interview

Es war einmal in West-Berlin

Wem gehört die Stadt? Nach der gelungenen Revolution wird Berlin zur weltweiten Hauptstadt der Drop-Outs, Desperados und Freaks. Also fast wie im richtigen Leben

Die Schulinsel Scharfenberg wird zum Internierungslager, auf Valentinswerder bauen die Russen ein AKW, die Berliner Museen werden geplündert – nichts wird gut nach der Revolution, Illustration: Jörg Mailliet / Autoren: Jörg Ulbert / Thomas Jaedicke / Berlin Story Verlag
Jörg Ulbert

Jörg Ulbert, Jahrgang 1967, geboren in West-Berlin, lebt seit 1992 in Frankreich und lehrt heute an der Universität Süd-Bretagne in Lorient. „RRWB“ – das Akronym steht für „Räterepublik West-Berlin“ – ist sein dritter Comic, nach „Gleisdreieck“ und „Westend“. Waren die ersten beiden Bände Politthriller, die im linken Milieu der Mauerstadt spielten, so macht „RRWB“ einen Sprung in die Science Fiction: Was wäre passiert, wenn die Studentenbewegung die Schlacht am Tegeler Weg gewonnen, den Berliner Senat entmachtet und die Herrschaft in der Mauerstadt übernommen hätte? Die Antworten sind nicht immer politisch korrekt.

Herr Ulbert, Ihr Thema, dem sie sich jetzt im dritten Buch widmen, sind West-Berlin und die Linke. Woher kommt das?

Die persönliche Antwort: Wenn man auf einer Terrasse sitzt und ein Bier trinkt, fragen doch viele Leute, wie das denn in West-Berlin damals gewesen ist. Die professionelle: Ich bin ja Frühneuzeitler und beschäftige mich mit Sachen, die 300 bis 400 Jahre her sind. Wenn ich in Deutschland geblieben wäre und weiter wissenschaftlich gearbeitet hätte, hätte ich einen Epochensprung vollziehen müssen. Ich hätte mich gerne mit den 60er, 70er, 80er Jahren beschäftigt, eine Geschichte der Hausbesetzer geschrieben. Ursprünglich wollte ich zum ersten Buch parallel etwas wissenschaftlich machen, da fehlte mir dann aber Zeit, Lust und Traute. Ich hätte auch viele Interviews führen müssen, denn offizielle Quellen gibt es dazu nicht. Der Verfassungsschutz – Bundesamt und Landesamt – behauptete nach mehrmaligen Nachfragen, es gäbe dazu keine Unterlagen, was es gäbe, hätte man ans Landesarchiv Berlin weiter gegeben. Da liegt eine ganze Reihe gesperrter Ordner, die Konservatorin hat mir dann erzählt, da seien nur Zeitungsausschnitte drinnen. Das Interesse am Thema hatte ich also schon immer, die Rolle der Stasi in dieser ganzen Bewegung zu untersuchen, fände ich sehr spannend.

„RRWB“ ist im Vergleich zu den ersten beiden Bänden sehr respektlos.

Mein Co-Autor Thomas Jaedicke kennt die Dutschke-Familie und hatte immer die Befürchtung, die Behandlung von Rudi Dutschke im Buch wäre nicht angebracht. Aber mein Vater hat Dutschke ja noch live erlebt und war der Meinung, der war mit seinen Bandwurmsätzen und Fremdwörtern damals schon schwer zu verstehen.

Horst Mahler kommt auch nicht gerade gut weg, obwohl er 1968 noch zu den angeblich „Guten“ gehörte.

Ich weiß nicht mehr, ob das Bommi Baumann oder Rainer Langhans war, der sagte, Mahler wäre sowieso immer nur dabei gewesen, weil er gehofft hat, so ein Mädel abzukommen. Das war seine einzige Motivation. Die Frage, warum so viele von diesen Leuten heute im völkischen Lager gelandet sind, ist ja spannend.

