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Endlich Herbst!

Foto: I. Haas / Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin

Der Dichter Rainer Maria Rilke forderte in seinem berühmten Gedicht „Herbsttag“ eine wohl wetterbestimmende Persönlichkeit dazu auf, ihres Amtes zu walten. „Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren und auf den Fluren laß die Winde los.“ Im weiteren gibt Rilke seiner Lesegemeinde ein paar Tipps für die Wochen „wenn die Blätter treiben“: Nämlich „lesen, lange Briefe schreiben“ und „auf den Alleen zu wandern“. Tipps geben, das können wir auch und haben deshalb etliche Empfehlungen für die laubbunten Tage zusammengetragen. Von Ausflügen, Nesting-Anregungen und Spaziergängen etwa zu Loriots Quietscheenten bis zur Binge-Watching-Beratung. Viel Spaß!  -icke

Draussen sein

Botanischer Garten

Botanischer Garten Berlin Bild: imago

Neugierige erfahren, was eine Dipteronie ist, Genießer erfreuen sich an den Farben
Den Herbst kann man hier sehen und man kann ihn riechen. Jetzt duftet der Botanische Garten nach gefallenem Laub, feuchtem Holz und nach Pilzen, denn die gedeihen hier auch. Die über 1.800 Baum- und Straucharten aus aller Welt im Arboretum sorgen für eine große Farbvielfalt in allen Schattierungen – vom satten Grün der Nadelgehölze über das Gold der Laubbäume bis zum tiefen Rot der Früchte an den Sträuchern und den Blättern der Dipteronien, ein Rosskastaniengewächs aus China mit gefiedertem Laub.

Der Botanische Garten gehört ebenso wie das Botanische Museum zur Freien Universität. Er hat also einen Lehrauftrag. Das ist aber alles andere als trockenes Wissen, sondern macht einen Besuch umso spannender. Kann man doch einfach per Spaziergang zu anderen Kontinenten reisen, denn die Flora ist sowohl nach Gattungen und Familie wie geografisch gruppiert. Die Gewächshäuser sind mehr als eine Schlechtwetteroption. Allein wegen der Insektivoren. Was das ist, erfährt man hier natürlich auch.
Stefan Sauerbrey

Unter den Eichen 5–10, Lichterfelde, S1, M48; Eingang (auch Museum) Königin-Luise-Str. 6–8 ist z. Zt. wegen Bauarbeiten nicht barrierefrei, tgl. 9–20 Uhr, 6/3 €, bgbm.org

Pittoreskes Potsdam

Von Sanssouci über die russische Kolonie bis zur Glienicker Brücke Eine historische Entdeckungstour entlang der schönsten Potsdamer Baudenkmäler startet man am besten am Bahnhof Park Sanssouci. Von dort geht es über die Straße Am Neuen Palais in den Schlosspark, wo auch die Universität Potsdam ansässig ist. Wer mag, sollte auf dem Weg nach Sanssouci einen Abstecher in den schönen Botanischen Garten machen. Nach einem Besuch des Rokokoschlösschens von  Friedrich II. geht es über Voltaireweg und Jägerallee zur Russischen Siedlung Alexandrowka, die Preußenmonarch Friedrich Wilhelm III. von 1826 bis 1827 für russische Sänger errichten ließ. Eines der Holzhäuser beherbergt ein sehenswertes Museum. Entlang der Beyer- und Großen Weinmeisterstraße führt die Tour vorbei an der Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße, einer ehemaligen sowjetischen Haftanstalt, zum Havelufer. Im Neuen Garten gibt es das Schloss Cecilienhof, die Muschelgrotte und eine Eremitage. An der Glienicker Brücke, wo zur Zeit des Kalten Krieges Spione ausgetauscht wurden, endet die Tour – insofern sie nicht bis zur Pfaueninsel verlängert wird. Max Müller

