TANZTAGE 2020

Es lebe die Vielfalt

Von queer-feministisch bis postkolonial: In der 29. Ausgabe der „Tanztage Berlin“ zeigt der Choreografie-Nachwuchs seine frischen Kreationen

Manifestation weiblicher Sexualität: „Juck“ von Juck aus Schweden – Foto: Linus Enlund

Text: Annett Jaensch

Eisblöcke, die an Ketten von der Decke hängen und sich langsam verflüssigen. Bildstark legt sie los, die aktuelle Ausgabe der Tanztage in den Sophien­saelen. Der traditionell erste Termin im Festivaljahr gehört nun schon seit 20 Jahren dem Berliner ­Choreografie-Nachwuchs. Acht Premieren und zwei Gastspiele dürften sich auch dieses Mal wieder als Wundertüte des Performativen erweisen.

Doch zurück zur Eiskulisse vom Anfang: Anders als vielleicht vermutet ist sie kein Kommentar auf die Klimakrise, sondern flankiert „Neptune“, das identitätsbefragende Solo der US-amerikanischen Tänzerin Lois Alexander. Die fluide Natur des Elements Wasser mit seinen Aggregatzuständen wählt sie als Reflexionsfolie für die sozialen Strukturen, mit denen Frauen of Color im Laufe der Geschichte konfrontiert waren.

Nach diesem poetisch-eindringlichen Auftakt schlägt der Eröffnungsabend noch zwei weitere thematische Haken. Das Duett „Sarabande“ in der Choreografie von Sasha Amaya bürstet Barocktänze aus nicht-europäischer Perspektive gegen den Strich. Kapi­talistische Vermarktungsmechanismen des weiblichen Körpers führt „Tricks for Gold (T4$)“ von Frida Giulia Franceschini auf verspielt-ironische Art vor. Ihre Erfahrungen als Choreografin und Sexarbeiterin anzapfend, entwirft sie mittels einer Webcam und allerlei Zaubertricks ein Bühnenmärchen der etwas anderen Art.

Indigen-futuristische Performance: „Solar Threshold“ von Maque Pereyra aus Bolivien – Foto: Yamila Macías

Beim Blick ins Programm könnte man die Berliner Plattform für jungen Tanz glatt für ein internationales Festival halten. Auch ein Zeichen dafür, wie divers die hiesige Szene inzwischen ist. Der rote Faden, der sich in diesem Jahr durchzieht: queer-feministische und postkoloniale Positionen, die von der Lust erzählen, Körper anders zu lesen und in aktuelle Gesellschaftszusammenhänge zu bringen.

In „Juck“, schwedisch für Stoßen, deuten sechs Performerinnen in Schuluniform die Kopulationsbewegung des Beckens zur Manifestation weiblicher Sexualität um.

Anna Mülter, die das Festival seit 2015 kuratiert, hat dieses Mal 90 Anträge gesichtet. „Viele der Choreograf*innen arbeiten aus ihrer eigenen Alltagserfahrung heraus. Mir sind diese individuellen Perspektiven im Programm sehr wichtig“, erklärt die künstlerische Leiterin.

Den queeren Strang im Programm bereichert Caner Teker mit der Performance „Kirkpinar“. Das türkische Öl-Wrestling, im Original ein ziemliches Testosteron-Spektakel, brechen die zwei Performer derart auf, dass aus dem hypermaskulinen Ritual plötzlich ein Echoraum für Intimität und Verletzlichkeit wird. Einen betont narrativen Rahmen spannt Amirhossein Mashaherifard mit „Aftermath“ auf. Welchen inneren Aufruhr verursacht es, bei einer Polizeiak­tion fast niedergeknüppelt zu werden? Was macht eine schwerwiegende chronische Krankheit mit dem Körper? Es sind ganz unterschiedliche Ausnahmezustände, die der aus Teheran stammende Choreograf atmosphärisch zu verdichten versteht.

Anna Mülter feiert nach sechs Jahren künstlerischer Leitung ihren Abschied, ab 2021 wird sie das Festival Theaterformen in Hannover leiten. Ihre persönliche Bilanz der Tanztage? „Meine Scouting-Arbeit gleicht ein wenig der eines Trüffelschweins“, resümiert Mülter. „Es ist toll mitzuverfolgen, wo viele Künstler und Künstlerinnen, die bei uns angefangen haben, inzwischen stehen.“

Zum Festivalende wird es noch einmal richtig fulminant mit einer Mischung aus Voguing, Spoken Word und Live-Musik: House of Living Colors nimmt sich in „Endangered Species“ dem Thema Klimakrise und schwindender Biodiversität an. Das Drag-Kollektiv aus Transmenschen of Color, das erste seiner Art in Berlin, lässt bei der Kreation auch das indigene Naturwissen seiner Mitglieder einfließen. Es lebe die Vielfalt.

8.–18.1., Sophiensaele, Sophienstr. 18, Mitte, Eintritt 15, erm. 10 €, www.sophiensaele.com