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Literatur Live: Ulrich Alexander Boschwitz „Menschen neben dem Leben“

Literatur Live: Ulrich Alexander Boschwitz „Menschen neben dem Leben“
Thomas Sarbacher | Luis Kuhn

Erst kürzlich wurde die Wiederentdeckung von Ulrich Alexander Boschwitz und dessen Roman „Der Reisende“ gefeiert, nun ist auch sein Debüt „Menschen neben dem Leben“ erschienen, in dem Boschwitz eine eindrucksvolle Milieu-Schilderung des Berliner Lumpenprolariats der 20er Jahre gelingt. Der jüdische Autor selbst starb 1942 nach vielen Emigrations-Wirren auf einem Schiff, das durch einen deutschen U-Boot-Angriff versenkt wurde. Es liest Thomas Sarbacher. Eintritt 12 Euro.

Lesung und Gespräch mit dem Herausgeber Peter Graf. Nach der spektakulären literarischen Wiederentdeckung von »Der Reisende« erscheint nun auch der erste Roman von Ulrich Alexander Boschwitz zum ersten Mal auf Deutsch. Im Berlin der Zwanzigerjahre porträtiert »Menschen neben dem Leben« jene kleinen Leute, die nach Krieg und Weltwirtschaftskrise rein gar nichts mehr zu lachen haben und dennoch nicht aufhören, das Leben zu feiern. Leicht haben es die Protagonisten in Ulrich Alexander Boschwitz’ Debütroman nicht. Sie sind die wahren Verlierer der Wirtschaftskrise: Kriegsheimkehrer, Bettler, Prostituierte, Verrückte. Doch abends zieht es sie alle in den Fröhlichen Waidmann. Die einen zum Trinken, die anderen zu Musik und Tanz. Sie treibt die Sehnsucht nach ein paar sorglosen Stunden, bevor sich der graue Alltag am nächsten Morgen wieder erhebt. Doch dann tanzt die Frau des blinden Sonnenbergs mit einem Mal mit Grissmann, der sich im Waidmann eine Frau angeln will und den Jähzorn des gehörnten Ehemanns unterschätzt. Und so nimmt das Verhängnis im Fröhlichen Waidmann seinen Lauf, bis sich neue Liebschaften gefunden haben, genügend Bier und Pfefferminzschnaps ausgeschenkt wurde und der nächste Morgen graut. Wie durch ein Brennglas seziert der zu diesem Zeitpunkt gerade mal zweiundzwanzigjährige Autor das Berliner Lumpenproletariat der Zwischenkriegsjahre. »Eine wahnsinnig packende Wiederentdeckung.« Hildegard Elisabeth Keller, SRF Ulrich Alexander Boschwitz, geboren am 19. April 1915 in Berlin, emigrierte 1935 gemeinsam mit seiner Mutter zunächst nach Skandinavien, wo sein erster Roman, »Menschen neben dem Leben», erschien. Der Erfolg ermöglichte ihm ein Studium an der Pariser Sorbonne. Während längerer Aufenthalte in Belgien und Luxemburg entstand »Der Reisende«, der 1939 in England und wenig später in den USA und in Frankreich veröffentlicht wurde. Kurz vor Kriegsbeginn wurde Boschwitz in England trotz seines jüdischen Hintergrunds als »enemy alien« interniert und nach Australien gebracht, wo er bis 1942 in einem Camp lebte. Auf der Rückreise wurde sein Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert und ging unter. Boschwitz starb im Alter von 27 Jahren, sein letztes Manuskript sank wohl mit ihm. Thomas Sarbacher arbeitet als Schauspieler in Deutschland und in der Schweiz. Nach langjähriger Zugehörigkeit zum Ensemble der Bremer Shakespeare Company folgten diverse Gastengagements an Theatern in Konstanz, Zürich und Hamburg. Seit dem Jahr 2000 arbeitet er kontinuierlich für Film und Fernsehen und war u.a. in Fernsehkrimis wie demTatort und Der Elefant oder Kinofilmen wie Die Welle und Jonathan zu sehen. Zudem macht er Lesungen, liest Hörbücher ein und erarbeitet Theaterproduktionen. Peter Graf ist seit über zwanzig Jahren als Lektor und Verleger tätig. Er hat zahlreiche Publikationen aus den Programmbereichen Kunst- und Fotobuch, Sachbuch und Belletristik betreut und verlegt. Darunter Bestseller und preisgekrönte Publikationen. „Menschen neben dem Leben“ erscheint am 21.9.19 im Klett Cotta Verlag, 288 Seiten.

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