Museen

Ethnologen ohne Südsee

Am 10. Januar schließt die Südsee-Abteilung des Ethnologischen Museums. Für immer. Damit endet ein Kapitel des Dahlemer Eurozentrismus

Ganz hinten, in der letzten Halle des Erdgeschosses, steht die Zeit noch still. Noch scheinen die schlanken Boote durch den verdunkelten Saal gleiten zu wollen, Segler, Katamarane, Einbäume, mit stolzen Segeln und Dächern aus Holz und Seil, die vor der Sonne über dem Südpazifik schützen sollen. Am 11. ­Januar aber schließt die berühmte Südsee-Abteilung des Ethnologischen Museums. Dann beginnen Mitarbeiter der Staatlichen Museen, die Boote für den Transport nach Mitte vorzubereiten, in den umstrittenen Museums­neubau am Schloßplatz, der 2019 eröffnen soll.
So lang können Besucher über das Museum eines Museums staunen. Wenig hat sich hier verändert, seit das damalige Völkerkundemuseum  in den späten 60er Jahren eröffnete, in einem West-Berlin, dessen Horizont an der Mauer endete. In den großen Vitrinen finden sich vor farbigen Hintergründen Gegenstände, die das Leben von Menschen im Südpazifik Ende des 19., Anfang des 20.  Jahrhunderts bezeugen sollen, als viele der Artefakte nach Europa kamen. Dieses Leben findet sich auf Ordnungsbegriffe wie Nahrung, Kleidung, Schmuck und Instrumente reduziert, meist auf materielle Güter, losgelöst von Prozessen und Erleben im Wechselspiel mit Umwelt und Natur.
In den Vitrinen fristen sie eine eingefrorene  Existenz, die suggeriert, dass es diese Welt nicht mehr gibt. Die Beschriftung tut ein Übriges. Neben dem hochseetauglichen Segler links, der von der Insel Luf im Bis­marck-Archipel stammen soll, behauptet ein Schild: „Das Boot gelangte im Jahre 1904 nach Berlin.“ Und: „Die Bevölkerung von Luf ist um 1940 ausgestorben“. Interessant ist, was ungesagt bleibt: die Gründe für das vemeintliche „Aussterben“ und die Hintergründe der Verfrachtung des Bootes.

Finstere Matrosen

Das Bismarck-Archipel vor Neuguinea war von 1884 bis 1918 „deutsches Schutzgebiet“. Europäer treten im Dahlemer Südseepanorama vor allem als Forscher, Zeichner und Sammler auf, denen das Publikum das Museum zu verdanken hat, nicht jedoch als Händler, Soldaten und Missionare. Nur eine Vitrine zeigt Europäer, wie Einheimische sie sahen: Die Skulpturen stellen blasse Matrosen dar, mit Mützen, langen ­Nasen und zusammengezogenen Brauen.
Im neuen Haus sollen nur noch sechs Boote zu sehen sein und statt unverrückbarer Vitrinen Modu­le mit auswechselbaren Medien. Die müssen dann aber tatsächlich ausgetauscht werden. In Dahlem läuft ein  neuerer Film über die Wiederbelebung der Bootsbaukunst auf Tamako. Er wirkt bereits jetzt veraltet, erzählt er doch auch von der Aussicht, mit solch einem Schiff wieder bis Tuvalu segeln zu können. Tuvalu aber droht inzwischen, unter dem steigenden Meeresspiegel unterzugehen.

Bis 10.1.: Ethnologisches Museum Dahlem, Lansstr. 8., Di-Fr 10-17, Sa/So 11-18 Uhr, 8, erm. 4 €, bis 18 J. frei