MARATHONTHEATER

Faust

Frank Castorf macht aus dem urdeutschen Mythos ganz großes Welttheater

Starke Frauen um Martin Wuttke (Mi.) als Faust und Marc Hosemann (2. v. li.) als Mephisto – Foto: Thomas Aurin
ZITTY-Bewertung 6/6

Der anrührendste, wunderbarste Moment in diesem siebenstündigen Verausgabungstheater voller wunderbarer, genia­l überbordender, mitunter aber auch quälend redundanter Szenen ist kurz vor der Pause: Begleitet von Sir Henry am Schifferklavier singt Sophie Rois leise und bezaubernd brüchig Schuberts „Der Leiermann“.

Erst spät hatte sie ihren ersten Auftritt als Hexe, aber behauptet sogleich mit Verve und Heiserkeit ihre herausragende Stellung in einem herausragenden Ensemble. Martin Wuttke gibt den Faust, Marc Hosemann einen schalkhaften Mephisto, ­Valery Tscheplanowa eine erregend selbstbewusste Margarete, Alex­ander Scheer spielt vibrierend intensiv Lord Byron in dieser letzten großen Volksbühne-Inszenierung von Frank Castorf. Der zeigt nochmal nachdrücklich, was sein Theater so einzigartig macht.

Natürlich spielt er keinen „Faust“ vom Blatt, er montiert die Szenen völlig neu und fügt sehr viel Prosa aus Fremdtexten ein, hier vor allem Émile Zolas Huren- und Theaterroman „Nana“. Über weite Strecken ist die Inszenierung wieder ein Live-Film-Theater und ein Gesamtkunstwerk zwischen Polittheater, Klamauk und Grandezza. Vor allem aber ist es großes Welttheater: Castorf verlegt die Handlung nach Frankreich zur Zeit des Algerienkrieges, es wird portugiesisch, englisch, französisch gesprochen und plötzlich ist der urdeutsche Mythos des Faust ein globalisierter Homunculus. Ein sehr starker Abend. FRIEDHELM TEICKE

10., 12. + 17.3., 18 Uhr, 18.3., 23 Uhr, Volks­bühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. ­Regie: Frank Castorf; mit Martin Wuttke, Marc Hosemann, ­Valery Tscheplanowa, Alex­ander Scheer, Sophie Rois. Eintritt 12–40 €

FAUST from Volksbühne Archiv on Vimeo.