Fest ohne Nest

Familien ohne eigene Wohnung in Berlin

Vor wenigen Jahren hielten Experten dieses Szenario für ausgeschlossen. Die Situation hat sich jedoch dramatisch geändert. Immer mehr Familien geht es wie Maria und ­Joseph  in der biblischen Geschichte. Sie müssen in Notunterkünften lebenEin grauer, eisiger Novembertag. In den düsteren Fluren eines Weddinger Plattenbaus riecht es nach Desinfektionsmittel. Sechster Stock, eine kleine Wohnung. Das einzige Zimmer ist spartanisch eingerichtet. Ein Bett, zwei Schränke, ein Tisch. Dazu eine kleine Kommode und ein Kinderbett mit rosafarbenem Himmel und der Aufschrift „Princess“. Auf dem Balkon stapeln sich Müllsäcke voller Windeln.

Zwischen Kinderbett und Kommode hat Adriana Pavkovic* eine Spieldecke ausgebreitet. Die 20-Jährige wickelt darauf ihr fünf Monate altes Baby. Die kleine Tochter ist krank, sie schreit heute mehr als gewöhnlich. Die junge Mutter ist verzweifelt.

Der Plattenbau in der Osloer Straße ist das ­Domizil einer Einrichtung für wohnungslose Menschen. Seit ­einem Jahr lebt Adriana Pavkovic dort. Gerade einmal 29 Quadratmeter stehen der Familie zur Verfügung – inklusive Bad und einer winzigen Küche. Adrianas Mann, der 23-jährige Milan Pavkovic*, ist Serbe. Er macht eine Ausbildung in der Gastronomie, geht jeden Morgen um sechs Uhr aus dem Haus. Adriana Pavkovic ist deshalb meistens allein. Oft schaut sie fern. Das TV-Gerät ist der einzige Luxus, den sich das Paar geleistet hat. „Was soll ich auch sonst den ganzen Tag über machen?“, fragt sie.

Lichtenberger Obdachlosenunterkunft: stille Nacht, traurige Nacht
Foto: Foto: Rolf Zoellner / imago / epd

Um Wäsche zu waschen, muss die junge Mutter mit dem Aufzug aus dem sechsten Stock in den Keller fahren. Wenn der Aufzug denn funktioniert. Er sei häufig kaputt, erzählt sie. Dann kann sie mit Baby und Kinderwagen gar nicht aus dem Haus. Dabei hat sie Termine in der Stadt. Bei ihrer Sozialbetreuerin von der Caritas. Und bei Wohnungsbesichtigungen.

Adriana Pavkovic kommt aus Berlin, sie ist nur ein paar Blocks von ihrer jetzigen Unterkunft aufgewachsen. Seit sie schwanger wurde, sucht das Pärchen eine eigene Wohnung. Die Sozialarbeiterin unterstützt sie dabei, Anträge und Bewerbungen zu schreiben. Doch seit mehr als einem Jahr hagelte es immer nur Absagen.

Wenn Adriana Pavkovic Besichtigungstermine hat – und der Fahrstuhl nicht gerade wieder defekt ist – fährt sie oft schon extrafrüh hin. Und findet sich trotzdem zwischen hunderten anderen Bewerber wieder. Häufig wird sie aber gar nicht eingeladen, ihre Bewerbung vorher bereits aussortiert. „Ich nehme doch schon jede Hilfe in Anspruch, nur damit ich hier rauskomme“, sagt sie und seufzt. „Manchmal frage ich mich, warum ich mich überhaupt noch bemühe.“

Von Bethlehem bis Berlin

Kurz vor Weihnachten. Während zum Beispiel in der Rummelsburger Bucht im Schatten der Großstadt Menschen in Zelten zwischen Büschen übernachten, werden, nicht weit entfernt davon, am Ostkreuz bereits die ersten Schaufenster mit Krippen geschmückt. Sie stellen die Geburt Jesu dar und zeigen zugleich: Die Herbergssuche war bereits ein biblisches Motiv. Die hochschwangere Maria und ihr Mann Josef suchen in der Erzählung vergeblich nach einer Bleibe in Bethlehem. Sie ziehen von Tür zu Tür, werden jedoch nirgends fündig. So muss Maria ihr Kind im Stall zwischen Ochsen und Heu zur Welt bringen. Ein Obdach in der Not.