RE1 von Friedrichstraße über Hbf und Zoologischer Garten nach Park Sanssouci

Ab in die Uckermark

In Lychen treffen idyllische Landschaften auf die Relikte einer dunklen Vergangenheit
Knisterndes Laub und ein See, der an goldenen Herbsttagen eine Ruhe ausstrahlt, wie man sie in Berlin bisweilen schmerzlich vermisst. Lychen, am nordwestlichen Ende der Uckermark, kurz vor der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern, ist ein idealer Ausgangspunkt für eine kleine Auszeit – sei es als Tagestrip oder für ein Wochenende. Ein guter Ort, um zu einer Entdeckungstour aufzubrechen, ist das Seehotel Lindenhof. Von dort geht es auf dem Wurlsteig bis in die Flößerstadt. Dort gibt es hübsche kleine Cafés, aber auch die alte „HO Gaststätte Ratseck“, die auf ihren Abriss wartet. Wer mit Kids unterwegs ist, sollte einen Ausflug ins rund 13 Kilometer entfernte Weihnachtsdorf Himmelpfort in Erwägung ziehen. In der Nähe befindet sich auch die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. In dem Konzentrationslager waren während der NS-Zeit vor allem Frauen interniert. Max Müller

RE5 bis Fürstenberg(Havel), anschl. mit dem Bus bis nach Lychen

Schorfheide

Einatmen – ausatmen, loslaufen!
Der Wald und der Herbst sind ein Traumpaar. Wenn die Sonne durch die Wipfel leuchtet, die Füße im roten Laub versinken und alles nach feuchtem Holz und Pilzen duftet, verlangsamt sich automatisch der Puls. Trendsetter sprechen von „Waldbaden“, und in Japan ist „Shinrin Yoku“ eine anerkannte medizinische Therapie. Wie auch immer man es nennt: Es tut wahnsinnig gut. Besonders in der wunderbaren Schorfheide.

Ein Klassiker ist der Wildpark Schorfheide (Foto), wo es neben der Wildpferdkoppel-Weite auch schöne Waldabschnitte mit Wolf und Wildsau zu durchstreifen gibt. Wer auf abgelegeneren Pfaden wandeln will, der erkundet das Plagefenn: eine verwunschene Moorlandschaft, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von Waldelfen und anderen Fabelwesen bewohnt wird. Kriecht die Moorluft dabei zu tief in die Knochen, dann gibt es danach Kaffee und Kuchen im Brodowiner Hofladen.

Wer auf einen Besuch des Werbellinsees nicht verzichten will, der verlegt die Route nach dort: In Eichhorst in den Wald eintauchen und nach ausreichendem „Baden“ gen Werbellinsee wandern. Im Gasthaus Am Spring gibt es Pizza und wärmenden Rotwein, natürlich mit Seeblick. Und, welche ist die schönste Jahreszeit von allen? Genau. Lydia Brakebusch

RB27 bis Groß Schönebeck oder RE3 bis Eberswalde und weiter mit Bussen nach Eichhorst oder Brodowin


Ruhestätte mit Seeblick

Waldfriedhof Heerstraße Foto: F. Anthea Schaap

Der idyllische Waldfriedhof Heerstraße bietet alte Bäume und tote Promis
Okay, manche meiden Friedhöfe, gruseln sich vor diesen Endstationen vergangener Leben, konfrontieren sich nicht gerne mit dem Tod. Dabei sind Friedhöfe in der Großstadt entspannte Rebellen gegen urbane Betriebsamkeit, grüne Oasen der Gelassenheit. Sie laden als öffentliche Orte ein zur Auszeit vom Alltagstrubel und zur Kontemplation übers Leben, das Universum und den ganzen Rest.

Zur Betrachtung der Radieschen von oben ist gerade der Herbst prima geeignet, wenn goldgelbe Baumkronen das Werden und Vergehen hübsch illustrieren. Und besonders schön ist hierfür der Waldfriedhof Heerstraße.

Wer hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat, hat Seeblick. Rund um die Mulde des Sausuhlensees sind die Gräber terrassenförmig angeordnet, die Wege führen geschwungen zum Seeufer hinab. Radieschen wachsen zwar eher nicht auf den Gräbern, dafür aber Eisbegonien, Chrysanthemen und allerlei Staudenpflanzen inmitten alter Kiefern und Buchen.

