Musik/Konzert

Vergessene Arbeitskämpfe – Ein Punk-Abend mit Bensley: & Zerfall

Vergessene Arbeitskämpfe – Ein Punk-Abend mit Bensley: & Zerfall
2017 Volksbühne Berlin | general_use

Einlass 21:00, Beginn 22:00

Der Punk muss zurück an die Volksbühne und Kämpfe von Arbeiterinnen und Arbeitern müssen zurück an ein Arbeitertheater. In den letzten Jahren sind zahlreiche Orte in Berlins Mitte verschwunden, an denen Punkbands auftreten können. Wir wollen mit unserer Konzertreihe dem etwas entgegenstellen und Neues etablieren. Wir sind fünf Bühnenarbeiter der Volksbühne, unterstützt von vielen weiteren Kolleginnen und Kollegen des Hauses. Ab Februar wird im Roten Salon alle zwei Monate ein Punkkonzert (2 Bands, 1 DJ) von uns veranstaltet.

Das Besondere: Im Zuge jedes Konzertes wird einem Arbeitskampf gedacht. Die Kämpfe liegen sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart. Viele Arbeitskämpfe sind in Vergessenheit geraten. Wir wollen an die Geschichten, die Wut und den Mut der Kolleginnen und Kollegen erinnern. Vor allem wollen wir die Geschichten überhaupt erst mal erzählen. Wir konnten dafür die Schriftstellerin Anna Tüne für uns gewinnen. Sie berät uns und arbeitet die Texte zu den von uns gewählten Arbeitskämpfen aus.

Bands: Bensley: & Zerfall

DJ Chris Kotze & Sophy Wayne: Punk Deutschpunk 80s Classic

Arbeitskampf: San Antonio, Texas: Der Streik gegen Tex-Son 1959-1963

Kontakt: arbeitskaempfe@volksbuehne-berlin.de

Verantwortliche: Mattias Kåks, Leander Hagen, Paul Flagmeier, Jan Krüger, Frank Meißner

Redaktion/Texte Arbeitskämpfe: Anna Tüne

Dramaturgie: Sabine Zielke

Bensley: sind Punk! – Punk mit Melodie, Herz und einem offenen Ohr für all das, was niemand als Punk bezeichnen würde. Sie reflektieren sich, die Welt und die Fremde im Menschen und schaffen mit Erlebtem, Gelebtem und Zerlebtem Melodien für das Herz und Texte für die Seele oder die erhobene Faust. Die Großmütter und Väter ihrer Musik sind schnell gefunden und im gleichen Augenblick schon wieder verworfen, denn Bensley: nehmen ihre Einflüsse und sprengen damit die Grenzen ihres Genres. Was bleibt, ist ein Gefühl, eine Melodie, ein Standpunkt oder auch nur ein Grinsen auf der Seele. Aus Freundschaft gegründet, am Leben gewachsen und zur Familie geworden. Danjo, Ole, Julius, Stefan

[Hörprobe](https://soundcloud.com/call-it-flensburg)

[logo bensley 500]

„Die DDR-Punkband ZERFALL gründete sich 1983 spontan bei einem Weihnachtskonzert in der Ost-Berliner Galiläakirche, was sie schon bald auf ‚Platz eins in der Stasi-Hitliste der zu beobachtenden Punkbands‘ katapultierte. Doch trotz ständiger Kontrollen und gelegentlicher Verhaftungen fanden einige Konzerte in verschiedenen Kirchen statt, bis die Band durch die Einberufung des Schlagzeugers zur NVA 1985 faktisch aufgelöst wurde. 2008 kam es dann zu einem überraschenden Auftritt beim Jubiläumskonzert der BLAUEN MÖWEN, einer anderen Ost-Punkband, die in Kreuzberg ihr 25-jähriges Bestehen feierte, und aufgrund des überwältigenden Feedbacks, beschlossen ZERFALL mit neuem Gitarristen weiterzumachen. Fuck die Stasi (2.0)!“ (Ox-Fanzine)

[Mehr über die Band](https://de-de.facebook.com/zerfallostpunk.de/)

[logo zerfall 400]

San Antonio, Texas: Der Streik gegen Tex-Son 1959-1963

Die texanische Stadt San Antonio war und ist bekannt als erzkonservativ und naturgemäß anti-gewerkschaftlich. Der Streik gegen das Unternehmen Tex-Son begann am Freitag, 27. Februar 1959. Er dauerte vier Jahre. Schwesterlich verband er viele Frauen mit mexikanischem Hintergrund mit „normalen“ US-Bürgerinnen, die etwas irreführend Angloschwestern genannt wurden. Dieser Streik hob zum allerersten Mal die rassistisch konnotierte Trennung dieser beiden „ethnisch“ zugeordneten Gruppen auf.