Die Zahl der Menschen, die in
Not- und Gemeinschaftsunterkünften
untergebracht sind, hat sich in den letzten zwei Jahren fast verdoppelt – das sind rund 20.500 Haushalten. In rund 22 Prozent dieser Haushalte leben auch Kinder: also in rund 4.500 Haushalten.

Ähnlich ergeht es heute vielen wohnungslosen Menschen in Berlin. Darunter finden sich immer mehr Familien. Und das ist neu.

Mutter, Vater, Kind, kein Heim: Noch vor ein paar Jahren sei diese Situation in Berlin völlig undenkbar gewesen, sagt Robert Veltmann. Er ist der Geschäftsführer der Gebewo – Soziale Dienste – Berlin gGmbH, die verschiedene Nothilfeeinrichtungen unterhält, unter anderem in der Wohnungsnotfallhilfe. Veltmann sagt: „Wir haben mittlerweile eine Notübernachtung der Kältehilfe für Familien, wo man früher gesagt hätte, das darf’s gar nicht geben. Kältehilfe ist nicht für Fami­lien, die kommen gar nicht in die Situation. Das war ein absolutes No-Go. Und das ist jetzt anders.“

Schätzungen zufolge sind bis zu 10.000 Menschen in Berlin obdachlos. Die genaue Zahl kennt niemand. 2019 will der Senat sie endlich erstmals erfassen lassen. Klar ist: Die Lage wird immer schlimmer. Die Zahl der Menschen in Not- und Gemeinschaftsunterkünften hat sich in den letzten zwei Jahren fast verdoppelt – bis Ende 2017 waren es etwa 37.000. Das entspricht rund 20.500 Haushalten. Nach Senatsschätzungen leben in rund 22 Prozent dieser Haushalte auch Kinder: Das wären etwa 4.500 Haushalte. Alleinerziehende, Familien.

Auf der Straße sieht man diese Familien jedoch selten – die meisten kommen entweder bei Freunden oder Verwandten unter oder ziehen in Einrichtungen für wohnungslose Menschen. Oft jahrelang, da ihnen schlicht die Alternativen fehlten, sagt Gebewo-Experte Veltmann. Dass sie irgendwann eine eigene Wohnung finden, schätzt er als nahezu unmöglich ein.

Windeln von der Tankstelle

Berlin gilt schon lange als Hauptstadt der Obdachlosen. Schuld an der Misere sind unter anderem ­steigende Mieten und eine Politik, die bei der Stadtplanung vielerorts privaten Investoren das Feld überlässt. Die Stadt wächst und wächst. Zehntausende strömen jedes Jahr in die Metropole und konkurrieren um den knappen Wohnraum mit. Die Situation verschärft sich zunehmend – denn um alle versorgen zu können, müssten jährlich rund 20.000 neue Wohnungen entstehen.

Tatsächlich werden allerdings nur knapp 14.000 gebaut. Dabei entstehen vor allem Wohnungen und Gewerbeimmobilien für eine einkommensstarke Zielgruppe. Menschen mit einem geringen oder mittleren Einkommen werden hingegen zunehmend verdrängt.
Das Diakonische Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, ein Verband der freien Wohlfahrtspflege, betreibt ebenfalls verschiedene Einrichtungen für Menschen ohne ein Dach überm Kopf. 2016 eröffnete es in der Kreuzberger Wrangelstraße die erste Notunterkunft Deutschlands, die sich ausschließlich an wohnungslose Familien mit Kindern richtet. Die Nachfrage ist groß. In der Einrichtung kommen neun bis zehn Familien in akuten Krisensituationen unter – jedoch nur für maximal zwei Wochen. Dies ist eine Vorgabe des ­Senats, der das Projekt finanziert. 20 bis 40 Familien müssen die Mitarbeiter jeden Monat wegschicken, die Plätze reichen einfach nicht. Vor allem nach Wintereinbruch.

Knapp 30 Quadratmeter bewohnt die sechsköpfige Familie Ibrahem. Es bleibt ein Provisorium
Foto: Saskia Uppenkamp

Die Sozialarbeiterin Viola Schröder, die zusammen mit ihrer Kollegin Merle Mangels in der Notunterkunft in der Wrangelstraße arbeitet, erzählt davon, wie vor wenigen Jahren die Mitarbeiter in den regulären Obdachlosenunterkünften Alarm schlugen, weil plötzlich immer mehr Familien mit Kindern bei ihnen aufliefen.

