Berlin

Endlich wieder ein Zuhause

Zwölf Jahre lang lebte die 37-jährige Petra ohne Wohnung. Jetzt bezieht sie ihre eigene Bleibe. Und muss erst lernen, sich zurechtzufinden im neuen Leben

Petra weiß nicht, was sie kaufen soll. Unschlüssig steht sie im Supermarkt am Brotregal, schiebt mit der Metallschaufel ein Brötchen hin und her, lässt es dann doch liegen. Sie geht am Obst und am Gemüse vorbei, an der Milch und am Joghurt. Irgendwann nimmt sie eine Packung Käse aus dem Kühlregal. „Ich hole noch kurz Tomaten“, sagt sie dann, läuft zurück zum Gemüse. Petra kauft noch nicht lange in diesem Markt ein. Sie ist neu im Kiez. Neu in ihrer Wohnung.

Zuhause guckt sie kurz in den Briefkasten. Dann steigt sie die Treppe hoch, bis in die dritte Etage, zieht ihre Turnschuhe aus und stellt sie ordentlich neben die Tür. Die Einkäufe legt sie auf die Fensterbank neben Hummus und Pesto. Im Dezember ist sie eingezogen, einen Kühlschrank besitzt sie noch nicht.

Petra, 37, ist mittelgroß, hat ein verschmitztes Lächeln, sie trägt einen blauen Kapuzenpulli und weite Jeans. Und heißt eigentlich anders. Sie hat etwas stumpfes braunes Haar, das an den Seiten absteht und braune Augen. Wenn sie die Tür hinter sich zuzieht, ist es ein fast vergessenes Gefühl. Hier, im Westen Berlins, hat sie zum ersten Mal seit zwölf Jahren wieder eine Wohnung für sich allein. Ein eigenes Zuhause.

Foto: F. Anthea Schaap

Diese Wohnung hat sie dem Modellprojekt Housing First zu verdanken. Housing First bedeutet einen Paradigmenwechsel in der Obdachlosenhilfe. Das Projekt ist eine Starthilfe für den ersten Schritt ins neue Leben und ein Eingeständnis, dass konventionelle Hilfsangebote zu oft wirkungslos bleiben. Anstatt wie gewohnt Bedingungen an die Menschen zu stellen, verlangt Housing First gar nichts. Die Obdachlosen müssen nicht abstinent bleiben oder sich zu einer Therapie verpflichten, sie durchlaufen keine Jobcenter-Maßnahmen und müssen niemandem beweisen, dass sie mit ihrem Geld auskommen. Sie müssen nur Hilfe wollen. Dann bekommen sie eine Wohnung. Schätzungen zufolge sind in Berlin bis zu 10.000 Menschen ohne Obdach, bis zu 50.000 haben keinen festen Wohnsitz. Der Senat ­finanziert die Initiative mit 1,7 Millionen Euro für drei Jahre, um wenigstens ein paar Menschen ohne Wohnung von der Straße zu holen. Die Idee stammt ursprünglich aus den USA, ­wurde aber bereits erfolgreich nach Finnland, Portugal, Schottland und in weitere Länder exportiert. 78 bis 90 Prozent der ehemals Obdachlosen leben dort je nach Stadt auch nach zwei Jahren noch in ihrer Wohnung.

Bevor Petra ihre jetzige Wohnung bekam, hatte sie im betreuten Einzelwohnen im Wedding gelebt. Die Stadt bringt dort in mehreren Wohngemeinschaften obdachlose ­Frauen mit psychischen Problemen unter. Darunter Frauen wie Petra, die von Depressionen schier gelähmt sind. Gerne hat sie dort nicht gewohnt. Sie durfte keinen männlichen Besuch empfangen, auch ihren Bruder nicht. Im Sommer saßen die Nachbarn bis vier Uhr nachts im Hinterhof, manchmal geisterte Petras psychotische Mitbewohnerin durch die Wohnung. Jeden Morgen um acht Uhr und jeden Abend kamen die Betreuer zur Tür herein.

