Wim Wenders und Infamis

Fast schon ganz großes Kino

Wenn sich Welten berühren: Der Filmemacher Wim Wenders wird Plattenboss und bringt das neue Album der Berliner Band Infamis heraus.

Wim Wenders macht Filme. Schon seit 1967. Und sehr erfolgreich. René Schwettge macht mit seiner Band Infamis Musik. In Berlin. Seit 1987. Und sehr erfolglos. Bis zum Januar 2008 bewegten sich die beiden in verschiedenen Paralleluniversen ohne jegliche Berührungspunkte, obwohl populäre Musik für Wim Wenders stets ein wichtiges Gestaltungsmittel seiner Filme war. Schon seit 2010 unterhält der Regisseur das Label Wenders Music, mit dem er aus dem Stand über 50.000 Exemplare des Soundtracks zu seinem Pina-Bausch-Film verkaufte.

Die beiden Welten berühren sich, als Wenders 2008 für eine Retrospektive seiner Filme in die USA reist. In San Francisco wird er von Arndt Peltner für das deutschsprachige Radio Goethe interviewt. Natürlich ist die Wenders-Retrospektive Thema dieser Sendung. Aber auch Infamis. Peltner drückt Wenders deren EP „Underground“ in die Hand – mit den Worten: „Die Band kennst du nicht. Anhören, es lohnt sich.“ Doch das Filmgeschäft geht vor, Wenders vergisst Infamis und schleppt das schwarze Vinyl drei Wochen durch die Weltgeschichte, bis sie bei ihm zuhause in Berlin aus dem Koffer purzelt. Als Wenders die Platte hört, ­diese schwermütige, sehr amerikanische Rockmusik, ist er so hin und weg, dass er sich gleich alles bestellt, was Infamis im Angebot hat. „Mir hämmerte ständig die Frage durch den Kopf: Warum kenne ich Infamis nicht? Eine Band, die es so lange gibt und deren Platte in Kalifornien in einem Rundfunkstudio herumliegt, die müsste ich doch kennen“, sagt Wenders.

Fünf Jahre später erscheint nun „Im Wes­ten der Himmel“, das neue Album von Infamis, auf Wenders Music. Ein weltberühmter Regisseur veröffentlicht das Werk einer weitgehend unbekannten Band, die sich bestenfalls in der Berliner Heimat einen gewissen Lokalstatus erspielt hat. Es kam schließlich nicht nur einmal vor, dass Infamis weite Reisen auf sich nahmen, um ein Konzert zu spielen und dann vor null Besuchern aufzutreten. Wer so etwas regelmäßig durchlebt, muss eine ganz besondere Leidensfähigkeit besitzen. „Das schon, aber wir haben trotz vieler, vieler Besetzungswechsel immer gespielt und auch nie ans Aufhören gedacht“, sagt Frontmann René Schwettge und weist auf die vielen Platten bei verschiedenen Labels hin und die Kassetten, Singles, EPs, die man im Selbstverlag herausgebracht hat: „Wir ­waren auch nie beleidigt, wenn es wieder nicht geklappt hat.“

Da alle  Bandmitglieder tagsüber einer normalen Lohnarbeit nachgehen, können sich Infamis ihre künstlerische Freiheit leisten. „Aber Leidensfähigkeit bringt auch mit sich, dass es uns scheißegal ist, was wer über uns sagt und denkt“, fährt Schwettge fort. „Wir haben immer das gemacht, was uns in den Kopf kam. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Wir haben als Musiker zwar immer noch ein Sendungsbewusstsein, aber wir haben aufgehört vom Starruhm zu träumen. Wir sind einfach schon zu lange dort unten, wo wir sind.“ Ist das tatsächlich so? Sollte man nicht glauben, wenn ein Wim Wenders auf den Plan tritt, dass dann doch noch die Hoffnung auf den großen Erfolg aufkeimt? „Um diese Hoffnung geht es wirklich nicht“, sagt der 43-jährige Schwettge und wird unterstützt von seinem neuen Label-Chef: „Gäbe es diese anerkennenswerte Bandphilosophie nicht, hätte ich vermutlich von Infamis die Finger gelassen“, sagt Wenders. „Die Musiker werden nicht erwarten, dass sie mit meiner Hilfe Karriere machen und ihre Jobs schmeißen können.“

Das ist tatsächlich kaum zu erwarten, denn die Musik von Infamis mit ihrer immerwährenden, hoffnungslosen Sinnsuche, ­diese Songs im verzweifelten Breitwandformat mit Schwettges deutschem Gesang  scheinen auch weiterhin ungeeignet für den ganz großen Erfolg. Doch wenn man die Filme von Wenders kennt, dann kann man gut verstehen, was ihn fasziniert hat an dieser Musik, die Vorbilder wie Lou Reed, Nick Cave, Leonard Cohen oder Johnny Cash zitiert und sich in der schweren Stimmung alter Spaghetti­western ergeht. Wenders selbst formuliert das so: „Die Musik von Infamis passt in meine Klangvorstellungen. Und so trifft das Sendungsbewusstsein der Band in diesem Fall auf das meine.“

Ob er aber jemals auf seinem Label eine andere Band herausbringen wird, das weiß er heute ebenso wenig wie er vor ein paar Jahren wusste, dass er einmal Infamis veröffentlichen würde. „Es geht mir auch gar nicht um gute oder schlechte Musik“, sagt Wenders. „Das zu beurteilen würde ich mir nie anmaßen. Es geht darum, was mir höchstpersönlich gefällt.“

Das beruht durchaus auf Gegenseitigkeit. So wie für Wenders immer auch die musikalische Dimension seiner Filme wichtig war, so können Infamis auch nicht ohne das Kino. „Im Kino gewesen, geweint“, singt Schwettge in „Ganz großes Kino“, dem Eingangsstück des neuen Albums. Für das ganz große Kino wird es vermutlich nicht reichen, auch nicht mit der Hilfe von Wim Wenders. Aber immerhin führt Infamis die kommende Gastspielreise im Herbst durch ­Kinos. Auch durch größere.

Infamis: „Im Westen der Himmel“ (Wenders Music/Rough Trade)

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