Der Seeblick gefiel wohl auch manch bekannter Persönlichkeit. Illustre Namen stehen auf vielen Gräbern, ein Who-is-who, das mit dem Dorotheenstädtischen Friedhof, dem bekannten Promifriedhof an der Chausseestraße, durchaus mithalten kann. Über 50 Ehrengrabstätten des Landes Berlin befinden sich auf dem interreligiös angelegten Friedhof. Der Bildhauer Georg Kolbe gehört dazu, der sein aus vier großen Marmorplatten mit drei feinen Säulen bestehendes Grabmal noch selbst geschaffen hat. Unweit des Friedhofs befindet sich auch das Georg-Kolbe-Museum.

Zu den toten Promis gehören auch George Grosz,  Joachim Ringelnatz, Grete Weiser, Curt Goetz, Ferdinand Bruckner, Willi Kollo, Klausjürgen Wussow, Vadim Glowna, Bubi Scholz und Horst Buchholz (Foto links). Auch der Schlagersänger Gunter Gabriel („Der letzte Wagen ist immer ein Kombi“) hat hier seinen Gedenkstein. „Was bleibt sind meine Songs“ steht drauf. Das spektakulärste Grab aber hat Loriot: Es ist umstellt von Quietscheentchen. Die Ente bleibt eben draußen. Friedhelm Teicke

Trakehner Allee 1, Charlottenburg, S-Bhf./U-Bhf. Olympiastadion

Weitere interessante Friedhöfe:
Dorotheenstädtischer Friedhof. Chausseestraße 126, Mitte. U-Bhf. NaturkundemuseumSüdwestkirchhof Stahnsdorf, Bahnhofstr. 2, Stahnsdorf. Bus 601, 602, 623 (bis Bahnhofstr.)Friedrichswerdersche Kirchhöfe, Bergmannstr. 39–47, Kreuzberg, U-Bhf. Südstern


Dampf ablassen

Poolboote, Saunaflöße und illuminierte Ausflugsschiffe erobern Berlins Gewässer
Dichter Dampf umhüllt während der kalten Jahreszeit Jannis Wetzlaugks Boot. Dabei handelt es sich nicht um bläulichen Dunst, der vom Schornstein aufsteigt – der Kahn fährt elektrisch. Es ist das Kondensat des integrierten Whirlpools. Eines schwimmenden Pools, des sogenannten Badedampfers, der seit einigen Wochen am Treptower Park vor Anker liegt und dort für mehrstündige Ausfahrten angemietet werden kann.

„Als Fitnesstrainer habe ich einige Jahre auf Kreuzfahrtschiffen gearbeitet. Irgendwann fiel mir das Bild eines schwimmenden Pools in die Hand. Da kam mir die Idee, den ersten seiner Art in Deutschland zu bauen“, sagt Wetzlaugk. Leicht war es nicht, die Konstruktion entpuppte sich als schwieriger als zunächst gedacht. Nach einigen Fehlschlägen klappte es schließlich. „Der ‚Badedampfer‘ kann das ganze Jahr über gemietet werden.“ Beheizt wird das Boot mit Holz, für Regentage gibt es ein Verdeck. Der Whirlpool reicht für sechs Personen, bietet ein Sonnendeck sowie Getränkehalter. Einen Führerschein braucht man nicht.

Eingeheizt wird Wasserliebhabern auch an zwei anderen Stellen. Zwischen Grunewald und Spandau liegt das „Berliner Saunafloss“ des Buchautors Dirk Engelhardt. Die Saunatonne wird mit einem Holzofen beheizt, zwei Fenster bieten einen schönen Ausblick aufs Wasser. Nach dem Saunagang kann man in die kalte Havel springen. Auch an der Müggelspree gibt es ein Saunafloß, das Finnfloat, mit original finnischer Sauna, skandinavischem Design und Hygge-Feeling.