Meine Lehrer haben die Geschichte von der Schlacht am Tegeler Weg wie eine Heldengeschichte erzählt: „Mit Peter Brandt auf der Demo und die Bullen haben die Wurstzipfeltaktik“ angewendet. Das war so, wie Opa vom „Feldzug gegen den Iwan“ erzählt hat. Ihr Narrativ ist da etwas anders?

Ich wollte ja eigentlich vom Fall Kurras ausgehen, dem Polizisten, der Benno Ohnesorg erschossen hat. Dann ist Thomas Jaedicke, mit dem ich zusammen zur Schule gegangen bin, dazu gekommen und wir haben angefangen zu spinnen. Ich hatte schon Material gesucht, in dem die 68er-Studenten überlegen, was passiert, wenn sie die Macht übernehmen.

Ich musste beim Lesen an das Kursbuch-Gespräch zwischen Rudi Dutschke, Bernd Rabehl, Christian Semler und Hans-Magnus Enzensberger denken, in dem sie überlegen, wie in Zukunft mit dem politischen Gegner umzugehen ist. Bei deren Lager-Fantasien läuft es mir heute noch kalt den Rücken runter. War das eine Quelle für sie?

Genau! Das war der Auslöser. Ich glaube aber, das ist ja auch der Weg, auf den es dann hinauslief. Ich hatte vorher das Buch „Unser Kampf“ von Götz Aly gelesen, für das er ja übel Prügel bekam. Ich fand’s überzeugend! Wenn sie „RRWB“ lesen, finden sie überall Andeutungen auf seine Thesen.

„RRWB“ lebt sehr von den vielen versteckten Ostereiern. Ich musste sehr über den Pervitin-Dealer Walter Weiß aus Tempelhof lachen – eine Anspielung auf die Figur Walter White aus „Breaking Bad“. Verraten sie noch ein paar andere Ostereier?

Das war mehr oder weniger Zufall: Thomas Jaedicke wollte unbedingt das Thema Pervitin unterbringen. Das ist ja nichts anderes als Crystal Meth, aber Jaedicke kannte „Breaking Bad“ gar nicht. Eine Figur wird „Blonder“ genannt, so spricht Eli Wallach immer Clint Eastwood in „Zwei glorreiche Halunken“, einem Kultfilm der 68er, an. Natürlich sollte der Kartentisch von Kurras so aussehen, wie der von Hitler unter dem Stauffenberg die Bombe platziert hat. Die erste Räteversammlung im Buch findet in der Villa in Friedenau, in der sowohl Göring gewohnt hat, als auch – natürlich später – Enzensberger. Und dass die Räteversammlung später im Springer-Hochhaus tagt, war ein Gag des Co-Autoren Thomas Jaedicke: Er war Volontär bei Axel Cäsar. Solche Gags haben wir aber schon in den ersten Bänden eingebaut: „Gleisdreieck“ ist ein Buch über West-Berlin, in dem man nie die Mauer sieht.

Um ihre Idee weiterzuspinnen: Bei Bernd Rabehl und Horst Mahler ist die Frage leicht zu beantworten, aber was glauben sie, wo Leute wie Ulrike Meinhof heute politisch stehen würden?

Das weiß ich nicht. Meinhof war ja schon Mitte 30, als sie in den Untergrund ging, das war bei ihr keine jugendliche Kurzschlusshandlung. Aber mich berührt schon, wie viele dieser Alt-68er – wie eben auch Götz Aly oder der Schriftsteller Peter Schneider – bedauert haben und erkannten, was für wirres Zeug sie damals geredet haben. Ich weiß ja auch noch, was ich selber in dem Alter für Quatsch erzählt habe. Aber wenn man sich etwa die Werdegänge der frühen Faschisten anguckt, Mussolini oder Degrelle, die fingen auch auf einer sehr linken Position an und endeten ganz weit rechts.