bleich Foto: David Zander
Sightseeing nach Arbeitsschluss: Sophie Bleich
Foto: David Zander

„Zu zweit eine Firma zu gründen, hat viele Vorteile. Zum Beispiel kann man dem Berliner Herbst einfach den Rücken kehren. Bei einem Kaffee kam meiner Freundin Mila und mir die Idee, das Büro unserer Agentur content collective fünf Wochen lang nach Italien zu verlegen. Workation nennt sich das Prinzip: Gemeinsam mit anderen digitalen Nomaden reist man an einen exotischen Ort, um in Urlaubsatmosphäre zu arbeiten. Gegen eine professionell organisierte Workation-Reise haben wir uns bewusst entschieden, weil wir unser eigenes Ding machen wollten. Die Wahl fiel auf Süditalien, weil es in derselben Zeitzone wie Berlin liegt. Das erleichtert den Kontakt mit unseren Auftraggebern, für die wir Texte, Bilder und Kampagnen produzieren. Zudem waren die Flüge nach Catania gerade günstig. Und noch wichtiger: Die Wetterprognose war gut! Die Reaktionen unserer Kunden fielen durchweg positiv aus, ständig hörten wir: „Habt ihr es gut, so einen Tapetenwechsel hätte ich auch gerne!“ Bei aller Abenteuerlust mussten wir sicherstellen, dass es in jeder Wohnung schnelles WLAN gibt – leider nicht überall selbstverständlich. Ansonsten haben wir in Süditalien noch effizienter als zu Hause gearbeitet. Schließlich wollten wir nach Feierabend Zeit für Sightseeing haben! Ob der Ortswechsel unterm Strich Gewinne oder Verluste gebracht hat, habe ich nie nachgerechnet – eine Bereicherung sind Reisen ja immer. Mila und ich wollen diesen Herbst jedenfalls wieder aufbrechen. Dann vielleicht nach Südafrika.“

Alter: 30
Arbeitszeit pro Woche: im besten Fall 40, aktuell eher 55 Stunden
Das Beste daran: die Freiheit und die Kreativität
Das nervt: Kunden, die keine Relationen kennen
In 10 Jahren… bin ich immer noch froh über die Firmengründung


Susanne Müller-Seidel, Kundenbetreuerin

„Ich habe 2013 meinen Job bei Daimler in Berlin gekündigt und bin nach Trinidad und Tobago gezogen. Zunächst war der Ortswechsel als eine Art Auszeit gedacht. Schon lange hatte ich mit dem Gedanken gespielt, meinen Job aufzugeben, aber da er sicher und gut bezahlt war – was ja in Berlin nicht unbedingt die Regel ist –, fiel mir der Schritt schwer. Als mir der Zufall jedoch eine Gelegenheit anbot, habe ich sie genutzt, um endlich raus aus dem Hamsterrad zu kommen.

In den ersten drei Monaten habe ich nicht gearbeitet, dafür aber begonnen, an einem Buch zu schreiben. Endlich stand mir wieder Raum für Kreativität offen. Dann habe ich den lokalen Arbeitsmarkt abgecheckt und verschiedene Jobs ausprobiert – etwa Konzerte organisiert und bei einer kleinen Filmproduktion mitgearbeitet. So bin ich schließlich beim „Trinidad+Tobago Film Festival“ als Eventmanagerin gelandet. Da ich zuvor schon viel Festivalerfahrung hatte, haben mich die Veranstalter mit Kusshand genommen.

Mittagspause in der Karibik: Susanne Müller-SeidelFoto: privat
Mittagspause in der Karibik: Susanne Müller-Seidel
Foto: privat

Auch privat meinte es der Zufall gut mit mir: Beim Surfen lernte ich meinen Freund kennen, der auf einem Segelboot lebt – und zog kurzerhand mit ihm an Bord. Mittlerweile leben wir die meiste Zeit des Jahres auf Tobago, der kleineren der beiden Inseln. Direkt an einem der besten Surfspots der Karibik. Und wenn wir mal einen Tapetenwechsel brauchen, machen wir die Leinen los und segeln zu einer der vielen anderen karibischen Inseln – Grenada, Union Island, Tobago Cays, Mayreau oder Bequia.

