Clubkultur

„Es gibt nicht nur schöne Verschmelzungserlebnisse“

Am Wochenende mal wieder mit anderen Feiernden das Besondere gesucht? Ein Gespräch mit dem Drogen- und Präventionsforscher Henrik Jungaberle über Tanz als Kulturtechnik und Selbstheilungsform

Foto: Jennifer Bulla & Patrick Huth / bullahuth Fotografie und Gestaltung

Herr Jungaberle, manche Partybesucher verschmelzen gerne mal am Wochenende mit der Menge auf der Tanzfläche. Ab wann haben wir eigentlich das Gefühl, solche Erlebnisse ausdeuten zu müssen?
Es gibt viele Berichte über das Verschmelzen mit dem Rhythmus, in dem sich eine Menge bewegt. Nicht ich bewege mich – es bewegt mich. Manche berichten auch vom Verschmelzen mit dem Kosmos. Gelegentlich wird dabei ein emotionaler Rahmen oder ein Denkrahmen gesprengt. Das ruft bei einigen das Bedürfnis hervor: „Ich will mein Leben ändern.“ Aber eben nicht bei allen. Wenn wir über Drogen reden: Die sind kein automatischer Weg zur Transformation. Dazu gehört eine Art Unzufriedenheit oder die Suche nach Neuem. Auf diesen Boden fällt dann der Same eines besonderen Erlebnisses.

Das hat doch aber nicht gleich eine spirituelle Dimension.
Das hat mit persönlichen Erfahrungen zu tun und wie wir sie im größeren Rahmen deuten. Menschen suchen Erlebnisse, die über ihr kleines Alltagsleben hinausgehen. Es soll besonders sein, das reicht manchen. Also Abwechslung am Wochenende. Andere machen, manchmal ohne es zu wollen, eine überwältigende Erfahrung, die sie plötzlich vor die Aufgabe stellt, das zu integrieren. Wie, das hängt von vielen Dingen ab. Ob der Mensch auf der Tanzfläche zum Beispiel einen Freundeskreis hat, mit dem man so etwas besprechen kann. Oder ob das Erlebnis so verstörend war, dass es immer wieder auftaucht. Es gibt ja nicht nur schöne Verschmelzungserlebnisse.

In der Partykultur und in der Musik selbst gibt es schamanische Einflüsse. Ist das eine Reaktion auf solche Erfahrungen?
Der Trommelrhythmus der Naturvölker und deren Schamanen war immer Bestandteil von House und Techno. Die neuen Klangwelten mit den Synthesizern der Sechziger haben sich mit diesen Rhythmen beschäftigt. So entstand die Idee, mit dem Beat der elektronischen Musik das Bewusstsein zu verändern. In der Partyszene wird das sehr gefeiert: Dass der ganze Raum auf einen Trip geht, durch den DJ angeleitet.

Tanz ist auf jeden Fall…
… universell. Eine der ältesten Ausdrucksformen der Menschen. Vielleicht auch Selbstheilungsform – darüber kann man mal nachdenken. Unser Körper ist ja ein zutiefst rhythmisches Geschehen, bis in die Zelle hinein. Das macht wieder die Verbindung zur Technomusik.

Ihre Berliner Organisation MIND möchte neue Kulturtechniken für die Einnahme von Substanzen schaffen. Ist das etwas, das im Partykontext schon passiert?
Ich glaube schon. Für uns kommt ein Aspekt dazu: Dass wir Menschen einladen, mehr als ihre hedonistischen Lustimpulse zu erleben. Es gibt erstaunlich viele, die nicht mehr wissen, was sie am Wochenende erlebt haben. Das mag mit der Wirkung von Substanzen wie MDMA zu tun haben. Vielleicht wollen sie sich auch nicht erinnern. Das aktuelle Hauptprojekt von MIND ist daher ein Integrationsprogramm. Menschen erleben etwas Unglaubliches, Überwältigendes, Faszinierendes. Wir bringen sie zusammen mit anderen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und geben ihnen Einordnungshilfen. Ohne dass sie ein esoterisches Buch kaufen müssen.

Was rund um eine Party geschieht, hat durchaus etwas Ritualisiertes, Zeremonielles.
Nur ist die innere Haltung dabei sehr unterschiedlich zu traditionellen Kulturen. Dadurch dass unsere Partykultur viel mit illegalisierten Substanzen zu tun hat, hat sich dieses Ritual- und Feierwesen in unserer Gesellschaft nicht so richtig entwickeln können. Wenn es um die Sinnsuche geht, sollte man auch die Berlin-Blase nicht unterschätzen: Hierher strömen die, die nicht zufrieden sind, wo sie bisher waren. Deswegen gibt’s hier eine Menge Menschen, die alle suchen. Und viele finden nicht. Jahrzehntelang.

Heißt das, Sie halten die Sinnsuche im Partykontext für aussichtslos?
Nein. Auf die Tanzfläche gehen ist eine Kulturtechnik, die wertvoll und gelegentlich auch heilsam ist. Sie ist ein Ort für spirituelle Erlebnisse. Nur sollten wir darüber hi­naus die Wochenenderfahrung in den Alltag bringen. Sei es, indem wir meditieren – oder doch das Auto verkaufen und einen neuen Job suchen.

www.mind-foundation.org

Foto: Promo Henrik JungaberleHendrik Jungaberle ist Drogen- und Präventionsforscher und Vorsitzender der Berliner Organisation MIND, die sich für den legalen Einsatz psychoaktiver Substanzen in der Psychotherapie einsetzt