Rio Reiser

Es war einmal ein Teenager, der Bob Dylan sein wollte

350 Songs auf 16 CDs, ein Buch, ein Gala-Abend: 20 Jahre nach seinem Tod wird Rio Reiser als womöglich bedeutendster deutscher Songschreiber gefeiert

Wir schreiben das Jahr 1965. Ludwig Erhard ist Bundeskanzler, das Wirtschaftswunder noch in vollem Gang, auf der anderen Seite des großen Teichs wird Malcolm X ermordet, die Bundesrepublik und Israel nehmen diplomatische Beziehungen auf, die DDR belegt Wolf Biermann erstmals mit einem Auftrittsverbot, in Hannover gründet sich eine Band namens Scorpions, und in Westberlin hebt ein 15-Jähriger namens Ralph Möbius erstmals seine Stimme und singt: „I wait for a new tomorrow/ Which I knew will never come.“

Rio Reiser, wie er sich später nennen wird, wohnt noch bei seinen Eltern, als er „Walking Along The Shore Tonight“ aufnimmt. Der Teenager von damals klingt zwar noch überdeutlich wie jemand, der lieber Bob Dylan sein möchte, aber erstaunlich ist doch, dass schon in diesem sehr frühen Lied mit der Sehnsucht nach Veränderung, nach einem neuen Morgen, nach einer neuen Zeit, ja, nach der Revolution, eines der Motive anklingt, die Reiser als Sänger und Texter von Ton Steine Scherben, aber auch als Solokünstler immer wieder bearbeiten wird.

„Walking Along The Shore Tonight“ steht ganz am Beginn eines wahnwitzigen Unterfangens. Lutz Kerschowski, bis zu Reisers Tod vor nun auch schon wieder 20 Jahren Gitarrist in dessen Band und seitdem der Archivar seines unübersichtlichen Nachlasses, hat sich durch Berge von Aufnahmebändern gewühlt und nun mehr als 350, zum größten Teil unveröffentlichte Stücke zusammengestellt. 16 CDs ist diese sogenannte „Blackbox“ dick. Versammelt darauf sind die noch in englischer Sprache und in sehr jungen Jahren getexteten Lieder, dann seine ersten Gehversuche auf Deutsch, Covers seiner wichtigsten Einflüsse (natürlich Dylan, natürlich die Rolling Stones, aber auch die Beach Boys und Sonny & Cher), die vielen Arbeiten für Theatergruppen wie Hoffmanns Comic Theater oder Brühwarm, Filmmusiken, ein von seinem Bruder Peter geschriebenes und von Reiser gesungenes Musical und schließlich auch noch verschütt gegangene Popsongs aus seiner König-von-Deutschland-Karriere nach der Auflösung von Ton Steine Scherben.

Hört man sich durch das irre Konvolut, ist sie sehr schön nachzuvollziehen, die Entwicklung von Ralph Möbius zum politisch bewegten Rio Reiser und schließlich zum Popstar. Wenn man sich einlässt, stößt man auf dieser Reise auf zum Teil erbärmliche Tonqualität, peinsame bis bizarre Momente (vor allem in den Theatermusiken), obskure Kollaborationen, überraschende Klangexperimente, aber auch verlorene Schätze und Perlen wie das sehr frühe „Lena“, in dem Reiser seine mittlerweile ausführlich dokumentierte Liebe zum Schlager mit der damals aus England herüber schwappenden Beat-Welle in Einklang zu bringen versucht. Oder das späte „Sex Sex Sex“, für das das Deutschland von Rio I. dann wohl doch noch nicht bereit war. Und man stößt immer wieder auf witzige kleine Details, wie den Hinweis auf seine offen gelebte, aber von der Öffentlichkeit damals lieber ignorierte Homosexualität in einer Version des Pogues-Klassikers „Dirty Old Town“: Da küsst Reiser eben nicht „a girl by the factory wall“, sondern „my boy“.

Die „Blackbox“ ist – zusammen mit „Halt dich an deiner Liebe fest“, den kürzlich erschienenen Erinnerungen seines Bruders Gert Möbius – auf jeden Fall viel, sehr viel Stoff für alle, die das Werk Reisers noch einmal neu interpretieren wollen. Auch wenn die Exegeten dann höchstwahrscheinlich bloß zu einer bereits altbekannten Weisheit gelangen werden: dass man es mit Rio Reiser nicht nur mit dem größten Sänger ohne Stimme aller Zeiten, sondern wohl auch mit dem besten, höchstwahrscheinlich wohl einflussreichsten Verfasser von Songs in deutscher Sprache zu tun hat. Und da Dylan jetzt Nobelpreisträger ist, sollte Reiser ja vielleicht posthum den Büchnerpreis bekommen.

Dieses Vermächtnis wird gefeiert mit einer illustren Besetzung bei einer „Großen Rio Reiser Nacht“ im Admiralspalast. Am 4.11. dürften die Reste von Ton Steine Scherben, Max Herre, Marianne Rosenberg, Wenzel, Corinna Harfouch, Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten und viele andere mal wieder beweisen, dass Reisers Lieder zeitlos sind. Thomas Winkler

Rio Reiser: Blackbox (Möbius/Buschfunk)
Die große Rio Reiser Nacht am 4.11. mit Ton Steine Scherben u.a.

https://www.zitty.de/event/musik-konzert/die-grosse-rio-reiser-nacht/