Berlin

Euch das Ufer, uns die Spree!

Die bunte Flotte macht Berlins Wasserstraßen zum Widerstandsnest
Text: Martin Schwarzbeck, Fotos: Lena Ganssmann

Ein Sommersonntag zwischen Treptower Park und Stralauer Halbinsel: Ein Pärchen knutscht schwimmend mitten auf der Spree. Der Ausflugsdampfer, der auf sie zufährt, macht einen rücksichtsvollen Bogen. Am Ufer üben ein paar Halbstarke Arschbomben. Eine Armada von Tret- und Schlauchbooten ist unterwegs. Manche dümpeln aneinandergeleint herum, die Besatzung picknickt oder trinkt Wein. Auf einem Grillboot wird gegrillt, einer paddelt stehend auf einem Surfbrett, Kanufahrer durchschneiden die Szenerie. Ein Floß treibt vorbei, mit nichts darauf als einem Steuerrad, einer Piratenfahne und zwei halbnackten Piraten. Die Touristen auf dem Oberdeck des Ausflugsdampfers fotografieren wie wild in alle Richtungen und winken. Die Bootsfahrer winken zurück. Es herrscht Volksfeststimmung auf der Spree.

Der Fluss wird gerade zum Naherholungsgebiet mitten in der Stadt. Dabei war Bootfahren hier bis vor Kurzem eine elitäre Sache, die Spree bevölkert hauptsächlich von hochseetauglichen Luxusjachten und den Ausflugsdampfern der Weißen Flotte. Doch spätestens in diesem Jahr haben die Berliner die Flusshoheit übernommen. Noch nie sah man so viele Schlauchboote, noch nie so viele Flöße Marke Eigenbau, so viele aufgemotzte Uralt-Kähne. Die Low-Budget-Schiffer bilden eine richtige Szene, sind untereinander eng vernetzt, helfen sich aus. Gefahren wird langsam. Eile hat keiner, viel Geld für Benzin auch nicht. Viele dürfen, weil ihr Motor zu klein ist und sie keine Funklizenz haben, nur bis zur Oberbaumbrücke. Sie tummeln sich östlich davon, in der Rummelsburger Bucht und im Landwehrkanal.

Berlin holt sich seinen Fluss zurück. Die Freiflächen an der Spree werden rar – bis auf Mörchenpark, Yaam und vielleicht die Eisfabrik ist das Ufer fast komplett mit Firmenzentralen, Luxuslofts und Hotelburgen zugebaut oder beplant –, deshalb schaffen sich immer mehr ihren Platz am Wasser selbst. Allen voran die Kreativen, die Freigeister, die Bastler. Sie ziehen von den Ufern aufs Wasser. Hier gibt es noch Raum für Visionen. Der Fluss scheint, obwohl mittendrin, ganz fern von der Stadt. Hier, umgeben von Grün, lässt sich die Aufwertung gut ignorieren und die unverbauten Oasen am Ufer sind umso präsenter. Hier gibt es keinen Verkehrslärm und kaum Werbetafeln, es herrscht ein Hauch von Anarchie. Die Wasserschutzpolizei begegnet den anderen Spreefahrern meist auf Augenhöhe.

Menschen auf der Spree erleben ein Gefühl von Freiheit

Die Menschen auf dem Fluss erleben ein Gefühl von Freiheit. Aber sie sind Pioniere. Für viele hat die Spree immer noch den Ruf der industrieabwasserverseuchten Kloake. Dabei sieht es heute in Berlins Gewässern anders aus als zu Zeiten der Wende. Ein großer Teil des Berliner Trinkwassers stammt, nur durch Kies gefiltert, aus dem Müggelsee und damit der Spree. Industrieabwässer werden nicht mehr eingeleitet, und dass bei Starkregen Abwasser in den Fluss fließt, wird von den Wasserbetrieben durch den Bau von Auffangbecken immer weiter verhindert. An der Oberbaumbrücke ist eines der neuesten, am Osthafen fängt die Plattform „Spree 2011“ die Gülle auf.

Das Baden hier ist nicht offiziell freigegeben, aber es gibt einige Menschen, die es dennoch tun, die Athleten des Berliner Ironman beispielsweise. Auch Fische und Krebse erobern sich den Stadtfluss von Osten her. Die Spree wird zum Lebensraum. Und jetzt, da das Flussbad-Projekt am Schloss in Mitte sogar von der Berliner CDU unterstützt wird, gibt es eine reelle Chance darauf, dass die Spree vom Verkehrsweg und Abwasser-Auffangbecken zum Aqua-Park im Herzen der Stadt wird, zum Touristen­magnet. Die Wasserwege könnten Berlins neues Alleinstellungsmerkmal sein. Eine stadtdurchziehende Nische für alternative Kultur und ein Ort, an dem alle Schichten zusammenfinden. Platz genug wäre jedenfalls da.