„In all den Unterkünften habe ich mich nie zuhause gefühlt, weil fast nichts mir gehört hat“, sagt Petra. „Aber das jetzt, das ist mein Mietvertrag. Da steht mein Name auf dem Klingelschild. Von dieser Autonomie habe ich jahrelang geträumt. In meiner neuen Wohnung kann ich nackt ’nen Purzelbaum machen, wenn ich will.“

Ganz alleine hat Petra den Mietvertrag nicht abgeschlossen. Bei bürokratischen Fragen bekommt sie Hilfe vom Sozialdienst katholischer Frauen e.V. (SkF). Der SkF ist einer von zwei Trägern, die Housing First in Berlin realisieren, er richtet sich nur an Frauen. Der andere Träger ist eine Projektpartnerschaft aus Stadtmission und dem Verein Neue Chance e.V. Die beiden Träger sollen im Laufe der drei Jahre 70 Menschen in Berlin in eine Wohnung vermitteln. Anfangs war es schwierig, Vermieter für die Wohnungslosen zu finden. Mittlerweile läuft es besser. Elf ehemalige Obdachlose haben bislang eine Wohnung bezogen.

»In meiner neuen Wohnung kann ich nackt ’nen Purzelbaum machen, wenn ich will«

Ein Detail, das den Trägern die Vermittlung erleichtert: Das Jobcenter zahlt für die Wohnungen der ehemals Obdachlosen 20 Prozent mehr als für andere Hartz-IV-Empfänger. Das klingt erst mal ungerecht, ist aber aus finanzieller Sicht nur logisch. Denn die Tagessätze, die die Stadt für die Unterbringung der Wohnungslosen in Unterkünften und Pensionen ausgibt, übersteigen die Kosten einer Wohnung auf den Monat gerechnet um mehr als das Doppelte.  

Petra bringt Pappbecher mit Wasser ins Wohnzimmer, stellt sie auf den Boden. Die Einrichtung ist spartanisch, es gibt in dem Raum nur einen kleinen, voll gepackten Tisch, einen Sessel und die Matratze, auf der sie schläft. Einige Möbel bekommt Petra über Housing First für Frauen, den Rest sucht sie sich mit Unterstützung der Sozialarbeiter*innen  vom SkF in Second-Hand-Läden selbst zusammen. An der Wand hängt ein „FCK AFD“-Poster.

Damit Menschen wie Petra überhaupt eine Chance auf dem angespannten Wohnungsmarkt bekommen, versichern die Träger von Housing First den Vermietern, dass sie Hilfestellungen im Alltag geben. Sie schließen zum Beispiel zusammen mit den neuen Mieter*innen Haftpflicht- und Hausratsversicherungen ab. Und sie versprechen Hilfe beim Papierkram. „Aber nur, weil die Menschen Hilfe brauchen, heißt das nicht, dass sie kein Recht auf eine Wohnung haben“, sagt Charlotte Riepe vom Sozialdienst katholischer Frauen. „Bei uns muss niemand seine Wohnfähigkeit beweisen. Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch wohnfähig ist.“

Außerdem gebe es ein allgemeines Interesse daran, die Obdachlosen vor weiterer Verelendung zu bewahren, sie zu stabilisieren, sie vielleicht sogar wieder zu arbeitenden Mitgliedern der Gesellschaft zu machen, erkärt sie. Die ­Arbeit der Sozialarbeiter*innen ginge nämlich erst richtig los, wenn die Menschen eine Wohnung hätten. Doch ­damit sie fruchtet, bräuchte es eben einen Rückzugsort: „Stabilität und Sicherheit sind das Wichtigste. Wie soll jemand ohne Wohnung die Kraft haben, sich mit Bürokratie herumzuschlagen?“, fragt Riepe.

