Ja, so muss Genre sein: dreckig, feige und gemein

Fantasy Filmfest

Das Fantasy Filmfest begeht sein 25. Jubiläum

Ist das Leben als Superheld beneidenswert? Nehmen wir an, Sie sind durchschnittlich durchgeknallt, leicht übergewichtig und mit zwei linken Händen gesegnet. Nun müssen Sie stundenlang mit einem Schraubenschlüssel bewaffnet hinter Müllcontainern auf das Verbrechen warten, und zu Ihrer größten Freude belästigt Sie auch noch eine Göre, die mit Ihnen das Böse in der Welt bestrafen will. Das ist nicht witzig. Oder vielleicht doch Super wie der gleichnamige Film?
Ein bunter Genremix, der sich nicht scheut, die Grenzen des fantastischen Films vom Metzelschocker über schwarze Kömödien bis hin zu feinfühligen Psychothrillern auszuloten – das ist seit einem Vierteljahrhundert die Stärke des Fantasy Filmfests. Ein Schwerpunkt der Auswahl 2011 ist der Thriller wie etwa der großartige Coming-of-Age-Film und als „Bester Erstlingsfilm“ auf der Berlinale ausgezeichnete On the Ice von Andrew Okpeaha MacLean. Die bildgewaltige Produktion spielt im hintersten Winkel Alaskas und erzählt die Geschichte von Qalli und Aivaaq. Sie haben im ewigen Eis große Schuld auf sich geladen. Moderne Schneemobile, Hip-Hop, traditioneller Gesang und die Seehundjagd bestimmen das Leben der Freunde – bis die Kombination von Alkohol, Drogen und Eifersucht das beschauliche Leben in eisiger Kälte zerreißt.
Mitten in Paris spielt der französische Actionthriller Point Blank. Krankenpfleger Samuels hochschwangere Frau wird entführt. Samuel soll in nur drei Stunden den gesuchten Gangster Sartet aus dem Krankenhaus schleusen. Schnell wird klar, dass die Bösen aus den Reihen der Polizei stammen. Es beginnt eine atemberaubende Hetzjagd durch Paris, die den Zuschauer mit Wucht in die Sitze presst. Der australische Film I am You beruht auf einer wahren Geschichte. Rachel Barber war ein begabtes junges Mädchen, das gern tanzte und das Leben fröhlich genoss. Bis es eines Tages verschwunden ist. Die Spur führt bald zu Caroline. Sie ist das Gegenteil von Rachel, voller Zorn und Wut gegen sich, ihre Mum, gegen alle. Und sie ist böse. „I am You“ – ein herausragender Psychothriller mit genauer Figurenzeichnung, der an Peter Jacksons „Heavenly Creatures“ erinnert.
Besonders bösartige Filme kommen traditionell aus Japan, wie Cold Fish von Sion Sono. Familienvater Syamoto leitet ein Fachgeschäft für tropische Fische und gerät unter Einfluss des skrupellosen Fischmoguls Murata. Schuldkomplexe, Fetischfantasien, gestörte Familienverhältnisse, brutale Psychopathen – „Cold Fish“ endet in einer ekligen Katharsis aus Blut und Knochen.
Ein Muss ist der bereits erwähnte Super, der bitterböse Bruder von „Kick Ass“. Die Entdeckung des Filmfestivals Toronto dekonstruiert das derzeit so beliebte Superhelden- Thema auf eine spezielle Art. Frank arbeitet als Burgerbrater in einem versifften Schnellimbiss. Als seine Frau in die Fänge eines Drogengangsters gerät, beschließt Frank, als gottesfürchtiger „Crimson Bolt“ die Welt von allem Übel und nebenbei auch seine Frau zu befreien. Sein Sidekick wird „Boltie“, eine schüchterne Comic-Verkäuferin (Ellen Page, „Juno“), die im selbstgenähten Kostüm zur nymphomanen Irren mutiert. Dieser Anti-Superhelden-Film entlarvt die Helden als Psychopathen, die zwar über keine Superkräfte verfügen, aber voller innerer Wut nicht davor zurückschrecken, Mitmenschen mit dem Schraubenschlüssel den Schädel zu spalten. Wild, roh und schwarzhumorig.
Auch in Toronto entdeckt: Stake Land. In diesem Endzeit-Roadmovie sind die USA durch eine Vampir-Epidemie nahezu vernichtet. Gemeinsam wollen sich ein Ex-Soldat und der Waisenjunge Martin nach Kanada durchpfählen. Das Thema Endzeit kommt dieses Jahr in einigen Varianten zum Einsatz: The Walking Dead erinnert schwer an „28 Days Later“. Der Pilotfilm dieser US-TV-Serie wird als Extended Version in einer kostenlosen Sondervorstellung gezeigt. Postapokalypisch geht es auch in der mit Spannung erwarteten südkoreanischen Produktion End of Animal und dem argentischen Virus-Endzeit Thriller Phase 7 zu. Martial-Arts-Filme wie Shaolin (mit Jackie Chan) oder The Last Bladesman, böse Kömödien wie The Revenant oder Saint, klassische Horrorfilme wie der Eröffnungsfilm Don’t Be Afraid of the Dark oder The Waldemar Legacy I + II runden das Programm neben Backwood Slashern wie Territories oder Yellowbrickroad ab.

Weitere Informationen: Fantasy Filmfest, 16.-24.8., CinemaxX Potsdamer Platz, CineStar Sony Center,  www.fantasyfilmfest.com,

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