Deutlicher günstiger, aber nicht minder schön ist die „Glitzerschiff Citytour“ der Stern + Kreis. In zwei Stunden führt die Lichterfahrt vorbei an den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt. Max Müller

Badedampfer, Poetensteig, Treptow, www.badedampfer.de, 2 Stunden: 199 Euro
Saunafloss, Havelchaussee 107, Grunewald, www.saunafloss.info, 3 Stunden: 210 Euro
Finnfloat, Müggelseedamm 70, Friedrichshagen, www.finnfloat.de, 3 Stunden: 230 Euro / 2 Pers.
Glitzerschiff Citytour, 4.11.–22.12. täglich 17–19 Uhr, ab/an Nikolaiviertel,  www.sternundkreis.de, Karten: ab 25 Euro


Drinnen sein

Messer, Schere, Nadel, Licht

Die schönste Zeit, sich den reizenden Resten des Alltags zu widmen, ist jetzt
Die hohen Temperaturen Anfang Oktober haben den Zeitplan durcheinander gebracht. Doch nun ist das letzte Picknick an einem See geschafft. In der guten Stube darf die Heizung laufen, und je früher es abends dunkelt, desto heller scheinen die Lampen auf all das, was sich daheim erledigen lässt, in guter alter Handarbeit. Denn, nicht zu vergessen, die Festsaison nähert sich im Sauseschritt. Advent, Nikolaus, gar Weihnachten: Wir eilen mit.

Also aufgeräumt in Schubladen, Kramkörben, Kleiderschrank. Kurze Hosen noch mit dem Staub des Sommerurlaubs kommen in die Waschmaschine, Hemden mit Löchern in den Stopfkorb, Kleidung, der man körperlich oder geistig entwachsen ist, kurz übergebügelt in den Flohmarktkoffer, heillos Zerschlissenes in die Restekiste. Beim Abstauben des Klaviers taucht die lang vermisste Brille wieder auf – sie lag unter dem Deckel links neben der Taste mit dem tiefen A.

Wieder sehfähig, lässt sich aus all den Resten Neues machen. Aus den heilen Seitenstreifen eines mittig löchrigen Frotteetuchs werden Waschhandschuhe. Aus Schrauben, Muttern und undefinierbaren Metallteilen ein postindustrieller Adventskranz. Aus einem Mangokern wird ein Keim und nächstes Jahr ein Baum. Vier angebrochene Packungen mit krümeligen Trockenfrüchten und etwas Mehl ergeben einen englischen Kuchen. Museumsflyer, Sticker, Zeitschriften, Buntpapiere und Pappstücke sind die Zutaten für Weihnachtskarten. Diese werden mit dem Federfüller beschrieben, der sich in der mittleren Schreibtischschublade wieder eingefunden hat. Handschrift soll ja das verbindende Denken fördern, und das scheint dringend nötig für die von digitalen Tätigkeiten zerhackte Konzentration.

Zeit muss keine Hürde sein. Liegt eine Auswahl reizender Reste erst einmal auf einer Arbeitsfläche, griffbereit und nach subjektiv-ästhetischen Kriterien angerichtet, fällt es leicht, an dem einen Abend einen Knopf anzunähen, am zweiten etwas zurechtzuhämmern, am dritten zu pausieren. Bloß kein Zeitdruck, bloß kein Projekt draus machen. Und dann entsteht vielleicht am vierten Abend aus einem großen Umschlag und alten Fotoabzügen ein richtiger Adventskalender.

Expert*innen bezeichnen solches Entspannungsgebastele übrigens als Up-Cycling oder Ergotherapie. Es lässt sich auch einfach Spaß nennen und hat den selben Effekt. Claudia Wahjudi

Zubehör: Messer, Schere, Leim, Lineal, Nadeln, Faden, Tisch, gutes Licht, Reste aller Art


Binge-Beratung

Mediathekentipps zum Vergessen, dass der Sommer vorbei ist –
mit Im-Sofa-Versink-Garantie

Broken Flowers – Blumen für die Ex
Don bekommt einen Brief. Darin steht, dass er einen Sohn hat, der auf dem Weg zu ihm ist. Er sucht seine Verflossenen auf, um herauszufinden, wer die Mutter ist und führt so durch die US-amerikanische Gesellschaft und ihre unterschiedlichen Lebensstile.

