Ausnahmetalent

Er ist der jüngste Resident-DJ im Berghain

Phase Fatale ist ein richtiges Bass-Ass. Bei der Sexparty Snax legt der New Yorker extragern auf. Sein Album kreist um queere Clubkultur – und um Psychofolter

Hayden Payne alias Phase Fatale, hier fotografiert vom Berghain-Türsteher Sven Marquardt

„Als queerer Teenager hab ich mich isoliert gefühlt“, sagt Hayden Payne. Er lächelt so warmherzig, fast schüchtern, dass man leicht vergessen kann: Der Typ macht ultradüsteren Techno. Er gehört zum inneren Zirkel der Berghain-DJs – wo er auch oft bei der Sexparty Snax auflegt. „In New Yorker Bars musst du 21 sein“, erzählt er. In den meisten funktionierte sein gefälschter Ausweis nicht. „Einen Club wie das Berghain hatte ich mir in meinem Kopf jahrelang ausgemalt, bevor ich wusste, dass er existiert.“ Im Februar 2014 flog Hayden Payne von New York nach Berlin. One-Way-Ticket.

Hayden Paynes Künstlername Phase Fatale bezieht sich auf den gleichnamigen Song der Pariser Punkband namens Ausweis. Und das ist so eine Redensart, „oh, das war fatal!“, was in etwa meint: Das war ganz schön dramatisch. Das psychedelisch pinke Cover seines neuen, zweiten Albums „Scanning Backwards“ ist eine Hommage an die Plattencover von My Bloody Valentines „Loveless“ (1991) und The Cures „Pornography“ (1982). Auf Phase Fatales Platte sieht man indes ein Röntgenbild von jemand, der gefistet wird. Die Faust im Anus, aber man sieht nur die Knochen. Das musste er seiner Oma erst mal erklären. Fetisch als Thema fasziniert ihn. „Ich selbst habe aber keine, außer halbnackte Muskelberge in dunklen Betonkellern“, lacht er.

Das Thema Kontrolle hat es ihm angetan. Er hat recherchiert zu damals geheimen Experimenten der CIA in den 50ern und 60ern namens MKULTRA. Versuche zur Bewusstseinskontrolle von Menschen, auch mit LSD. Aus der Paranoia des Kalten Krieges heraus. Das Projekt „Perfect Concussion“ der US-Navy sollte mit nicht mehr hörbaren Sub-Bass-Frequenzen Erinnerungen von Feinden löschen. „Als Musiker habe ich schon immer gerne mit besonders tiefen Frequenzen gearbeitet“, erzählt
Payne, „mit Bassläufen und Kickdrums“. Er denke viel über solche Frequenzen nach. „Da hat es mich schockiert, dass Leute sie für perverse Zwecke wie Psychokontrolle eingesetzt haben.“

Auf dem Album wagt er sich in die besonders tiefen Gefilde des Techno. Der Großteil ist nicht 4/4-Takt-tanzbodentauglich, manchmal wird es auch so richtig langsam, aber auf die industrielle Art. „Ich versuche, Pop-Musik-Klischees zu überwinden. Melodien sind klassisch. Davon will ich mich entfernen und mehr das Unförmige untersuchen.“ Vocals sind Hayden nicht so wichtig: „Ich glaube, dass wir irgendwann nicht mehr per Stimme kommunizieren. Auf eine Art wäre das schön, aber natürlich ist das auch eine Dystopie, zwischenmenschlichen Kontakt zu verlieren.“ Die menschliche Stimme zu verwenden scheint ihm „fast schon eine überholte Idee“ aus der Geschichte der Musik. „Es kann aber auch sehr archaisch sein.“ Aus Bewunderung für Al Pacino hat er ein Sound-Snippet aus dem Film „Cruising“ (1980) mit ihm gesampelt, der im New Yorker Leder-BDSM-Milieu spielt. „Ich wollte diese schwule Referenz.“ Aber selbst wenn er Stimmen verwendet, transformiert er sie so sehr, dass sie nicht mehr nach einem Instrument klingen.

Der Bass war seine erste Liebe: Mit Bass und Gitarre fing nämlich alles an, als Hayden Payne zehn Jahre jung war. In seiner Band Dream Affair hat er später sogar gesungen. Er hörte auf Kassetten den Industrial-Metal von Ministry, aber auch Iggy Pop. Die späten 80er mag er besonders: „Ich möchte auch die Musik miteinander verbinden, die im Lauf der Jahre dem Vergessen anheimfiel.“ Aber nicht einfach kopiert, sondern weiterentwickelt: „Post-Punk wiederholt sich zu viel. Der Zweck von Techno hingegen ist, sich nicht zu wiederholen. In der Songstruktur schon, aber im Größeren suchen die Leute immer nach dem, was sie noch nicht kennen.“ Wie auch auf der Snax-Party: „Es ist interessant, der Soundtrack für Sex zu sein“, schmunzelt er. Das sei intensiver als sonst. „Bei normalen Partys plaudern Leute ja auch oder holen Drinks.“

Er genießt es, ein paar Stunden lang mit niemandem zu sprechen, sondern super laute Musik zu höre. „Ich bin ein total introvertierter Mensch“, sagt er und lächelt sanft. Da hilft es, dass er sein Studio zuhause hat, in Schöneberg, wo er mit seinem Boyfriend lebt. Er mag die West-Berlin-Romantik: Bowie, Iggy Pop, Einstürzende Neubauten: „Alle hingen in den 80ern in Schöneberg rum. Blixa hatte seinen Plattenladen bei mir um die Ecke.“

Paynes Faszination für die dunklen Seiten der Seele spiegelt sich auch in seiner Liebe für alte Horrorfilme wider: „In New York konnte man in bestimmten Läden echt durchgeknallte Filme ausleihen. Zeug, das man online niemals finden würde. Diese Horrorfilme noch vor all dem Hollywood-Unsinn kommentierten die Gesellschaft – zogen Analogien zu Horror im echten Leben.“ Langsam versteht man: Ebendies tut Phase Fatale in seiner Musik, wenn er sich etwa mit Gedankenkontrolle durch Tiefenbässe beschäftigt.

Was könnte für einen, der so düster und so warmherzig sein kann, wohl eine ganz besonders fatale Phase sein? Hayden Payne hält kurz inne und lacht dann: „Wenn das Soundsystem abkackt.“