„Da kamen dann Frauen an mit kleinen Babys, mitten in der Nacht“, sagt Viola Schröder. „Die Notunterkünfte waren dafür natürlich gar nicht ausgestattet. Die Mitarbeiter sind dann teilweise zur Tankstelle gerast, um Windeln zu holen, oder Babymilch. Und das konnte so natürlich nicht weitergehen.“

In der Wrangelstraße gibt es verschiedene Angebote für die Kinder. So sollen die Eltern kurzfristig entlastet werden. Derweil unterstützen die Sozialarbeiterinnen sie dabei, ihr Leben zu organisieren. Ganz praktisch, etwa wenn Anträge ausgefüllt werden müssen, aber auch emotional. Denn häufig säßen die Menschen weinend vor ihnen, erzählen die Sozialarbeiterinnen, und hätten große Schuldgefühle, weil sie ihre Wohnung verloren hätten. An einen besonders dramatischen Fall kann sich Merle Mangels noch gut erinnern: Eine Mutter sei aufgelöst in ihr Büro gekommen. Da war sie gerade aus ihre Wohnung zwangsgeräumt worden. Mit zwei Kindern.

„Sie hat zu uns gesagt: ,So, ich habe gar nichts mehr. Meine Kinder wissen noch nichts von der Räumung und ich habe keine Ahnung, wie ich ihnen das erklären soll. Im Moment weiß ich einfach nicht, wo vorne und hinten ist’“, erzählt die Sozialarbeiterin.

In den vergangenen zwei Jahren konnten die Mitarbeiter*innen lediglich zwei Familien tatsächlich eine eigene Wohnung verschaffen. „Für uns ist es schon positiv, wenn wir Familien an ein Wohnheim vermitteln können, das zumindest für Kinder adäquat ist“, sagt Merle Mangels.
Diese vermittelten Bleiben liegen in Einrichtungen wie dem Weddinger Plattenbau, in dem auch die junge Familie Pavkovic untergekommen ist. „Ich bin natürlich froh, nicht obdachlos zu sein und mit Baby nicht auf der Straßen schlafen zu müssen“, sagt Adriana Pavkovic und gibt ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn.

Vor ihrer Schwangerschaft hatten sie und ihr Mann noch bei den Eltern gewohnt. Getrennt also. Kein familientauglicher Zustand. Sie wandten sich ans Sozialamt. Dort teilte man ihnen mit, dass alle Unterkünfte für Wohnungslose voll seien, und verwies sie an eine Pension. In Friedrichshain lebte das Paar daraufhin für zwei Monate in einem kleinen Zimmer. Es gab nicht einmal eine Küche. Das Bad mussten sich die beiden mit anderen Bewohnern teilen. Es war verraucht und eiskalt. Katastrophale Bedingungen für die damals im vierten Monat Schwangere. Sie gingen erneut zum Amt. Und bekamen ihr jetziges Zimmer im Wedding zugewiesen. Von zu Hause mitgenommen haben Adriana und Milan Pavkovic damals bloß ihre Kleidung.

Ein Grund für die schwierige Wohnungssuche sind die fast 500 Euro Mietschulden, die das Paar im vergangenen Jahr angehäuft hat. Zwar wird ihre Unterbringung in der Wohnungsloseneinrichtung zunächst vom Sozialamt bezahlt. Übersteigt die Familie mit Milan Pavkovics Ausbildungsgehalt und zusätzlichen Leistungen wie Kindergeld im Monat einen gewissen Höchstsatz, muss sie teilweise selbst für das Zimmer aufkommen. Und das ist nicht billig.

Die Tagessätze der Einrichtungen für Wohnungslose variieren in Berlin von Bezirk zu Bezirk. Laut Sozial­verwaltung liegen sie zwischen 5,25 und 68,20 Euro. Die Weddinger Wohnung etwa kostet täglich 22 Euro – pro Person. Bei drei Personen sind das rund 2.000 Euro im Monat.
Ein weiteres Problem bei der Wohnungssuche: ­Milan Pavkovic ist als Serbe ohne deutsche Staatsbürgerschaft in Deutschland lediglich geduldet. Dabei kam er bereits als Kleinkind ins Land. Es hilft ihm nichts. Wenn er Ende 2019 seine Ausbildung beendet, läuft seine Duldung aus. Dann droht ihm die Abschiebung. Zwar kann die Duldung theoretisch verlängert werden, den meisten Vermietern ist dies allerdings zu ungewiss.

