Berlin

Eva und Adele: 30 Jahre Liebe

Von vermeintlichen Paradiesvögeln zu Vorbildern: Eva und Adele leben den Gender-Mix

Eigentlich wäre es schön, einmal mit ihnen S-Bahn zu fahren: mit Eva und Adele, diesem auffälligen Paar, immer geschminkt, mit bleichen Gesichtern, die Augen in kräftigen Farben konturiert, mit kahlrasierten Köpfen, der häufig grellen Kleidung, immer anders, aber immer im Duett.

Adele & Eva in ihrem Charlottenburger Atelier. Foto: Patricia Schichl

Hinaus in den Grunewald, dort durch den Forst spazieren, was sie gern machen, um die Gedanken frei zu bekommen. An den Haltestellen beobachten, wie die Menschen auf sie reagieren, schauen, ob die Gesellschaft des 21. Jahrhundert wirklich so offen und liberal ist, wie sie tut. Sehen, wie vielleicht Passanten das aus Funk und Fernsehen bekannte Paar wieder­erkennen, andere womöglich wegsehen und wieder andere das Smartphone zücken und um ein Foto bitten. Was ihnen gewährt wird, immer mit der Bitte, einen Abzug oder eine Datei an die beiden zu schicken, gern mit Gruß oder Kommentar.

So, wie Eva und Adele es auch während ihrer Heimspiele tun, während einer dieser genau durchkomponierten Auftritte bei der Eröffnung einer großen Ausstellung oder Kunstmesse – wie am Donnerstag, wenn sie im Schauhaus des Privatsammlers und Wella-Erben Thomas Olbricht ihre eigene Ausstellung eröffnen. Wenn sie in gesetzten Schritten durch die Besuchermenge schreiten, hier und da etwas betrachten, wenn sie angesprochen, wieder und wieder fotografiert werden.

Immerhin sitzen wir jetzt zu dritt im Küchenwohnzimmer in der Atelierwohnung von Eva und Adele in Charlottenburg, einen Steinwurf von der Deutschen Oper entfernt. In einem Gründerzeit-Seitenflügel haben sie zwei kleine Wohnungen mit einer Wendeltreppe verbunden, zwei Stockwerke darunter haben sie eine weitere Wohnung als „Showroom“ eingerichtet. Hier arbeiten sie, hier leben sie, und hier bieten sie jetzt dem Gast Kaffee mit einem Nusskringel an, der akkurat in kleine Stücke geschnitten ist. Zwei der Teile sind mit Schokolade überzogen, aber am Tisch sitzen drei. Unhöflich genug greife ich mir eines davon. Eva lächelt kurz in Richtung Adele, das zweite Schokoteil verschwindet in ihrem Mund.

Entschlossen transsexuell

Foto: Patricia Schichl
Im Atelier von Eva & Adele. Foto: Patricia Schichl

 

 

Eva und Adele sind seit 1989 ein Paar und ein Kunstprojekt. Erstmals traten sie 1991 öffentlich auf, mit der Performance „Hochzeit Metropolis“ im Martin-Gropius-Bau. Eine „Hochzeit“, die sie tatsächlich erst vor wenigen Jahren mit einer eingetragenen Lebensgemeinschaft von zwei Frauen vollziehen konnten, nachdem Eva für Adele zur Frau geworden war. „Wir stammen aus der Zukunft und sind 1989 in der Gegenwart gelandet“, sagen sie. Diese Zukunft ist 2017 mit der „Ehe für alle“ ein Stück näher gerückt.
Was vorher war, taucht als Spurenelement in den Gemälden auf, die an den Wänden hängen. Große Masken und Schädel sind über die Umrisse eines Doppelporträts der beiden gemalt. Darunter sind Zeichnungen zu sehen, die dicht and dicht auf die Leinwand geklebt wurden. Sie stammen von Eva aus der Zeit vor Eva und Adele. „Ich habe früher Tag und Nacht gezeichnet“, sagt Eva. Sie ist die größere der beiden, und ihre Stimmlage lässt hören, dass Eva eine männliche Vergangenheit hat. „Auf den Bildern habe ich damals meine Gedanken über Identität und Sexualität dargestellt“, sagt Eva. „Die Entscheidung zur Transsexualität hat immer in mir geschlummert. Irgendwann musste das an die Öffentlichkeit.“