Arte, ab 27.10., 20.15 Uhr, USA 2005, R: Jim Jarmusch, D: Bill Murray, Sharon Stone, Tilda Swinton

Wild wild Country
Dass man auch Dokus bingewatchen kann, beweist diese Doku-Serie. Sie erzählt vom Entstehen und Untergang des Osho-Kults und vom alten Kampf zwischen konservativen und progressiven Positionen – aber auch davon, wie wir Anerkennung verteilen.

Netflix, USA 2017, Duplass Brothers Productions

Am Ende des Sommers
Kann eine Frau ein Kind lieben, das nur entstanden ist, weil sie vergewaltigt wurde? Und wenn ja, wie geht sie damit um, wenn es sich wie der Vater verhält? Behutsames Portrait einer Vergewaltigten.

3sat, ab 26.10. 23.15 Uhr, D/Ö 2015, R: Nikolaus Leytner, R: Julia Koschitz, Thomas Schubert, Johannes Zeiler

Trapped l + ll
Draußen ist es kalt, in der Serie ist es noch kälter: Trapped spielt auf Island und ist eine Krimiserie mit einem Hauptdarsteller, der aussieht wie ein Bär. Dazu Schneesturm, viele Leichen und kein Charakter ohne Schuld.  XB

ZDF, 2. Staffel ab 18.10. in der Mediathek, ISL 2015, R: Baltasar Kormákur,
D: Ólafur Darri Ólafsson, Ilmur Kristjánsdóttir


Dunkel über die Seele

Nick Cave and The Bad Seeds: „Ghosteen“ GhosteenLtd./Rough Trade

Das neue Album von Nick Cave ist pünktlich zum Herbstanfang erschienen. Das passt

Wo genau verläuft er eigentlich, der feine Unterschied zwischen Melancholie und Traurigkeit? Vielleicht hier: Wenn an einem Herbsttag die Morgensonne durch den Dunst bricht, dann wird einem melancholisch. Doch die Stimmung kippt, wenn die Sonne am Nachmittag hinter einer dicken Wolkendecke verschwindet und sich ein zähes Dunkel übers Land und die Seele legt.

Man merkt: Beide Zustände sind nicht so weit voneinander entfernt – weder im Herbst noch auf dem neuen Album des Ehrenberliners Nick Cave. Mit „Ghosteen“ verarbeitet der mittlerweile in Brighton und Los Angeles lebende Australier – zum zweiten Mal nach „The Skeleton Tree“ – den Tod seines Sohnes. Die Songs handeln von Verlust, wie man damit umgehen kann und wie man daran scheitert. Musikalisch kommen die Lieder nahezu zum Stillstand: wenig Melodien, wenig Struktur, stattdessen ein im Stillstand vibrierender Klangteppich, der die innere Unruhe einer wunden Seele reflektiert. Musik wie ein stahlgrauer, dunkler Herbsttag.

Abzuwarten bleibt, ob „Ghosteen“ ein Herbst-Klassiker wird, ob einer dieser Songs mal deswegen erinnert wird, weil er den Charakter dieser Zwischenzeit eingefangen hat wie Simon & Garfunkels „A Hazy Shade of Winter“ („Look around, leaves are brown, now“) oder der „Indian Summer“ der Doors. Die leise Ironie des „Autumn Almanac“ von The Kinks („La la la la, oh my poor rheumatic back“), die jedenfalls ist Nick Cave sehr fremd. Thomas Winkler

Top-Herbst-Alben:
1. Joanna Newsom: Have One On me
2. Leonard Cohen: You Want It Darker
3. Tori Amos: Night of Hunters
4. Sufjan Stevens: Carrie & Lowell
5. Jessica Pratt: Quiet Signs
6. Logh: North
7. Aldous Harding: Party
8. Patrick Wolf: Sundark & Riverlight           


Do it yourself!