Insgesamt hat fast die Hälfte der Familien, die in Berlin in Notunterkünften für Wohnungslose leben, einen Migrationshintergrund. Viele davon sind mittellose Menschen aus Osteuropa, die hoffen, hier eine existenzsichernde Arbeit zu finden – oder sich mit dem Sammeln von Pfandflaschen über Wasser zu halten.

Das klappt allerdings oft nicht. Der Senat schätzt, dass es sich inzwischen bei rund zwei Drittel aller Obdachlosen Berlins um Menschen osteuropäischer Herkunft handelt. Tendenz: steigend. Deshalb sind zum Beispiel derzeit polnische Sozialarbeiter in der Stadt.
Mittlerweile gibt es aufgrund des hohen Bedarfs weitere Einrichtungen in Berlin, die spezielle Zimmer für wohnungslose Familien bereithalten. Zum Beispiel in einem Wohnheim in der Lahnstraße in Neukölln. Es eröffnete im September 2018 in einem ehemaligen Bürogebäude.

Zu sechst in zwei Zimmern

Auch viele aus Kriegsgebieten geflüchtete Familien ­kamen in den Notunterkünften unter. „Im Erstaufnahmeheim Forckenbeckstraße in Wilmersdorf hatten wir zeitweise 25 Prozent syrische Staatsbürger, die als wohnungslose Berliner untergebracht werden mussten, nachdem ihr Asylantrag genehmigt wurde“, sagt Gebewo-Geschäftsführer Veltmann.

Eine von ihnen ist die Familie Ibrahem. Seit eineinhalb Jahren lebt die kurdische Flüchtlingsfamilie aus dem syrischen Afrin in der Einrichtung – zu sechst, in zwei Zimmern. Mutter und Vater bewohnen ein Zimmer gemeinsam mit ihrer zehnjährigen Tochter, im anderen schlafen ihre drei Söhne im Alter von 13, 18 und 21 Jahren. Der Raum der jungen Männer misst vielleicht 15 Quadratmeter. Hier liegen sie in identischen Holzbetten, die entlang einer Wand aufgereiht stehen. Viel Platz für persönliche Gegenstände gibt es nicht.

Küche und Bad liegen auf dem Flur – beides müssen die Ibrahems sich mit den anderen sieben Bewohnern ihrer Etage teilen. Jeden Tag kocht und backt Hajar Ibrahem dort aufwendige Gerichte aus ihrer Heimat. Von den anderen Bewohnern – darunter Deutsche, Iraker, Rumänen und Polen – sei sie die einzige, die Herd und Backofen regelmäßig nutze. In Syrien esse man eben sehr gern. Das Essen: ein wenig Heimat.

Abdlmanan ist der älteste Sohn. Er besucht, wie sein jüngerer Bruder Mustafa, die neunte Klasse. Als die Fami­lie rund drei Jahre zuvor vor dem syrischen Bürgerkrieg aus Afrin floh, hatte er die Schule abbrechen müssen. In Berlin fasste er schnell Fuß. Auf der Kommode neben seinem Bett steht ein gerahmtes Foto, das ihn mit seiner Neuköllner Basketballmannschaft zeigt. „Da bin ich auch Schiedsrichter“, erzählt er stolz.

Hobbys, Zukunftspläne – das war lange Zeit alles andere als normal für die Familie Ibrahem. Hinter ihr liegt eine Odyssee. Mit einem Boot kam sie aus der Türkei übers Mittelmeer, schlug sich nach Berlin durch, wurde hier anfangs in einer Geflüchteten-Notunterkunft einquartiert. Dann in einer Sporthalle.

„Im Lageso haben sie uns gesagt, dass wir dort bleiben müssten, für drei, maximal vier Monate“, sagt Abdl­manan. „Danach könnten wir eine Wohnung suchen.“ Sein Vater, der neben ihm sitzt, nickt und seufzt. Neun Monate brachte die Familie am Ende dort zu.

