Der Start ins neue Jahr

Entspann Dich!

Alle Feiertage sind gefeiert, alle Böller verschossen, und all die wichtigen Vorsätze fürs neue Jahr können noch ein bisschen warten: eine Anleitung zum Runterkommen in drei Lektionen

Lektion 1: Zeit für mich

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Foto: Robert Steinkopff / photocase.de

Langeweile ist Luxus. Einfach nur aus dem Fenster gucken. In den Wolken nach fantastischen Figurenformationen suchen, die ­Vögel vorbeiziehen sehen, die Gedanken treiben ­lassen, von einem Thema zum anderen. Willkürlich. Ohne Ordnungspunkte, Prioritäten, Verbindlichkeiten. Bei sich sein, nur um sich selbst kreisen – ja, ab und zu ist das erlaubt. Gönnen Sie sich das mal.

Als Kind konnte man solche Momente als Last empfinden. Diese kleinen Phasen ohne Beschäftigung. Sommerferien, die eine Nachbarsfreundin verreist, die andere krank, die dritte unterwegs, draußen brennt die ­Sonne, drinnen ticken die Uhren. Was jetzt, was ­mache ich als nächstes? Unruhe machte sich breit. Aber es war so einfach, diese Momente aufzufüllen: Eine Drei Fragezeichen-Kassette, ein Blatt Papier, ein paar Stifte, schon war der Kopf zufrieden.

Viele nutzen diese Strategie heute noch, wenn mal nichts ist, wenn sich eine kleine Tür öffnet zwischen all den Verpflichtungen des Alltags. In den USA standen in diesem Jahr Ausmalbücher für  Erwachsene an den Spitzen der Bestsellerlisten. Da setzen sich dann also gestresste Marketingchefinnen oder ­erschöpfte Filialleiter an den Tisch und ­füllen akribisch die filigransten Zeichnungen in bunten Farben aus. Auch das ist eine Möglichkeit. Den Fokus umlenken, so wie damals, als Kind. Aber ist das nicht am Ende doch wieder nur eine Aufgabe, die erfüllt werden muss?

Warum nicht so: Hinlegen und an die ­Decke gucken. Nein? Sie brauchen einen Ortswechsel für die innere Einkehr? Dann fahren Sie in eine Therme. Jede Therme, die etwas auf sich hält, hat ordentliche Rückentrommler – ­Wasserfälle, die sich aus einem gebogenen Rohr ergießen. Lassen sie den Strom auf ihre Schultern prasseln, auf den Nacken, auf den Kopf und denken Sie: nichts. Bis da nur noch das Trommeln ist und das Plätschern auf der Wasseroberfläche. Bis die Haut rot ist und die ­Nackenwirbel puckern. Dann ist es gut.

Danach können Sie ja dann wieder darüber nachdenken, ob Sie zuhause den Herd ausgemacht, Ihre Schwester zurückgerufen, den Arzttermin für nächste Woche bestätigt, die Stromrechnung bezahlt, den letzten Auftrag zur Zufriedenheit Ihres Kunden erledigt, das Gespräch mit Ihrem Chef klug geführt und den Streit mit Ihrem Freund überwunden ­haben. Danach. Nicht währenddessen.

Am Abend sind Ihre Finger schrumpelig vom ausgedehnten Whirl­pool-Gehocke, die Haut ist samtweich von den ­Saunagängen, das Blut fließt gefühlt ein bisschen schneller durch die Adern, seit dem Sprung ins ­eiskalte Tauch­becken. Wenn Sie jetzt noch das Bedürfnis haben, sich so ein komisches Ausmalbuch zu kaufen – in Gottes Namen, tun Sie es. Oder schauen Sie aus dem Fenster. Vielleicht entdecken Sie eine Wolke, die aussieht wie ein Eisbär, und sind einen Moment lang wahnsinnig glücklich. Einfach so.  Lydia Brakebusch

Spreewald Therme

Kein Geheimtipp mehr, aber eben auch die schönste ihrer Art im Berliner Umland.
Ringchaussee 152, 03096 Burg, tägl. 9 bis 22 Uhr, Fr bis 24 Uhr, 2 Std. 15 €, Tageskarte 21 €