Es war die Begegnung mit Adele Ende der 1980er-Jahre, die den letzten Anstoß gab. Gemeinsam reiste das Paar mit einem Campingbus durch Europa. Auch Adele war Künstlerin, und langsam wuchs die Idee, das gemeinsame Leben künftig als „Performance“ zu inszenieren. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Am heutigen Tag tragen Eva und Adele luftige Röcke mit Blumenmuster, rosafarbene Blusenjacken, rosa Sandalen und Blume im Knopfloch. „Wir brauchen morgens Stunden vor dem Spiegel“, sagt Adele. „Wir sind schon von Ausstellungskuratoren zu Schminkkursen für Kinder eingeladen worden, aber das ist ein Missverständnis. Wir sehen unser Schminken am Morgen als eine Form der Malerei. Das Bild muss stimmen und den ganzen Tag halten.“ Und es gibt feste Motive wie den Schönheitsfleck auf Evas Wange.

Anfänge in Schöneberg

Foto: Patricia Schichl
Im Atelier von Eva & Adele. Foto: Patricia Schichl

Auch beim Auftritt überlassen sie nichts dem Zufall. Was vielleicht eine Absicherung ist. Allein durch ihre Präsenz bringt das Paar feste Rollenzuordnungen und die Eindeutigkeit von sexuellen Präferenzen und Orientierungen durcheinander. Damit kann immer noch nicht jeder entspannt umgehen. „Unser erstes Atelier lag am Winterfeldtplatz, und dort war die Situation manchmal ziemlich rau“, sagt Adele. „Da brauchten wir oft viel Mut, um auf die Straße zu gehen.“ Vor kurzem, sagt sie, habe sie ein Taxifahrer mit türkischen Wurzeln angesprochen. Er habe sie aus der Schöneberger Zeit gekannt und damals zu den Jugendlichen gehört, die einen fiesen Spruch den beiden gegenüber gemacht hätten. „In solchen Fällen haben wir unser Lächeln als Waffe eingesetzt, und oft hat das gewirkt“, sagt Adele. „Und der Taxifahrer findet heute gut, was wir machen.“

In den frühen Jahren waren Eva und Adele alles andere als Stars der Kunstszene. „Wir waren sehr arm, aber wir waren Kämpfer“, sagt Adele. Eine typisch Berliner Bohème-Existenz der 1990er-Jahre. Der Erfolg verlief dann fast parallel zum Aufstieg Berlins zur Kunstmetropole. Jetzt kaufen Sammler die Bilder des Paares, das inzwischen davon leben kann. Mediendarlings sind Eva und Adele seitdem ebenfalls. Galten sie anfangs als „Exzentriker und Paradiesvögel“ (dpa) und „Zwei Glatzen für die Kunst“ (Bild), wird ihr Lebens- und Kunstprojekt inzwischen von der Kunstwissenschaft und Genderforschung gleichermaßen ernstgenommen und analysiert. So sieht die Kunsthistorikerin Susanne Kampmann bei dem Paar eine doppelte „Identitätsproduktion“ am Werk – „dem Produzieren von geschlechtlicher Identität und dem Produzieren von Kunst, dem Lebenskunstwerk Eva und Adele“.

Die ersten sieben Jahre, so sagt Adele, sei das Paar „schweigsam“ gewesen. „Damals haben wir keine Erklärung gegeben, was wir machen und warum es tun.“ Das hat sich geändert. Wie Kommentare zu ihren Porträtfotos zeigen, stehen Eva und Adele für viele Menschen heute als Symbol für ein selbstbestimmtes Leben und eine ebensolche sexuelle und soziale Identität. Eva und Adele reagieren darauf, indem sie weiter machen. Wie ein Kunstwerk, das immer an der Wand hängt und vielleicht die Betrachter dazu bringt, Dinge zu überdenken.

27.4.–27.8.: MeCollectors Room, Auguststr. 68, Mitte, Mi–Mo 12–18 Uhr, 8/ erm. 4 €

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