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Überfüllte Wohnungsbesichtigung in Berlin: kaum Chancen für Menschen mit geringem oder keinem Einkommen
Foto: Foto: Olaf Selchow / imago

Seitdem hat sich nur wenig verbessert für sie. Zwar bekamen die Ibrahems im Erstaufnahmeheim Forckenbeckstraße ein wenig ihrer Privatsphäre zurück, sie können hier zumindest selbstständig kochen und Wäsche waschen. Dennoch bleibt es eine provisorische Lösung.
In der Berliner Politik rückt die Situation der wohnungslosen Menschen unter dem rot-rot-grünen ­Senat zunehmend in den Fokus. Zu spät, sagen viele, die sich mit der Materie auskennen. Aber immerhin. Ein wichtiger Ansatz dabei ist die stärkere Vernetzung von ­Senat, Bezirken und Hilfsorganisationen. Dafür fand im ­Januar 2018 eine erste Berliner Strategiekonferenz zur Wohnungslosenhilfe statt. Das Ziel: „eine bedarfsgerechte gesamtstädtische Strategie der Wohnungslosenhilfe zu entwickeln“, wie es auf der Internetseite des Senats heißt.
Der Senat plant auch, die Suche nach Unterkünften für wohnungslose Menschen zu vereinfachen. Hierfür soll eine zentrale Datenbank mit allen Wohnungen, Obdachloseneinrichtungen und Schlafplätzen eingerichtet werden. Doch das dauert – frühestens 2020 rechnet Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) mit den Ergebnissen eines Testlaufs. Ein anderes neues Modellprojekt heißt „Housing First“. Der Ansatz stammt ursprünglich aus der US-amerikanischen Sozialpolitik. Er richtet sich an Menschen, die bislang im Wohnungsmarkt keine Chance hatten – etwa, weil sie drogensüchtig oder verschuldet sind. Bei „Housing First“ sollen sie direkt in eine Wohnung vermittelt werden – ohne Vorbedingungen, mit eigenem Mietvertrag. Dort werden sie von ­einem Hilfsteam betreut.

In einem ersten Anlauf sollen in Berlin 70 bis 80 Obdachlose in dieses Programm aufgenommen werden. Ziel ist es, jedes Jahr mindestens zehn Wohnungen zu realisieren. Das Projekt sei gut angelaufen, sagt die Pressesprecherin der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, Regina Kneiding. Die ersten Wohnungen seien bereits bezugsfertig. Insgesamt stellt die Senatsverwaltung 775.000 Euro für eine ­dreijährige Testphase bereit. Außerdem gibt es natürlich noch die niedrigschwelligen Angebote, die Obdachlose im Winter akut versorgen. Wie der Kältebus. Oder die Notschlafstellen der Berliner Kältehilfe. 407 Plätze standen 2018 in Berlin erstmals schon Anfang Oktober bereit, weitere 826 kamen zum 1. November hinzu.

Und kürzlich einigten sich Senat und BVG darauf, zumindest die beiden U-Bahnhöfe Moritzplatz und Lichtenberg in diesem Winter für Obdachlose zu öffnen. Darüber hatten beide wochenlang gestritten.

Herr Ibrahem versteht die Welt nicht

In einem Zimmer in der Wilmersdorfer Forckenbeck­straße hat Hajar Ibrahem den Tisch gedeckt. Die Mutter der syrischen Familie hat ihre Schwester zu Gast. Beide flohen damals gemeinsam aus Afrin, saßen in einem Flüchtlingsboot. Auch an ihrem neuen Wohnort verbringen die beiden Mütter nun häufig den Alltag miteinander. Sie staunen gemeinsam über die fremden Sitten, die ihnen hier auf der Straße begegnen: Pärchen, die sich öffentlich küssen etwa, oder ältere Frauen, die ohne Begleitung unterwegs sind.

Für ihre Schwester hat Hajar Ibrahem eines ihrer Leibgerichte zubereitet: Manakish, eine Art Pizza ohne Tomatensauce, die mit Gemüse belegt wird. Außerdem gibt es Makdous, das sind Auberginen, die mit Walnüssen und Öl gefüllt werden. Dazu Oliven, Pitabrot und Joghurt.
Hajar Ibrahems Schwester hatte Glück: Vor einem Jahr fand sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Pankow eine eigene Wohnung. Von einer solchen Wohnung träumt auch Mohammad Ibrahem. Es ist ein Traum, der noch immer in weiter Ferne liegt.