Vabali Spa

Ambiente wie im Asienurlaub.
Seydlitzstr. 6, Tiergarten, tägl. 9 bis 24 Uhr, 2 Std. 19,50 , Tageskarte 33,50

Chén Chè Teehaus

Hohe Decken bieten Platz für fliegende Gedanken, die Teeauswahl ist beeindruckend.
Rosenthaler Str. 13, Mitte, tägl. 12 bis 24 Uhr

Volkspark Rehberge

Er ist eine spröde Schönheit und deshalb nicht voll. Ein Spaziergang in dem Weddinger Park vermittelt eine Ahnung von Freiheit in der Großstadt.

Meditation per Youtube

Einfach Laptop an, Anleitung auswählen, hinlegen, Augen zu

Lektion 2: Im Winter zelten

Es gibt Tätigkeiten, für die erntet der Täter ­wenig Anerkennung. Eher wird er für wahnsinnig gehalten, für latent unzurechnungs­fähig. „Du gehst bei dem Wetter zelten?“, fragt ein Kollege ungläubig, als ich ihm von meinen Wochenendplanungen erzähle.

Diese Location erfordert warme Kleidung – schenkt aber intensivere Träume. Wer ein Feuer machen will, muss in Brandenburg 50 Meter Abstand zum Waldesrand haltenFoto: Alexander Erdbeer / Fotolia
Diese Location erfordert warme Kleidung – schenkt aber intensivere Träume. Wer ein Feuer machen will, muss in Brandenburg 50 Meter Abstand zum Waldesrand halten
Foto: Alexander Erdbeer / Fotolia

Wir haben Januar und die Temperaturen bewegen sich unter null Grad. Es ist, da gebe ich den Zweiflern recht, schweinekalt. Aber gerade deshalb, auch wenn das eben verrückt klingen mag, ist Zelten bei Frost so groß­artig. Es beginnt mit der Einsamkeit. Brandenburg kann ja schon im Sommer recht ruhig sein. Im Winter landet man in der Wildnis, im menschenleeren Gebiet. Selbst ­beliebte Bade­seen liegen verlassen da. Und selbst wenn dort jemand spazieren gehen sollte – als Wintercamper wird man selten vertrieben. Der Satz „Aber wenn das jeder machen würden“ zündet nicht so recht. Auch ein Lagerfeuer erregt im nasskalten Winter weniger Gemüter als in einer trockenen Sommernacht. Dennoch, ­darauf sei hingewiesen, bleibt ­offenes Feuer in Waldnähe verboten. Und hilft, wenn es so richtig knackig kalt wird, nur bedingt.

Wichtiger ist Winterkleidung. Warme Socken, ­dicke Schuhe, Thermowäsche und eine Mütze. Fängt man trotzdem zu frieren an, hilft Bewegung, denn die Muskeln produzieren Wärme. Deshalb zittern wir, wenn uns kalt ist. Die Kontraktion lässt die körpereigene Heizung anspringen. Wobei auch das nicht ausreichen würde, eine Nacht bei tiefem Frost zu überleben. Vor dem Kältetod ­bewahrt nur ein Winterschlafsack, jener dünne Stoff, der mit Daunen oder Kunstfasern gefüllt wurde. Er hilft in einer genialen Symbiose mit dem Körper beim Überleben. Denn am Ende retten wir uns selbst, mit unserer eigenen Körperwärme. Kein Ofen, kein ­Feuer, also kein ­externer Verbrennungsvorgang führt die Wärme zu. Psychologisch ein großer Unterschied.

Wichtig ist die angegebene Komfort-, nicht Extremtemperatur des Schlafsacks. Reicht die Skala bis minus fünf Grad, friert man trotzdem stark. Beginnt die Skala hingegen bei minus fünf Grad, schläft man wie im siebenten Himmel. Ein Inlet schützt zusätzlich und nimmt Feuchtigkeit auf. So ausgestattet, ist es im Zelt, eingekuschelt in den Schlafsack, nicht kälter als in einer lauen Sommernacht. Aber der Schlaf viel ­erholsamer. Denn Winterluft tut gut, im Gegensatz zur trockenen Heizungsluft. Das gilt auch für Allergiker, denn Milben mögen es warm und feucht.