Die Gewerkschaft „International Ladies‘ Garment Workers‘ Union“ unterstützte die Frauen. Ferner gelang es den streikenden Frauen, über die Gewerkschaftsgrenzen hinaus große Unterstützung zu finden und dies obwohl ihre Forderungen als militant galten. Sie kämpften sehr offensiv gegen die im Unternehmen herrschenden Niedriglöhne, und sie taten dies mit viel Intelligenz. So präsentierten sie sich stets modisch, wenngleich auch traditionell gekleidet. Dies war eine wirksame List gegen rassistische Vorurteile, wurden doch die Latinas, die oft arm waren, als „schlampig“ gekleidet und schmutzig dargestellt. Eine ihrer Anführerinnen, Sophie Gonzales, trat bei den Picketlines immer in hohen Stöckelschuhen auf. Dies half dabei, die Aufmerksamkeit der Medien zu erregen, half ihnen sogar, die Unterstützung der katholischen Kirche und anderer US-Gewerkschaften zu gewinnen. Es gelang den Frauen ein gewagter Spagat zwischen gewerkschaftlicher Härte und ihrer Selbstdarstellung im Rahmen der gesellschaftlichen Normen von „Feminität“. Möglicherweise lag dem auch eine gesunde Portion Ironie und Selbstironie zugrunde, aber vielleicht auch die stützende Funktion, welche die Aufrechterhaltung eines stolzen und klaren Eigenbildes in vielen Fällen hat.

In ihren Argumentationen aber durchbrachen sie niemals die sprachlichen und damit die politischen Codes, die sie sich auferlegt hatten: Sie haben sich in keinerlei ethnische Nischen verweisen lassen, sondern haben stets ihre gemeinsame soziale und ökonomische Lage angeführt, die Lage unter der alle Arbeiterinnen litten, völlig unabhängig ihrer Herkunft. Eloquent und eindrücklich haben sie ihr fleißiges und unterbezahltes Arbeitsleben geschildert. Auch hier wurde augenfällig, dass Rassismus vor allem durchbrochen werden kann durch die konsequente Rückbindung an gemeinsame soziale Interessen.

Der vier Jahre dauernde Streik war sehr hart: Die Frauen trafen dann doch zunehmend auf rassistische und sexistische Vorurteile. Man versuchte sie einzuschüchtern: Voodoo-Puppen wurden auf dem Fabrikgelände aufgehängt, gewaltbereite Streikbrecher wurden eingesetzt. Die Arbeitgeber blieben hartnäckig und die Ehemänner verloren auch ihre Geduld.

Nach dem vierjährigen Streik ging das Hauptunternehmen Pleite, die Gewerkschaften hatten den Frauen den Rücken gekehrt und die meisten Arbeiterinnen hatten an anderen Orten Arbeit gesucht und gefunden. Die Gewerkschaften hatten mit ihrer nachlassenden Unterstützung eine Riesenchance vertan. Das Unternehmen hatte sich durch Outsourcing und Neugründungen gerettet.

Dennoch: Die streikenden Frauen hatten bewiesen, dass Streiks mobilisierend sind, wenn man sich rassistischen und/oder sexistischen Zuordnungen verweigert und sich auf der Basis einer gemeinsamen sozialen Lage, einer gemeinsam erlittenen Diskriminierung und Ausbeutung solidarisiert.

„Sie waren keine Mädchen für die Sonntagsschule“, sagte ein Augenzeuge. „Es waren harte Mädchen, denen man Respekt zollen musste, sie waren richtig gut. Sie waren Kämpferinnen!“

In Zeiten, in denen der US-Präsident Furcht und Hass predigt und eine hysterische Verachtung der Latinos zu einem demagogischen Hauptkampffeld gemacht hat, ist es gut, sich an solche Frauen zu erinnern.

– Anna Tüne

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