Eigentlich lebt der 45-Jährige gerne in Deutschland. Er fühlt sich hier sogar wohler als in seinem Heimatland Syrien. Dort gehörte die kurdische Familie zu einer Minderheit und war häufig Anfeindungen ausgesetzt. In Berlin sei dies anders, sagt Mohammad Ibrahem, hier seien sie sicherer und würden von ihren Mitmenschen angenommen. Nur auf derart beengtem Raum leben zu müssen, mache ihm schwer zu schaffen. Seine Stimme klingt verbittert, als er das sagt. Er schüttelt plötzlich energisch mit dem Kopf, blickt dann zu Boden.

Als er weiterspricht, gestikuliert er mehr als zuvor. Zwei Zimmer, wie hier in der Einrichtung, das wäre einfach viel zu wenig Platz für sechs Personen, sagt er frustriert. Sein ältester Sohn übersetzt für ihn, denn mit der deutschen Sprache tun sich die Eltern noch schwer.
Trotzdem hat Ibrahem inzwischen einen Job in Berlin gefunden, er kann wieder in seinem erlernten Beruf als Elektriker arbeiten. So hat die Familie ein geregeltes, wenn auch geringes Einkommen. Ibrahem versteht deshalb nicht, dass es mit der eigenen Wohnung einfach nicht klappen will. In einer Kommode bewahrt er zwischen Stiften und leeren Pfandflaschen die Ablehnungsschreiben diverser Berliner Wohnungsbaugesellschaften auf. Es sind nicht wenige.
Mohammad Ibrahem lächelt bitter. „Was soll ich machen?“, murmelt er resigniert.
Doch ohne strukturelle Veränderungen auf dem Wohnungsmarkt, so sagen Experten, werde es weiterhin schwierig bleiben, wohnungslosen Menschen eine eigenes Dach über dem Kopf zu verschaffen.

Obdachlosensteuer im Silicon Valley

Kai-Gerrit Venske, Fachreferent der Caritas für Wohnungslosenhilfe, fordert „zur Begrenzung der Mietenentwicklung, die sonst zu weiteren Fällen von Wohnungslosigkeit führen werden“. Auch wünscht er sich mehr Senatsunterstützung bei der Schaffung weiterer

Familie Ibrahem in einer Wilmersdorfer Wohnungslosen-Einrichtung: sechs Personen, zwei Zimmer
Foto: Saskia Uppenkamp

Notübernachtungsstellen für Familien. Die Gelder ­seien zwar bereits bewilligt – zur Zeit scheitere die Umsetzung allerdings daran, dass potentielle Betreiber ­keine Immobilien fänden. Außerdem ist er dagegen, dass Familien mit Kindern aus bestehenden Mietverhältnissen zwangsgeräumt werden. Derzeit steht dieses Schicksal täglich im Schnitt zehn Berliner Haushalten bevor.

Die Fachgruppe Wohnungslose der Qualitätsgemeinschaft Soziale Dienste forderte Ende 2017 in einem Positionspapier für die Wohnungslosenhilfe und -politik des Senats eine stärkere Förderung des Sozialen Wohnungsbaus. Aber vielleicht müssen noch ganz andere Wege beschritten werden. Ein Vorbild könnte das kalifornische San Francisco sein, wo Google und Facebook ihren Sitz haben. Die boomende Technologiebranche des Silicon Valley hat in den letzten Jahre bewirkt, dass die Mietpreise enorm stiegen. 3.300 Dollar kostet eine durchschnittliche Einraumwohnung inzwischen. Es folgte eine Welle der Obdachlosigkeit.

Kürzlich stimmte deshalb die Mehrheit der Wahlberechtigten dafür, dass alle Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 50 Millionen Dollar künftig eine Obdachlosensteuer zahlen müssen. Insgesamt sollen so bis zu 300 Millionen Dollar zusammenkommen – damit würde sich das städtische Budget für die Unterstützung von Obdachlosen verdoppeln.

Die Familie Ibrahem ist muslimisch, doch Religion spielt für sie keine große Rolle. Also nehmen die sechs Syrer gern alle Feste der neuen Heimat mit, auch Weihnachten. Sie schmücken einen Baum, singen Lieder, beschenken sich. Und hoffen dabei, zumindest für ein paar Stunden vergessen zu können, dass es wohl noch lange dauern wird, bis auch ihr größter Wunsch in Erfüllung geht: eine eigene Wohnung.

*Namen der Familie von der Redaktion geändert