Keine Ausreden: Jetzt wird gebastelt!
Seien Sie ehrlich: Die Stoffreste vom Flohmarkt, aus denen Sie sich an einem kalten Herbstabend Kissenbezüge nähen wollten – die haben Sie verbummelt, nicht wahr? Genau wie den Bastelkleber, der irgendwann vertrocknet ist, weil Sie die Weihnachtskarten dann doch wieder im Buchladen gekauft haben. Denn wer kein DIY-Maniac ist, kann sich ziemlich sicher sein: Wenn man sich schon mal zum Selbermachen, -basteln oder -reparieren aufrafft, hat man das nötige Equipment selten komplett im Haus.

Schön also, dass es in Berlin Orte gibt, an denen Material und Expertise zum enthemmten Selbermachen zur Verfügung stehen. Zum Beispiel im Knutselwinkel in Prenzlauer Berg: Dort lernen Kinder, wie man fachgerecht Porzellan bemalt – und auch erwachsene Ästheten können sich beibringen lassen, wie man am feinsten Fische (Workshop am Do., 14.11., 18.30-21.30 Uhr) oder Sternbildermotive (Workshop am Do., 28.11., 18.30-21.30 Uhr) auf Teller und Tassen pinselt. Mitbringen muss man nichts außer 10 Euro Teilnahmegebühr und das Geld für einen ausgewählten Rohling. Farben, Pinsel und Prosecco sind vorhanden.

Ähnlich gut ausgestattet zum Porzellanbemalen ist man auch in den Läden der Kette „Paint your Style“. Wem das Equipment zum Nähen fehlt, kann sich im Nähcafé Smilla in Schöneberg für sieben Euro pro Stunde einen Nähplatz mieten – ausgestattet mit allem, was man braucht. Für drei Euro obendrauf gibt’s Beratung dazu. Und im Sozial- und Kulturzentrum NachbarschaftsEtage Fabrik Osloer Straße bekommen Kids von 7 bis 12 Jahren jeden Freitag von 15.30 bis 17 Uhr Nähunterricht. Falls da schon jemand an Weihnachtsgeschenke denkt: In der Perlerei in Friedrichshain kann man seinen eigenen Schmuck basteln, in der Kerzenmanufaktur Lichterglanz in Reinickendorf, der Name sagt’s schon, nach vorheriger Terminvereinbarung selbst Kerzen ziehen. Julia Lorenz

Knutselwinkel: Knaackstr. 56, Prenzlauer Berg
Paint your Style: versch. Orte in Berlin, www.paintyourstyle.eu
Smilla: Eisenacher Str. 64, Schöneberg
NachbarschaftsEtage Fabrik Osloer Straße: Osloer Str. 12, Wedding
Kerzenmanufaktur Lichterglanz: Räuschstr. 17, Reinickendorf


Kunstpause

Kaffee und Kuchen zur Kultur: Museumscafés!
Nach einer guten Ausstellung geht’s einem manchmal wie nach dem Kino: Man mag noch nicht ins olle, profane Draußen gespuckt werden und wünscht sich einen schönen Ort, um das Gesehene zu besprechen – oder auch ganz allein seinen Gedanken nachzuhängen. Nur eben bei einem Cappuccino oder Rotwein, der seinen Namen verdient. Und vielleicht sogar bei gutem Essen. Wo das am besten geht? Wir verraten’s Ihnen, logisch.

Delikatesserie Brohm im Haus am Waldsee
Tartes, Quiches und andere erstklassige Backwaren, dazu kleine Speisen wie Suppen, alles in Bioqualität: Die Delikatesserie ist nicht nur luftig-schön eingerichtet, sondern auch berühmt für Elias Brohms Spezialitäten.

Argentinische Allee 30, Dahlem, Di-So 12–18 Uhr, oder nach Vereinbarung

Café Bravo im KW Institute for Contemporary Art
Vom schönen Außenbereich hat man freilich im Sommer mehr – aber auch der Innenbereich des Café Bravo kann sich sehen lassen, der Künstler Dan Graham hat ihn gestaltet. Abends wird aus dem Café mit Kuchen und gesunden Snacks eine Cocktailbar.