Zudem träumt der Mensch im Winter intensiver, womöglich liegt das an dem höheren Sauerstoffgehalt. Kalte Luft ist dichter und enthält daher rund zehn Prozent mehr Sauerstoff. Eine Zeltnacht im Winter ist also mit einer Sauerstoffkur vergleichbar. Statt mit einer gereizten Nase wacht man fit und ausgeruht auf. Die Jahreszeit hilft zudem dem Langschläfer. Im Sommer erwärmt die ­Sonne ein Zelt wie ein Gewächshaus, und das schon um sieben Uhr morgens. Im Winter dreht man sich einfach um, wenn es hell wird, und schläft noch ein paar Stündchen weiter.

Hier sei doch auf einen Nachteil des winterlichen Zeltens hingewiesen und zugleich vor einer fiesen Falle gewarnt. Alkohol hilft zwar subjektiv gegen die Kälte, verdunstet aber nicht einfach so im Körper. Und nachts aus dem Schlafsack zu steigen, um seine Notdurft zu verrichten, ist wahrlich kein Vergnügen.
Extrembergsteiger nehmen daher eine leere Flasche mit ins Zelt. Rettet vor Erfrierungen.  Martin Hildebrandt

Kanu fahren

Im Winter durch den Spreewald paddeln, ohne Rentner und Radau, ist weitaus weniger ungewöhnlich als man denken würde. www.spreewald-info.de
empfiehlt Strecken und gibt Tipps gegen kalte Finger und Füße.

Wandern gehen

Der Hohe Fläming zählt zu den kleinsten Mittelgebirgen Deutschlands und eignet sich daher wunderbar für eine Winterwanderung. Und anschließend zum Aufwärmen in die Steintherme von Bad Belzig.

Radfahren

Mit der richtigen Kleidung überhaupt kein Problem. Richtige Kleidung heißt: Thermowäsche, Fleecepullover und Handschuhe. Strecken­empfehlung: vom Rathaus Spandau über Kladow, Sacrow, Krampnitz nach Potsdam.

Skifahren

Drei Stunden sind es mit dem Auto bis nach Świeradów-Zdrój, auf Deutsch: Bad Flinsberg. Im Kurort führt eine Familiengondel auf den 1.060 Meter hohen Stacja Górna. Die anspruchsvolle und beschneite Piste ist satte 2,5 Kilometer lang.

Lektion 3: Mehr Melancholie wagen

Niedergeschlagen, bedrückt, traurig. Bekümmert, unglücklich, zu Tode betrübt, ohne himmelhochjauchzend gewesen zu sein. Die deutsche Sprache kennt schöne ­Worte für ­Gemütsverfassungen unter Null, deren Klang die Nuancen der jeweiligen Stimmungen ­hören lässt. Doch auf die Frage, wie es gehe, antworten betrübte Menschen oft „naja“ oder „muss, muss“. Dabei gibt es so viele Gelegenheiten, die klangvollen ­Begriffe anzuwenden, gerade jetzt im Januar. Denn gegen die Winterdepression gibt es kaum eine Chance. Nutzen wir das.

Selbst Kreuzberg kann Melancholie: Winterstimmung am Paul-Lincke-Ufer Foto: Lena Ganssmann
Selbst Kreuzberg kann Melancholie: Winterstimmung am Paul-Lincke-Ufer
Foto: Lena Ganssmann

Zwar existiert bei seriösem Lichte betrachtet eine Winterdepression nicht wirklich. Doch Licht ist jetzt knapp. Psycho­logen sprechen daher von Lichtmangel-­Depression. Sie kann Menschen auch an einem stets schattigen Arbeitsplatz erwischen, mitten im Sommer. In den kommenden ­Wochen ist ­allerdings mit zwei Faktoren zu rechnen, die eine saisonale Verstimmung plausibel machen: Trotz aktueller Kälte hält der Deutsche Wetterdienst einen warmen Winter für sehr wahrscheinlich. Und Regenwolken ­machen die dunkle Jahreszeit viel finsterer, als wenn frostige Sonne über Schnee schiene. Auch sollen die Deutschen wieder Angst vor dem Morgen haben, wie es in einer Studie von Ende 2015 heißt, die die BAT-Stiftung für Zukunfts­fragen in Auftrag gegeben hat: vor Terror, ­Rezession und einem Zerfall der EU.