Über eine Stelle als virtuelle Assistentin, also als freiberufliche Hilfskraft für Unternehmen, bin ich an meinen jetzigen Arbeitgeber geraten, ein junges Berliner Startup. Die Firma vermittelt Leistungssportlern Sportstipendien in den USA. Ich arbeite als Kundenbetreuerin und kann vom Boot aus via Skype und E-Mail alles steuern. Alles, was ich dafür brauche, ist eine stabile Internetverbindung. Die Zeitverschiebung kommt mir dabei sogar sehr gelegen, denn meine Kunden – allesamt Schüler – haben meist nur abends nach der Schule Zeit für Gespräche. Und die Trainer in den USA leben in meiner Zeitzone.

Es ist ein Traumjob, der mir unglaublich viel Spaß bringt. Schließlich helfe ich jungen Leuten dabei, ihren Traum zu erfüllen, im Ausland Studium und Sport zu vereinen. Viele meiner Kunden betreue ich über Monate hinweg und baue so eine enge Bindung zu ihnen auf. Da bekommt man schon mal eine geballte Ladung Privatleben ab: Abistress, Sportverletzungen, Führerscheinprüfung oder Liebesprobleme zum Beispiel. Aber ich freue mich, wenn ich für den ein oder anderen auch mal die große Schwester sein kann.

Ich habe Glück, dass mein Chef und das Team großes Vertrauen in mich haben, sodass ich sehr selbstständig arbeiten kann. Dazu kommt, dass ich jetzt genau das Leben führe, das ich mir immer gewünscht hatte. Ich kann meine Arbeitszeit selbst einteilen und bestimmen, wann und wo ich mich an den Computer setze. Wenn ich morgens nach dem Aufwachen aufs Meer schaue und gute Wellen erspähe, gehe ich eben zwei Stunden surfen und schalte den Laptop etwas später an. Oder schwimme eine Runde, statt mich zur Mittagszeit in eine dunkle Kantine zu setzen.

All das fühlt sich frei, selbstbestimmt und gesund an. Klar verdiene ich weniger Geld als zuvor und kann nicht mehr so viel für die Rente sparen – doch wenn ich erst einmal Rentnerin bin, werde ich auf diese Zeit immer mit Freude zurückblicken und nichts bereuen. Insgesamt ist mein Leben viel simpler geworden und klarer geworden. Shoppen gehen, auf Partys tanzen – solche Dinge sind mit nicht mehr wichtig. Endlich bin ich dem Gefühl, permanent getrieben zu sein, entkommen.

Stattdessen habe ich nun die Ruhe, vor allem aber genügend Stoff und Lust, meinen Blog sutellmeastory.tumblr.com mit Geschichten aus dem Inselalltag zu füllen. Auch an meinem Buch schreibe ich weiterhin, mittlerweile schon an Teil zwei. Zum vollkommenen Glück fehlt nur noch ein Verleger.

Von Mai bis September werde ich in Berlin sein, um Freunde zu treffen – und Kultur und Großstadtleben zu tanken. Davon zehre ich Monate.“

Alter: 33
Arbeitszeit pro Woche: 30 Stunden
Das Beste daran: Mein Laptop ist mein Büro – ob in Berlin oder in der Karibik
Das nervt: Da ich Wind und Sonne als Energiequellen nutze, muss ich den Laptop nach Einbruch der Dunkelheit ausschalten
In 10 Jahren… bin ich morgens hoffentlich immer noch die erste auf dem Surfbrett


Alexander Przewdzick,  Busfahrer in Spe

Alexander Przewdzick tauscht Laptop gegen LenkradFoto: Arash Persian
Alexander Przewdzick tauscht Laptop gegen Lenkrad
Foto: Arash Persian