Auguststr. 69, Mitte, Mi–Mo 11–19 Uhr, Do 11–21 Uhr

Café K im Georg-Kolbe-Museum
Wo Georg Kolbe einst sein Atelier hatte, kann man heute Kuchen essen. Wer gerade schön in Jugendstilstimmung ist, kann sich beim Anblick der Springbrunnen und Skulpturen im Garten in andere Zeiten träumen – noch bis zum Winter 2019. Dann steht erst einmal eine Sanierung des Gebäudes an.

Sensburger Allee 26, Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr

Beba im Martin-Gropius-Bau
Violettes LED-Licht, Gemüse aus dem Restaurantgarten, hausgerösteter Kaffee, israelisch-jüdische Spezialitäten: Jep, in Shani Leidermans Café im Martin-Gropius-Bau kommt so ziemlich alles zusammen, was hippe, polyglotte Museumsbesucher entzückt. Die Preise sind für ein Museumscafé bisweilen sportlich – Brot und Süßspeisen, für die Deli-Queen Cynthia Barcomi verantwortlich ist, sind dafür: himmlisch.

Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr

Café Kunstpause in der Sammlung Scharf-Gerstenberg
Neben gutem Kaffee, Kuchen und Snacks punktet das Café Kunstpause vor allem mit seiner strategisch günstigen Lage: Hier kann man eine Rast einlegen, während man sich entscheidet, ob man sich nach der Sammlung noch das Schloss Charlottenburg, das Museum Berggruen oder das Bröhan-Museum anschauen mag – während man durch die bodentiefen Fenster auf die Schlossstraße schaut. JL

Schlossstr. 70, Charlottenburg, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr


Herbstsalon

Heimat ist kein Raum

Sexarbeit, Kunst und Rassismus: Szene aus Candice Breitz’ 13-Kanal-Installation „TLDR“, (2017) aus Kapstadt Foto: Candice Breitz

Der „4. Berliner Herbstsalon“ am Gorki Theater

Hoch her geht es alle zwei Jahre am Gorki, wenn Bildende Kunst und Theater im „Herbstsalon“ zusammentreffen. Hier wird mal drastisch, mal humorvoll, mal vergeistigt Gesellschaft wie Politik durchleuchtet – transnational und im weitesten Sinn aus einer „postmigrantischen“ Perspektive, wie sie Intendantin  Shermin Langhoff Am Festungsgraben 2 etabliert hat.  „De-heimatize it!“ lautet das sperrige Motto 2019, was so viel heißen soll wie: Schluss mit der Instrumentalisierung von Heimatbegriffen für nationalistische und noch weiter rechts positionierte Politik. 

Doch Ernst beiseite: Ein „Herbstsalon“ ist auch großer Spaß, gerade für das Publikum der Ausstellung. Denn an einem öffentlich geförderten Spitzentheater können Künstler*innen mit einem großen Team arbeiten, mit Requisite, Werkstatt, Sprecher*innen. So wird in Kunstvideos, die am Gorki produziert wurden, professionell und mitreißend gesprochen. Und anders als auf dem Kunstmarkt wacht hier niemand darüber, ob das Werk Käufer*innen findet. Das nimmt viel Druck, wie sich an den Arbeiten und auf den fröhlichen Eröffnungen beobachten lässt. Auch deshalb kommen Künstler*innen gern mehrmals zum „Herbstsalon“. Vor allem aber, weil sie hier die dem Theater eigene Möglichkeit nutzen können, ein Werk wieder aufzunehmen und weiterzuentwickeln oder einfach einem anderen Publikum zu zeigen.

So thematisierte die Künstlerin Henrike Naumann, gebürtige Zwickauerin, 2017 in einer Saal füllenden Installation aus Möbeln der frühen 90er-Jahre die Rechtsradikalisierung Ostdeutscher. Jetzt zeigt sie im Haus der Statistik am Alexanderplatz ihre Installation „Tag X“ über Rechtsextreme in der Prepperszene, die sie in Dortmund während der diesjährigen Urbane Künste Ruhr vorstellte.