Sorgenvoll, gram, gebeugt. Melancholiker neigen zum Grübeln, und darin steckt eine Qualität: die Fähigkeit, die Dinge bis zum bitteren Ende zu denken. Der Januar eignet sich dafür. Er ist, was nach kirchlichem Verständnis eigentlich der Advent hätte sein sollen: ein Monat der Einkehr. Schon allein, weil Weihnachten wieder einmal teurer war als geplant und der Kontostand nichts anderes erlaubt als daheim zu bleiben.

Mehr Mut also zur Wehmut, auch wenn der omnipräsente Wellnessdiskurs Glück diktiert – vom seriösen Happiness-­Report der Vereinten Nationen 2015 bis zu Franz Berzbachs aktuellem Büchlein über „Die Kunst ein kreatives Leben zu führen“, das Agenturmitarbeitern einen Buddhismus auf Teestubenniveau für mehr Gelassenheit predigt. Dabei ist die Melancholie, diese stilvolle Schwester der Trauer, notwendig. Sie dient als gut regulierbares Ventil für das Leiden am Ist-Zustand und federt Depressionen ab, wie ein alter Schwarzweißfilm aus Frankreich oder Klavierstücke von Arvo Pärt. Wer sich seine Traurigkeit abtrainiert, wird grätzig, wird sie gar von Streit und Stress unterdrückt, wächst die Aggression. Wer entspannen will, leistet sich Schwermut.

Zum Glück mehrt sich Widerspruch ­gegen die Pflicht zum Glück, etwa mit dem Essay­bändchen „Unglücklich sein. Eine Ermu­tigung“ des Berliner Philosophen W­ilhelm Schmid, ein Dauerbrenner an den Kassen der Buchläden. Schmid spricht Melancholikern hohe Sensibilität, die Fähigkeit zu Mitgefühl und ein gutes Gespür für Risiken zu. Es handelt sich offenbar um Menschen, wie wir sie brauchen, vor allem dort, wo sie rar sind: an den Spitzen von Wirtschaft und Politik. Ad hoc fällt mir da Willy Brandt mit seinen Depressionen ein. Man muss kein Glücksapostel sein, um Berlin zu regieren oder den Kniefall von Warschau zu wagen.

Beginnen wir also mit der Pflege der ­Melancholie. Denn schon im Januar werden die Tage wieder länger.  Claudia Wahjudi

Lesen

Wilhelm Schmid: Unglücklich sein. Eine Ermutigung, Insel Verlag, Berlin 2012, 103 S., 10 €

Verstehen

Von den Alten lernen: Willy Brandt litt unter Depressionen und bewirkte viel. Dauer­ausstellung des ­Willy-Brandt-Forums, Unter den Linden 62-68, Mitte, Di–So 10–18 Uhr, Eintritt frei

Neu sehen

Frisch restauriert sollen Caspar David Friedrichs Mönch am Meerund andere romantisch verstimmte Gemälde ab 22. Januar in der Alten National­galerie zu sehen sein, Bodestr., Mitte, Di–So 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr,  10,  erm. 5 €, bis 18 J. frei

Erinnern

Andrej Tarkowski (gest. 1986) drehte die schwermütig metaphorischen Filme ­Nos­talghia und Stalker“, die den ­Untergang der UdSSR vorwegnahmen. Entleihbar in guten Bibliotheken

Gehen

Ein Spaziergang durch die ­Moabiter Tristesse des West­hafens – am besten bei Regen

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