Berlinale 2020

Extrem wandlungsfähig: Mišel Matičević

Der Berliner Schauspieler Mišel Maticević über die Aussprache seines Namens, über das Berlinern und seinen neuen Film „Exil“, der im Panorama der Berlinale Europapremiere feiert

Foto: Stephan Schramm

Nach seinem Schauspielstudium in Potsdam arbeitete Mišel Matičević, Jahrgang 1970, am Deutschen Theater und am Kleist-Theater Frankfurt/Oder. 2000 feierte er den Durchbruch in Dito Tsintsadzes „Lost Killers“ und überzeugte ab dann mit Filmen wie „Das Gelübde“, „Effi Briest“, „Im Schatten“ oder „Wir waren Könige“. Zudem war der in Berlin geborene Sohn kroatischer Eltern in wegweisenden Serien wie „Blackout“, „Im Angesicht des Verbrechens“ und „Babylon Berlin“ (als „Der Armenier“) zu sehen. In „Exil“ spielt er nun einen aus dem Kosovo stammenden Albaner, der seit Jahren in Deutschland lebt und sich bei seiner Arbeit in einer Pharma-Firma verfolgt fühlt.

Herr Matičević, es passiert Ihnen wie ihrer Figur Xhafer im Drama „Exil“ sicher öfter, dass Ihr Name von Deutschen falsch ausgesprochen wird.

Ich habe ja schon ein paar Filme in Deutschland gedreht und denke, dass mein Name das eine oder andere Mal gefallen ist. Ich weiß, dass er nicht ganz einfach auszusprechen ist, aber mit ein bisschen Übung geht das:Über dem S im Vornamen und über den beiden Cs im Nachnamen sind Zeichen, und die machen etwas mit den Buchstaben, wie im Deutschen die zwei Punkte über dem U mit dem U etwas machen. (sein Name wird „Mischell Matitschewitsch“ ausgesprochen, d. Red.).

Sie sind in der Neuköllner Gropiusstadt aufgewachsen …

Ja, und ich habe die Freiheit in Deutschland lieben gelernt. Wäre ich in Jugoslawien groß geworden, wäre ichheute tot oder ein Krüppel – mit 18, 20 hätte ich im Krieg kämpfen müssen. Meine Mutter war damals so schlau und hat, als ich 16 Jahre alt war, die deutsche Staatsbürgerschaft für uns beantragt. So konnte ich nicht zum Militär in Jugoslawien eingezogen werden. Es war klar, wenn ich mit 18 nach Jugoslawien reise, behalten sie mich da, nehmen mir den Pass ab. Das jugoslawische Militär wäre für mich mit meinem Hintergrund kein Zuckerschlecken gewesen.

Wie weit ist denn diese Figur in „Exil“ von Ihnen selber entfernt, mit den mehr oder weniger versteckten Anfeindungen gegenüber einem Migranten?

Solche Situationen habe ich als Kind erlebt, jetzt nicht mehr. In der Schule wurde mir in den 1970ern und 1980ern immer wieder gesagt, ich sei nur Gast in diesem Land und solle mich gefälligst benehmen.

Ist die Rolle des Xhafer also mittlerweile weit weg von Ihnen?

Es ist ein vom Regisseur Visar Morina toll geschriebener Charakter, den ich mir intensiv erarbeitet habe.

Sie sprechen Albanisch?

Für den Film schon, die Sprache hat nichts mit Kroatisch zu tun. Ein Beispiel: Es gibt ein Wort, da musst du exakt auf die Betonung achten, denn einmal heißt es „Sohn“ und einmal „Teufel“ – was bei den Albanern im Team für viel Amüsement sorgte.

Können Sie die Krise dieses eigentlich wohlsituierten Mannes nachvollziehen?

Absolut. Wenn man sich als Mensch in einem dunklen Gedanken festhakt und sich daraus Konsequenzen erspinnen, aus denen man nur schwierig wieder herauskommt, dann kann das schon sehr am Selbstbewusstsein kratzen.

Und bei den Rollenangeboten, wurden Sie da früher auf Ihren migrantischen Hintergrund reduziert?

Das ist am Anfang oft passiert: entweder Ausländer oder Gangster oder ausländischer Gangster. Aber ich habe von Beginn an oft Nein zu dieser Art Type-Casting gesagt.

Sie gehören mit Serien wie „Blackout“ und „Im Angesicht des Verbrechens“ zu den Vorreitern des deutschen Serienbooms.

„Blackout“ wurde vom Sender nach der zweiten Folge ins Nachtprogramm verschoben, was einfach feige war. Da hat „Im Angesicht des Verbrechens“ mehr bewirkt, weil die Serie Erfolg hatte.

Auch da haben Sie erneut mit Dominik Graf gedreht. Was verbindet Sie miteinander?

Tiefe Freundschaft, großes Vertrauen, blindes Verständnis. Das hat 2002 mit „Hotte im Paradies“ angefangen …

… da möchte ich mich heute noch für das wunderbare Berlinern bedanken.

Es gab damals Stimmen, die gesagt haben: „Die können doch jetzt nicht einen Zuhälter als Schauspieler nehmen!“ – so echt hat das wohl auf einige gewirkt. Dominik Graf ist unfassbar perfektionistisch, schlau und intelligent. Auf alles hat er eine Antwort, was schon fast ärgerlich ist (lacht).

Lässt er Ihnen auch gewisse Freiräume?

Auf jeden Fall. Natürlich ist er der Regisseur, aber ich brauche Raum wie ein junges Pferd.

Haben sie früher mehr berlinert?

Das ist situationsabhängig, wenn ich mit meinen Jungs von früher zusammen bin, berlinere ich fast nur.

Warum haben Sie vor gut 20 Jahren mit dem Theater aufgehört?

Das hat sichso ergeben. Ich hatte meine erste Kinorolle angeboten bekommen in „Lost Killers“. Theater undder Film, das ging damals nicht zusammen, und ich habe mich für den Kinofilm entschieden. Aber ich würde es jederzeit wieder machen, wenn ein gutes Theater anfragt.

Fehlt er Ihnen, der Kitzel des Theaterspielens?

Schon alleine wegen des Gefühls der Premiere, wenn ich mir vor Nervosität in die Hose mache.

Vielleicht löst ja die Berlinale-Premiere von „Exil“ wenigstens einen kleinen Nervenkitzel aus?

Das ist mit einer Theaterpremiere nicht zu vergleichen. Ich schaue allerdings ungern Premieren, ob Kinofilm oder Serie. Das macht mich durchaus nervös.

Viele Ihrer Kollegen sagen. „Ich mache Fernsehen für die Brieftasche und Kino fürs Renommee.

Dieses Schubladendenken ist typisch deutsch. Es gibt viele Fernsehfilme und Serien, die auch gut für das Renommee sind, von daher finde ich die Abgrenzung zum Kinofilm oder auch zum Theater falsch.

Interview: Martin Schwarz