Was mich beschäftigt

Euer Kniffel kotzt mich an

Stellen Sie sich mal Folgendes vor: Mit einem schönen Aperitivo in der Hand treiben Sie auf einer Luftmatratze faul übers Wasser, die besten Freunde an Ihrer Seite, Sonne im Gesicht, keine Termine und leicht einen sitzen, ganz im Geiste Harald Juhnkes – bis sich der Teufel im Clownskostüm vor ihnen aufbaut und plärrt: Los! Hoch! Wettrennen! Sackhüpfen! EIERLAUF! Bewegung, ihr Versager, denn jetzt haben wir SO RICHTIG SPASS! Klingt beschissen? So fühle ich mich, wenn mal wieder jemand eine gesellige Runde sprengt, indem er das verdammte „Monopoly“-Spiel aus dem Schrank holt.

In dieser Rubrik stellen sich Zitty- Autoren große und kleine Gewissensfragen. Dieses Mal: Zitty-Redakteurin Julia Lorenz
Foto: Lena Ganssmann

Denn Gesellschaftsspiele sind Krieg. Und es ist mir ein Rätsel, warum das so wenige Menschen begreifen wollen.

Dabei sind ausgedehnte Abende mit lieben Menschen der Kitt für unsere alltagszerriebenen Seelen. Im besten Fall versichert man sich bei gutem Essen und schöner Musik seiner Freundschaften, im Gespräch vielleicht sogar seiner selbst. Im schlechtesten Fall muss man spielen.

Das Fatale ist: Die Verheißung auf unschuldigen Spaß treibt den Spielfreunden die Unterstützer in die Arme. Dabei geht die Sache meistens schief. Gerade noch heißt es, man wolle „nur zum Spaß“ eine Runde „Werwolf“ spielen – eine halbe Stunde später hocken alle im Kreis und versuchen mit verkniffenen Gesichtern, vom Wettkampfmodus wieder in den Zustand zugewandten Miteinanders zu schalten.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich verachte Gesellschaftsspiele nicht, weil ich sie kindisch finde. Kinderkram ist super. Nackig in Seen hüpfen, schaukeln und beim Kochen matschen: alles prima, spaßig, herzerwärmend. Nur leider haben die meisten Spiele nichts Spielerisches. Ein „Risiko“-Brett vor der Nase verwandelt noch den angenehmsten Typen in Rommel, den Wüstenfuchs. Gesellschaftsspiele kehren, wie im Übrigen auch sämtliche Ballsportarten, das Schlechteste aus allen Menschen hervor. Choleriker und Pedanten, Trickster und Mimosen, die ihre Charakterschwächen oder Zwänge – und ja, wir haben alle welche – sonst um der Freundschaft Willen im Zaum zu halten versuchen, lassen beim Spielen die Masken fallen: bescheißen und sind beleidigt, wenn man es merkt. Beharren kleinkariert auf den Spielregeln und ahnden jeden Verstoß mit freudloser Härte. Gehen auch Stunden nach Spielende allen mit ihrem Triumph auf die Ketten, kurzum: verwandeln sich von sozialen Wesen in Tiere.

Am liebsten sind mir noch die Spieler, die wenigstens zugeben, ihre Freunde ausstechen zu wollen. Denn wer sagt, er spiele aus Selbstzweck, aus purer Freude am Knobeln, Hoffen und Bangen, lügt. Man kann es den Leuten ja noch nicht mal verübeln: Der Automatismus, in Wettbewerbssituationen gewinnen zu wollen, ist schwer zu überlisten. Zu aggressiv hat uns das Leben im Kapitalismus aufs Siegenwollen getrimmt. Wer Gesellschaftsspiele spielt, verlängert das Rattenrennen der Arbeitswelt, lässt den kalten Hauch des Kompetetiven durch seinen muckeligen Safe Space wehen, muss sich auf dämliches Regelwerk konzentrieren, wo Entgrenzung passieren sollte. Als Adorno zur Erkenntnis gelangte, Fun sei ein Stahlbad, hatte er bestimmt gerade Kniffel mit besonders ätzenden Freunden gespielt.

Die Gesellschaftsspieler wollen klare Machtverhältnisse am Küchentisch. Ich möchte das nicht. In diesem Sinne: Veranstaltet halt euer Bootcamp für Ausbeuter! Ich gehe derweil Zigaretten holen und komme nie wieder. Und glaubt ja nicht, ich lasse euch den Wein da.