„Die Entscheidung, ob ich mein Leben ändern will, wurde mir abgenommen: Im Oktober 2015 entließ mich mein Arbeitgeber aus betrieblichen Gründen. Unwillig, mich auf den nun anstehenden Bewerbungsmarathon einzulassen, begann ich, über einen alten Kindheitstraum nachzudenken. Schon mit sechs Jahren soll ich meinem Vater verkündet haben, dass ich mal ein Bus­unternehmen gründen werde. Und jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Meine Idee: einen alten Bus aufzurüsten, um ihn für individuelle Busreisen zur Verfügung zu stellen. Im Internet fand ich einen sehr besonderen, alle Dimensionen sprengenden Reisebus – ein echtes Monster, das in dieser Form nicht mehr hergestellt wird. Mit dem Händler stehe ich in Kontakt, nun muss ich das Geld beschaffen: Je 40.000 Euro werden für den Bus und die Restauration fällig. In den vergangenen Monaten habe ich Existenzgründer- und Businessplanseminare besucht, ein Konzept entwickelt, Förderungen beantragt und Banken angeschrieben, doch die Wartezeiten auf Kredite sind lang. Quälend lang, wenn man, wie ich gerade, arbeitssuchend ist. Deshalb habe ich eine begleitende Crowdfunding-Kampagne gestartet.

Obwohl ich gut vorbereitet in die Selbstständigkeit starte, habe ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis einige Grabenkämpfe austragen müssen. Angst vor der Zukunft habe ich trotzdem nicht. Im Gegenteil: Momentan überwiegt die Freude, Menschen und ihre Geschichten kennenlernen zu können. Deshalb steht für mich auch fest: Das Lenkrad bleibt Chefsache! Fahren will ich den Bus unbedingt selbst.“

Alter: 35
Arbeitszeit pro Woche: gerade gefühlt 100 Stunden
Das Beste daran: Menschen etwas Besonderes bieten zu können
Das nervt: die Zweifler in meinem Umfeld
In 10 Jahren… fahre ich einen ökologisch aufgerüsteten Elektrobus


Ellen Härtel, Marketing-Managerin

„Bis ich meinen Job in einer Münchner Presseagentur kündigte, war mein Alltag ziemlich ausgeplant: Acht Stunden am Tag im Büro arbeiten, zwei Stunden pendeln – über die Hälfte des Tages verschwand ich in der Arbeitswelt. Viel Zeit für eigene Projekte blieb da nicht. Auf der Suche nach einer neuen Anstellung wurde ich auf das Berliner Startup Tandemploy aufmerksam, und somit auf das Prinzip Jobsharing. Da viele Arbeitgeber keine halben Stellen anbieten, bringt Tandemploy Menschen zusammen, die sich einen vollen Posten mit einem Partner teilen wollen. Seit Oktober 2015 übe ich nun meinen Job im Marketing gemeinsam mit meiner Tandempartnerin aus. Die Zusammenarbeit funktioniert bestens, wir verstehen uns nahezu blind und füllen die Stelle effizienter aus, als es eine Person allein könnte.

 Ellen Härtel (li.) und ihre Tandempartnerin Raya Kolchakova Foto: Christian Stumpp
Ellen Härtel (li.) und ihre Tandempartnerin Raya Kolchakova
Foto: Christian Stumpp

Aus meinem Umfeld habe ich viel Zuspruch erhalten. Meine Freunde sehen, dass es kein Rückschritt ist, weniger zu arbeiten, sondern ein Gewinn an Lebensqualität. Parallel zum Beruf kann ich sogar meinem Ehrenamt als Nachhilfelehrerin nachgehen. Mein letzter Schüler in München kam aus Sierra Leone und brauchte Unterstützung in Deutsch. Ihn zum Abschluss zu begleiten, war eine wunderbare Erfahrung. Gerade suche ich mir einen neuen Schüler – die Zeit, ihm zur Seite zu stehen, habe ich ja nun.“

Alter: 31
Arbeitszeit pro Woche: 32 Stunden
Das Beste daran: die neugewonnene Freiheit und der Luxus, sich die Verantwortung teilen zu können
Das nervt: der Rechtfertigungsdruck gegenüber Menschen, die das Jobmodell nicht kennen
In 10 Jahren… arbeite ich noch immer im Tandem

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