Berlin

Entspann dich

Handy aus und raus: Ob Teestube, Waldspaziergang oder ein altes Forsthaus im Umland – die schönsten Ideen für die kalten Tage
Texte: Jacek Slaski, Stefan Tillmann

Am Grab der Sängerin Nico im Grunewald

nico

Sie sang vom Sterben und von Einsamkeit. Nico, jene bildschöne deutsche Sängerin mit der abgründigen Stimme, die mit The Velvet Underground weltberühmt wurde,  wandelte während ihrer Solokarriere stets auf düsteren Pfaden.

Bis zum Unfalltod auf Ibiza und schließlich dem Friedhof Grunewald-Forst, wo sie mit 49 Jahren die letzte Ruhe fand. Ab dem 19. Jahrhundert und noch bis 1927 beerdigte man auf dem kleinen, tief im Wald versteckten Friedhof Selbstmörder, später auch Kriegsgefangene und unbekannte Soldaten. Wer sich heute bei einem Spaziergang dorthin verirrt, ist meist allein zwischen den alten Gräbern. Eine romantisch-morbide Atmosphäre der Vergänglichkeit hängt über dem Ort, nur an Nicos Grab spürt man etwas Rockglamour. Fans lassen oft Weinflaschen und Zigarettenpäckchen da. Ein Geheimtipp unter den Berliner Friedhöfen. Wer genug schön-schaurige Atmosphäre getankt hat, sollte den Waldwegen in südlicher Richtung folgen. Nach gut zwei Kilometern erreicht man so den Grunewaldturm, wo neben einem grandiosen Ausblick bis weit über die Havel das turmeigene Restaurant Klassisches wie Zanderfilet, Rehkeule und hausgemachten Kaiserschmarrn serviert. Dort scheinen dann die Dramen der tragischen Diva Lichtjahre entfernt.

Plattentipp: Nico „Chelsea Girl“ (1967)
Friedhof Grunewald-Forst, Schildhornweg 33, Restaurant Grunewaldturm, Havelchaussee 61, www.restaurant-grunewaldturm.de


In der Winterhütte

winterhütte

Das Forsthaus Strelitz liegt hinter Bäumen nahe der Bundesstraße, die nördlich von Berlin in Richtung Mecklenburgische Seenplatte führt. Das ist der einzige Nachteil, schließlich bleibt das Rauschen der Straße ein Begleiter.

Ein Vorteil ist es natürlich, schließlich ist man recht schnell dort. Und sowieso gibt es nur Vorteile und Dinge, die für einen kurzen Trip sprechen. Das alte Forsthaus hat mit Mitte 20 vor zwei Jahren Wenzel Pankratz von seinem Vater übernommen, nachdem er zuvor international bei zwei- und drei-Sterneköchen gelernt hatte. Um jetzt den elterlichen Betrieb zu einer zeitgemäß simplen regionalen Wald- und Wiesenküche umzubauen. Fast alles, was bei den 3– oder 5-Gänge-Menüs landet, kommt aus den Beeten, Feldern und Ställen des Hof. Das Essen steht klar im Mittelpunkt eines Besuchs, vier Gerichte kosten 35 Euro, sechs Gerichte 49 Euro. In jedem Fall lohnt sich aber auch eine Übernachtung in einem der umgenauten Zimmer in der alten Scheune.

Forsthaus Strelitz, Berliner Chaussee 1,
17235 Neustrelitz, Tel. 03981-44 71 35,
Di–Sa ab 18 Uhr, So ab 15 Uhr,
www.forsthaus-strelitz.de


Im Hermsdorfer Forst

Hermsdorfer Forst

Wer noch nie in Hermsdorf war, hat Berlin nicht verstanden und auch nie geliebt. Hermsdorf ist der kleine Bruder von Frohnau, nicht ganz so bürgerlich, aber genauso grün. Gutes, altes Reinickendorf. Der Hermsdorfer Forst bietet sich ideal für einen Spaziergang an. Weil es verschieden lange Rundwege gibt, weil es vergleichsweise leer ist. Wegen des Ehrenpfortenbergs. Und natürlich, weil er mit den Wildgehegen und dem Naturlehrpfad Kindern genauso viel Spaß macht wie klugscheißenden Eltern. Apropos Klugscheißen: Der Name Ehrenpforte stammt aus der Zeit der Kurfürsten, die die Wälder im 17. Jahrhundert zur Jagd nutzten. Dort wurden diverse Ehrenpforten für sie errichtet. Der Ehrenpfortenberg ist mit 69 Metern die höchste Erhebung Reinickendorfs, immerhin.

Empfohlene Spaziergänge:
Waldlehrpfad (ca. 2,5 Kilometer)
Eichhörnchenweg (ca. 6,5 Kilometer)
Eichenblattweg (ca. 9 Kilometer)

Zugang über:
Schulzendorfer Str., S Hermsdorf,
Bus M 125 Schulzendorfer Str.