Yael Bartana, die 2020 im Jüdischen Museum ausstellen wird, zeigt im Zeughauskino zwei ältere Videos zu militärischen Ritualen (Foto S. 23) und einen neueren Film über einen jüdischen Brauch. Candice Breitz präsentiert ihre Videoinstallation „TLDR“ (Foto S. 23) über Rassismus und Sexarbeit in Kapstadt. Und Lola Arias, Schriftstellerin, Regisseurin und Performerin aus Argentinien, führt am 3. November eine Arbeit fort, die sie 2014 am Gorki begonnen hat: Interessierte können im Haus der Statistik Kostüme wählen und öffentlich vor einer Kamera sprechen: über ihre Erinnerungen an die große Demonstration in Ost-Berlin 1989, die zum Fall der Mauer beitrug. Die Aufnahmen werden Teil einer Videovorführung am historischen Schauplatz.

Eine Konferenz begleitet den Herbstsalon. Den Auftakt macht die Politikwissenschaftlerin Bilgin Ayata, auf die der Begriff „De-heimatize“ zurückgeht. Teile der Konferenz sind bereits ausverkauft, sollen jedoch live im Netz übertragen werden. Claudia Wahjudi

Das verhexte Europa

Der „4. Herbstsalon“ gibt diesmal auch Theaterpremieren eine Heimat

Dass mit dem Gorki ausgerechnet ein Theater alle zwei Jahre mit einem politischen Festival von Werken Bildender Kunst in die neue Saison startet: An den Coup seiner Intendantin Shermin Langhoff hat man sich inzwischen gewöhnt. Somit macht das Gorki in der vierten Ausgabe des „Berliner Herbstsalons“ etwas völlig Ungewöhnliches: Es präsentiert nicht nur den Ausstellungsparcours samt Konferenz und Debatten, sondern  auch – Theater. Gleich zwei Uraufführungen, drei Berliner Premieren und drei Gastspiele werden gezeigt.

Hieß im vergangenen Jahr das kämpferische Motto „Desintegriert Euch!“, wird mit „De-Heimatize It!“ nun der vieldeutige, gern ausgrenzend benutzte Heimatbegriff radikal angegangen. Um Rassismus, Sexismus und Nationalismus und der missbrauchenden Instrumentalisierung des weiblichen Körpers in den weltweit wiedererstarkten rechtspopulistischen Zumutungen geht es in „Jedem das Seine“ (26.+27.10.) von der polnischen Regisseurin und Sängerin Marta Górnicka, die im vergangenen Jahr bei der Feier zur Deutschen Einheit das Grundgesetz als integratives Chorstück fulminant inszeniert hatte.

Yael Ronen nimmt sich in „Rewitching Europe“ (1.-3.+11.11.) das Phänomen der Hexenjagd in Deutschland in der frühen Neuzeit vor und untersucht das Potenzial unleidlicher und heilkundiger Frauen zur Überwindung von Patriarchat und Neoliberalismus. Wie oft bei Ronen wird das sicher ein auch musikalisch hochkarätiger Abend mit Wumms. Das ehemalige Gorki-Ensemblemitglied Marina Frenk bringt in „Valeska Gert – The Animal Show“ (1.11.) tanzend und erzählend die dadaistische Extremtänzerin der Berliner 20er-Jahre zurück auf die Bühne. In „Hass-Triptychon. Wege aus der Krise“ (17.+18.11.) erkunden Sibylle Berg und Regisseur Ersan Mondtag mit dem wunderbaren Benny Claessens die Welt der im Internet wieder reichlich vorhandenen Trolle. Friedhelm Teicke

4. Berliner Herbstsalon, 26.10.–17.11., Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte, und im Palais am Festungsgraben, Humboldt-Uni, Zeughauskino, Haus der Statistik, East Side Gallery, Scotty e.V.,www.berliner-herbstsalon.de

Korrigierte Fassung vom 15.11.2019, 17.15 Uhr