Interview

»Es ist eine entspannte Feierwut«

Kerstin Egert legt unter dem Namen Tama Sumo seit fast 20 Jahren House auf. Sie ist eine Konstante im Nachtleben, die langsam über die Stadt hinaus bekannt wird.

Kerstin Egert lacht viel. Sie ist, was man im Volksmund eine Frohnatur nennt. Keine rheinische, die 42-Jährige stammt aus Süddeutschland. Seit 1990 lebt sie in Berlin. Bekannt wurde sie als Resident-DJ im Tresor, ab 2004 verstärkte sie die hauseigene DJ-Crew des Berghain – unter ihrem Pseudonym, das angeblich nach einigen Schlückchen Sekt entstand, als sie versuchte die Zeile „Topmodel, Supermodel“ auszusprechen.   

Frau Egert, wann legen Sie am liebsten im Berghain auf?
Ich spiele dort am allerliebsten Sonntagnachmittags. Wenn ich zuvor nicht auswärts auflege, schlafe ich in der Regel vorher, bin mindestens eine Stunde vor Setbeginn im Club, um in die Party reinzukommen, zu hören, was der DJ vor mir spielt, und mein Lampenfieber in den Griff zu bekommen.

Sind die Besucher entspannter als nachts?
Das klingt so, als würden wir da sitzen und Kaffee trinken. Und das tun wir nun gar nicht. Sagen wir, es ist eine entspannte Feierwut.

Was sehen Sie, wenn Sie die Menge beobachten?

Eine sehr durchwachsene Mischung von Leuten. Das ist einer der Gründe, warum ich mich im Berghain so wohl fühle: Das Publikum ist sehr facettenreich, was Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung, nationale Herkunft und sozialen Hintergrund betrifft. Wie der berühmte DJ Larry Levan einmal gesagt hat: Auf dem Dancefloor sind alle gleich.

Warum sieht man in diesem Publikum so wenige Lesben wie Sie?
Ich kann natürlich nicht für alle Lesben sprechen. Zum einen ist die Musik auf Lesbenpartys nicht so präsent. Es kann daran liegen, dass House und Techno von einschlägigen Magazinen wenig berücksichtigt werden. In Lesben-Magazinen sehe ich Riot-Girl-, Pop- und Rock-Kultur, mit viel Glück noch etwas Oriental-Pop. Ich habe in den 90er Jahren sogar mal aufgegeben, auf Lesben-Partys zu spielen, weil es für mich nicht funktioniert hat. Permanent kamen Fragen wie: Hast du auch was Tanzbares oder was von Abba? Die Mädels hatten keinen Spaß und ich auch nicht.

Und heute?
Anfang der Nuller-Jahre gab es die ersten Mädelsveranstaltungen, die sich etwas abseits des Mainstreams platziert haben. Partys wie Milkshakes und Girls Town bieten auch Entwürfe von House oder Techno an. Insgesamt gibt es aber für meinen Geschmack noch zu wenig Berührungspunkte.

Wie unterscheiden sich Lesbenpartys von anderen?

Ich hatte bisher den Eindruck, dass die Tendenz, sich ausgiebig zu unterhalten dort viel ausgeprägter ist. Und der Hang zum Hedonismus ist geringer. Ich empfinde die Atmosphäre meist etwas zurückhaltender als in der restlichen Clublandschaft. Das hat mich die ersten Male, als ich dort gespielt habe, verunsichert und irritiert.

Begonnen haben Sie Ihre Karriere 1993 in einer Kreuzberger Bar, im Drama.
Ja, in der Oranienstraße, zwischen Moritzplatz und Adalbertstraße.

Es heißt, Sie mussten überredet werden aufzulegen. Stimmt das?

Ja, das ist wahr. Ein guter Freund von mir, Holger, hat damals im Drama aufgelegt. Mit ihm habe ich viel Zeit verbracht, wir haben uns über Musik ausgetauscht, ich war aber zu introvertiert, um aufzulegen. Schließlich hat er eines Tages ohne mein Wissen einen Gig mit mir organisiert. Was toll war, sonst hätte ich mich vermutlich nie getraut.

In der Clubkultur dominieren die Männer. Die Produzentin und DJane Ellen Allien erklärte den Zugang zur Technik einmal so: „Mädchen wachsen mit Puppen auf, während die Jungs eher Vaters Radio reparieren.“
Moment: Nicht nur in der Clubkultur dominieren die Männer. In unserer westlichen Gesellschaft bestimmen Jungs die Regeln, sie werden eher ermutigt, präsent zu sein und aktiv zu werden. Das reflektiert die Clubkultur. Aber wir haben im Berghain einen vergleichsweise hohen Prozentsatz an Frauen, die regelmäßig hinter den Decks arbeiten.

Mal ehrlich: Womit haben Sie als Kind gespielt?
Da erfülle ich jedes Klischee. Es stimmt, ich wollte nie mit Puppen spielen. Und das ist in meiner Umgebung auf komplettes Unverständnis gestoßen.

Und wie haben Sie Ihre Nachmittage verbracht?
In meiner Kindheit gab es noch Radios in Walkmangröße. Die habe ich mit Vorliebe auseinander genommen. Nicht dass ich sie wieder hätte zusammensetzen können. Ich fand dieses Basteln und Aufschrauben interessant, war auch zu ungeduldig, mich mit der Technik näher zu beschäftigen. Die Einstellung wirkt bis heute nach. Es kostet mich nach wie vor Überwindung, Bedienungsanleitungen durchzulesen – selbst für die Geräte, mit denen ich Musik produziere.

Dann fällt auch DJ-Software zum Auflegen für Sie flach?

Das hat nichts mit Technikangst zu tun. Ich bin eine große Anhängerin der Vinylkultur.  Es klingt besser, ich mag die Haptik und das mit dem Beschaffen verbundene soziale Element. Ich genieße es, mir bei Hard Wax am Paul-Lincke-Ufer und Rotation in Mitte neue Platten auszusuchen.

Seit wann können Sie von Ihrer Arbeit als DJ leben?
Eigentlich erst seit drei Jahren.

Lange davor waren Sie doch bereits Resident-DJ im Berghain.
Ich hatte Angst, einen Vollzeitjob als DJ anzunehmen. Auch aus der Sorge heraus, es könnte sich zu viel Routine einschleichen. Deshalb arbeitete ich werktags in einer kleinen Agentur als Projektmanagerin. Der Arbeitsaufwand wurde mir aber zu viel. Ich wollte Musik produzieren, aber nach acht Stunden im Büro noch mal den Computer anzuschalten, dafür war keine Energie übrig. Ich bin glücklich, dass ich die Entscheidung gefällt habe.

Party: 22.1., 24 Uhr, Berghain, Friedrichshain, Eintritt 10 Euro, www.myspace.com/tamasumo