In der Teestube

teestube

Teetrinker war ja lange Zeit ein Schimpfwort. Ein Teetrinker war eben jemand, der Tee trank und keinen Schnaps, kein Bier, wahrscheinlich rauchte er auch nicht oder wenn, nur auf der Straße. So ändern sich die Zeiten.

Tee trinken für Fortgeschrittene: im Chén Chè mitten in MitteFoto: Stephan Ruhmke

Tee trinken für Fortgeschrittene: im Chén Chè mitten in Mitte
Foto: Stephan Ruhmke

Heute raucht auch auf der Straße niemand mehr, statt Bier trinken ist jetzt Craft-Beer und Teetrinken in Mode. Gerade im Winter, saisonal also, was ja auch wieder wichtig ist. Das Teehaus Chén Chè gibt es schon eine Weile, was aber kein Makel, sondern eher ein Vorteil ist. So ist gesichert, dass das Ganze kein flüchtiger und womöglich ungeduldiger Trend ist. Vielmehr geht es um echte Kenntnis. Auch das Interieur ist wichtig. Die vietnamesischen Restaurants von Besitzer Si An Truong sind bekannt für ihre liebevolle Einrichtung – so auch das Teehaus Chén Chè. Es gibt neben wechselnden Tagesgerichten jeden Nachmittag eine vietnamesische Teestunde, mit Bio-Grüntee und Kostproben aus der hauseigenen Bäckerei, etwa Zwergbananenkuchen mit Erdnuss-Schokocreme. Wer sich dafür nicht begeistern kann, sollte vielleicht doch lieber beim Schnaps bleiben.

Chén Chè, Rosenthaler Straße 13, Mitte, Tel. 28 88 42 82, www.chenche-berlin.de


Im Wellness-Tempel

Wellnee-Tempel

Wer sich vom ständigen Handygebimmel verabschieden will, der sollte ins Vabali Spa Berlin gehen. In der Wellness-Oase in der Nähe des Hauptbahnhofs lässt man sein Handy in der Umkleidekabine, zusammen mit allen anderen Klamotten.

Foto: David Burghardt/ db-photo.de

Foto: David Burghardt/ db-photo.de

Man trägt auch keine Badehose, nur Bademantel und Handtücher außerhalb der Schwimm-, Kälte- und Wärmebecken. In jedem Fall kann man auf den 20.000 Quadratmetern mitten in der Stadt sehr erholsame Stunden verbringen. Die Macher haben an alles gedacht, bieten unterschiedliche Saunen, Innen-, wie Außenbecken, Massagen, Ruhezonen und eine ordentliche Gastronomie von Grünkern-Risotto, Currywurst bis zu üppigen Burgern. Wer danach nicht erholt ist, sollte am besten rüber zum Hauptbahnhof laufen – und das Weite suchen. Dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.

Seydlitzstraße 6, Moabit, Hauptbahnhof, www.vabali.de


Am Müggelturm

Müggelturm

Auch so ein Ort, den erstaunlich viele Berliner nie gesehen haben. Weil ja doch die meisten zum Teufelsberg rennen und da irgendwelche Fotos machen. Dabei ist der Müggelturm mindestens genauso faszinierend. Er erzählt eine ähnliche Stadtgeschichte aus Unvollkommenheit, Größenwahn, Aufstieg und Verfall – nur eben aus Ostsicht. Der rund 30 Meter hohe Müggelturm befindet sich auf dem Kleinen Müggelberg. Wer die insgesamt 126 Stufen hinaufsteigt, sieht weit und breit nur Wälder und Seen und darf sich wundern: dass  er immer noch auf Berliner Stadtgebiet steht. Und dass es – trotz vieler Pläne und Bemühungen – noch niemanden gelungen ist, diesem Ort zum alten Glanz zu verhelfen, den er zu DDR-Zeit hatte, als dort das Ausflugslokal schlechthin war. Wir geben die Hoffnung nicht auf, und nehmen bis dahin den Turm als dankbaren Anstieg nach unserer sturen Wanderung durch die Wälder drumherum. Denn klar ist: Man kann mit dem Auto auch bis auf 250 Meter unterhalb des Turms ran. Spaß macht es aber nur, wenn man weiter weg parkt oder aus der Straßenbahn steigt und den Rest des Weges zu Fuß erledigt.

Anfahrt:

Müggelturm 1, Bus X69 bis Haltestelle Rübezahl, den Müggelheimer Damm überqueren, den Weg in Richtung Teufelssee nehmen und hinter dem See die Treppen hinauf

Alterativ: Straßenbahnlinie 62 bis Endhaltestelle Wendenschloss, der Wendenschlossstraße bis zum Ende, links abbiegen ins Möllhausenufer, dieses geht am Ende in den unbefestigten Uferweg über, an der Gaststätte Schmetterlingshorst vorbei, an den Resten der Uferbefestigung Marienlust links abbiegen, am Ende des Weges Anstieg über die Treppe

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