Petra nickt. Stabilität hat sie immer vermisst. Sie habe sie nicht von ihrem Elternhaus bekommen, nicht vom Kinderheim in Norddeutschland, nicht vom Jugendamt, das sie mit 18 zurück nach Berlin geholt und in einer leeren Wohnung mit Matratze abgesetzt  hätte. In den Notunterkünften und Wohnprojekten für Wohnungslose erst recht nicht. Und Ruhe, sagt sie, die habe sie auch vermisst: „Hier ist es so schön ruhig.“ Jetzt wohnt sie in einer verkehrsberuhigten Straße, mit Häusern, die einander ähneln und grüne Hinterhöfe haben. Die Straßen sind sauber, die Spielplätze auch. Durch das gekippte Fenster hört man Glockengeläut.

Draußen sind es unter null Grad. „Mir wird nicht so schnell kalt“, sagt Petra. Die Jahre auf der Straße haben sie abgehärtet. Zwar hat Petra nie unter einer Brücke schlafen müssen. Aber sie hatte jahrelang kein eigenes Bett, kam bei Freunden unter, oder in Notunterkünften, die sie morgens um acht wieder verlassen musste. „Ich weiß noch, wie fertig ich abends immer war. Eigentlich bin ich den ganzen Tag nur rumgelaufen. Eine Zeit lang stand ich an der Sparkasse am Kotti und hab den Leuten die Tür aufgehalten“, erzählt sie.

Am schlimmsten, sagt Petra, sei eine Obdachlosenunterkunft in Friedrichshain gewesen: dreckig, laut, runtergekommen. Da wollte sie nur schnell wieder weg.

Die Zeit ohne Wohnung hinterließ Spuren

Wenn Petra zurückblickt, kann sie genau sagen, wann es für sie wieder ein bisschen bergauf ging: als sie das erste Mal in eine Unterkunft kam, wo es eine psychologische Beratung gab – und keine Männer. „Alle gemischten Unterkünfte gingen gar nicht“, sagt sie. „Die Männer haben gesoffen wie die Löcher. Viele waren dreckig und aggressiv. Manche auch übergriffig.“

Trotzdem sind die 144 Berliner Notübernachtungsplätze nur für Frauen gerade mal zu 40 Prozent ausgelastet. Die Gründe sind vielfältig: Manche Frauen haben Hausverbot in mehreren Einrichtungen, andere  schlechte Erfahrungen mit gemischten Unterkünften gemacht und wollen nun in gar keine Unterkunft mehr. Wieder andere wollen sich nicht ans Alkohol- und Drogenverbot halten. „Außerdem vermuten wir, dass Frauen öfter Hilfe bei Freunden und Verwandten suchen. Frauen sind meist sozial besser vernetzt und schämen sich nicht so sehr, um Hilfe zu bitten”, sagt Martina Rogasch von der Stadtmission.

Diese Möglichkeit hatte Petra schon lange nicht mehr. Ein paar Wochen lang wohnte sie mal bei ihrem Bruder. Aber irgendwann wurde es ihm zu viel und Petra war wieder jeden Tag draußen. Keine Zeit zum Nachdenken, keine Zeit zum Planen.

Seit sie die Wohnung hat, ist das anders. Sie ist aktiver, weniger depressiv, empfängt Besuch. Sie sieht ihren Bruder wieder öfter. Und sie fragt sich, was sie noch vom Leben erwartet. Die Antwort: „Ich will arbeiten. Mit Menschen. Wahrscheinlich klingt das jetzt kitschig, aber ich will irgendwie was zurückgeben.“

Vielleicht will sie sogar mit Obdachlosen arbeiten, denn sie weiß, wie es ihnen geht. Zu gut erinnert sie sich an das Gefühl, keine Privatsphäre zu haben. An die psychotischen Schübe und den Dreck ihrer letzten Mitbewohnerin, die Haare im Bad und die Fäkalien.

Die Zeit ohne Wohnung hat tiefe Spuren hinterlassen bei ihr, die Umstellung auf das neue Leben braucht Zeit. Bevor Petra die Toilette in ihrer Wohnung benutzt, desinfiziert sie immer noch jedes Mal die Klobrille.