Reportage

FC Karama: Syrische Fußballer in der Berliner Kreisliga

Beim Kreisliga-B-Verein FC Karama 78 spielen vor allem syrische Fußballer. Eine Erfolgsgeschichte

Im Kreisliga-Verein FC Karama spielen fast nur syrische Fußballer. Eine Erfolgsgeschichte. Foto:F. Anthea Schaap
Das Gesamte Team des FC Karama. Foto: F. Anthea Schaap

Die letzten BFC-Fans verlassen gerade das Gelände des Poststadions in Moabit. Ihr Verein hatte auf dem Hauptplatz gespielt. Auf dem hintersten der Nebenplätze, auf bereits arg strapaziertem Kunstrasen, machen sich hingegen Männer in schwarz-roten Trikots warm. Arabische Rufe erschallen auf dem Feld. Denn das Team besteht vor allem aus Syrern. Die vor dem Krieg geflohen sind.

„Wir haben auch einige Palästinenser und zwei Mann aus der Türkei. Aber die meisten kommen aus Syrien“, sagt Kapitän Naji Negman. Er gehört zu den Spielern der ersten Stunde. „2015 haben wir das Team gebildet. Damals spielten wir nur in der Freizeitliga. Aber seit drei Jahren sind wir im offiziellen Spielbetrieb, erst Kreisliga C, nach dem Aufstieg Kreisliga B“, blickt Negman auf die Entwicklung zurück.

Der Klub war vor allem in den ersten Jahren in Deutschland für viele eine neue Heimat. „Wir fühlen uns sehr wohl, wenn wir zusammenspielen, fast wie zu Hause. Wir sprechen ja auch die gleiche Sprache“, sagt er. Mit den türkischen Spielern werde natürlich auf deutsch geredet, versichert er. „Und wir würden uns auch über deutsche Spieler freuen. Das wäre gut“, meint er.

Im Kreisliga-Verein FC Karama spielen fast nur syrische Fußballer. Eine Erfolgsgeschichte. Foto:F. Anthea Schaap
Eckball für den FC Karama (l.), das Team auf dem Nebenplatz im Poststadion: „Wir unternehmen viel gemeinsam.“ Foto: F. Anthea Schaap

Der Fußballverein war auch für die Integration in die neue Heimat wichtig. „Wir haben Deutschkurse angeboten. Und wir erklärten auch Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Syrern, damit sie hier besser klarkommen. Wir unternehmen viel gemeinsam, gehen zum Bowling, zum Schwimmen“, erzählt Mustafa Gumrok.

Der weißhaarige Herr, der an der Seitenlinie herumläuft und sich über jedes Tor seiner Jungs lebhaft freut und sich bei jedem Gegentor genauso lebhaft ärgert, ist der Macher im Hintergrund. Seit 1971 ist er in Deutschland, studierte hier, arbeitete als Ingenieur und ist mittlerweile verrentet.

In Syrien hat er selbst noch aktiv Fußball gespielt, für den Erstligisten Al-Hurriya aus Aleppo. In Berlin kickte er für den FC Karameh 78. „Das war ursprünglich ein palästinenischer Verein. Der schlief dann aber etwas ein. Und als 2015 viele Menschen aus Syrien hier in Deutschland ankamen, wollte ich auch etwas für sie tun und wir haben den FC Karame wiederbelebt“, erzählt er. Mittlerweile hat der Verein 55 aktive Mitglieder in zwei Männermannschaften. Nächste Saison sollen eine Jugendmannschaft und eine Seniorentruppe hinzukommen. Ein Mädchenteam gehört ebenfalls zu den Plänen. „Aber das ist schwer. Du musst die Mädchen aus ihrem Umfeld holen, du brauchst Motivatoren und Kümmerer. Das ist alles Ehrenamtsarbeit. Und immer weniger Leute wollen Ehrenamt machen“, meint Gumrok.

Integrationspreis vom DFB

Erfolgreich realisiert sind schon Ausbildungen zum Trainer und Schiedsrichter. „Wir haben vier Männer mit der C-Lizenz und insgesamt acht Schiedsrichter. Vier pfeifen schon, die anderen sind noch in der Ausbildung“, sagt Gumrok.

Einer der Schiris in spe ist auch zum Match gekommen. „Für das Fußballtraining fehlt mir die Zeit. Als Schiri musst du nicht so viel trainieren, du bleibst aber dennoch in Bewegung“, erläutert Mutas seine Motivation. Derzeit pfeift er noch mit einem Paten, einem erfahrenen Schiedsrichter, der von außen zuguckt. „Es ist nicht einfach. Du bist schließlich allein auf dem Platz. Du bist ein Mensch, dir können auch Fehler unterlaufen“, beschreibt er die Situation. Zunächst will er auch Spiele bei Kindern und Jugendlichen pfeifen, bevor er sich an die Männer wagt.

Ahmed Albash hat ebenfalls Fußballträume. Er ist der Trainer von FC Karame, hat selbst in der ersten syrischen Liga gespielt, für Al-Jaish, einen Armee-Verein. Er hat die C-Lizenz als Trainer. „Und ich will gern die A-Lizenz machen“, sagt er. Damit könnte er dann Regionalligisten trainieren und das Hobby endgültig zum Beruf machen. Aktuell muss er immer noch Aufträge als Maler und Dekorateur, seinem Ausbildungsberuf, annehmen.

Wie der Coach so sind auch viele Spieler im Berufsalltag der neuen Heimat gut angekommen. Kapitän Naji Negman arbeitet als Fahrer für Amazon und macht nebenher seinen Taxischein. Anas Bakry Basha, ein weiterer Mitspieler, der erst vor einem Jahr zum Team stieß, wartet gerade auf die Zuweisung für einen Studienplatz für Medizin. Schiedsrichter Mutas arbeitet als Lagerist. Seinen vollen Namen möchte er nicht nennen. „Ich bin aus Syrien vor dem Militärdienst geflohen. Meine Eltern sind noch im Lande. Ich möchte nicht, dass sie in Schwierigkeiten geraten“, sagt er.

Die Rückkehrperspektive ist auch für andere schwierig. „Ich habe die Nachricht bekommen, dass das Haus, in dem meine Familie gewohnt hat in Damaskus, gar nicht mehr existiert“, sagt Naji. Und Anas will erst einmal das Medizinstudium, das er noch gar nicht angefangen hat, zu Ende bringen.

Der FC Karame hat also noch eine ziemlich lange Perspektive in Berlins Fußballlandschaft. Vielleicht wächst die Anzahl der Mitglieder auch ganz rapide. Gerade flüchten wieder Syrerinnen und Syrer. Familienangehörige der Spieler sind nach Angaben des Klubs allerdings nicht darunter.

Für seinen Anteil am Aufbau dieses syrischen Fußballklubs in Berlin wurde Mustafa Gumrok am 7. März mit dem Integrationspreis des DFB geehrt. Das Spiel gegen Concordia Britz ging übrigens 3:4 aus, Karame verspielte einen 2:0-Vorsprung. Das ist auch Fußball: Rückschläge aushalten.

Der Verein im Netz: www.karame.de