Krach um Bumsbars

Feldzug gegen schwule Darkrooms in Schöneberg

In Schöneberg führe ein grüner Stadtrat, der stellvertretende Bezirksbürgermeister Jörn Oltmann, einen Feldzug gegen schwule Darkrooms, heißt es aus der queeren Szene. Was ist dran am Vorwurf?

Ajpnia heißt der Sex-Club, der Schlagzeilen macht. Griechisch ist der Name, er bedeutet „Schlaflosig­keit“. Wartburgstraße 18, unweit der U7-­Station Bayerischer Platz. Auf dem Plakat im Fenster, das keinen Blick nach drinnen zulässt, nennt sich das Ajpnia „Euer ­zweites Zuhause“.
Wer das Ajpnia betritt, packt seine Kleidung, bis auf die Socken, in eine der ­blauen Boxen. Für die Schuhe liegen gelbe Tüten drin. Mittwochabend, 19.15 Uhr: Auf der oberen Etage trinkt einer Malzbier und schrubbt sich durchs Schamhaar. Unten im Keller läuft ein Porno. Und sechs Männer treiben es anal, auf weichen Matratzen.

Das Ajpnia sieht mit seinen Lichterketten und orange-violetten Matratzen aus wie das Gegenteil vom Berghain. Wie eine Mischung aus Abenteuerspielplatz, esoterischer Praxis und Aladdins 1.001 Nacht. Ob das die Beamt*innen des Polizeiabschnitts 41, des Landeskriminalamts und des Bezirks­amts überrascht hat, die hier am 14. November um 21.30 Uhr auf der ­Matte standen? Eine halbe Stunde lang haben sie den Laden inspiziert. Ein Besuch, der für viel Unmut sorgte.

Einschüchterung der Gäste?

In einer Pressemeldung zeigten sich die Ajpnia-Vorstände Frank Ludwig und Peter Günther überrascht. Ein anderes Vereinsmitglied legte auf Facebook härter nach: „Der Vorfall wird so nicht hinnehmbar sein, da Persönlichkeitsrechte von Gästen ohne nachvollziehbaren Grund verletzt wurden.“

Die schwerwiegendste Kritik aber brachte der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß auf dem Online-Portal queer.de. Unter der Schlagzeile „Der Feldzug des grünen Stadtrats gegen die Darkrooms“ meint er, Anzeichen zu sehen, „dass es nicht nur um die Herstellung einer angemessenen Verkehrssicherheit geht, sondern dass den Clubs die wirtschaftliche Grundlage ­entzogen und die Gäste eingeschüchtert werden sollen“. Voß sieht in der ­Kontrolle im ­Ajpnia Parallelen zu einer Reihe von Fällen, in denen das Ordnungsamt in den letzten Monaten schwule Darkrooms dichtgemacht hat: in Tom’s Bar und der Scheune, beide in der Motzstraße.

Geriet jüngst wegen einer Polizeikontrolle in die queeren Schlagzeilen: das Ajpnia, in dessen Vereinsräumen Männer Sex mit Männern haben
Foto: Ajpnia e.V.

Und Voß meint auch, den Schuldigen zu kennen: Jörn Oltmann, stellvertretender Bezirksbürgermeister und Leiter der Abteilung Stadtentwicklung und Bauen. Es wäre heikel. Macht da ausgerechnet ein Stadtrat der Grünen gegen Schwule mobil? Ein Vertreter jener Grünen, die sich nach außen hin homofreundlich geben wie keine ­zweite Partei in der Bundesrepublik. Die sich andererseits aber gerade bundesweit zur neuen Mainstream-Kraft aufschwingen und den Flirt mit den Konservativen nicht scheuen.

Man darf bei all dem Wirbel nicht vergessen: Dass in den letzten anderthalb Jahren in Schöneberg die Brandschutzbestimmungen verstärkt kontrolliert werden, hängt auch mit einem Brand vom Februar 2017 in der Schwulensauna Steam Works ­zusammen, bei dem drei Menschen starben. Aber müssen solche Kontrollen im laufenden Betrieb und mit einem Dutzend Beamten stattfinden? Laut Ajpnia waren es circa 25.
Die Polizei selbst spricht auf Anfrage der ZITTY von zwölf Polizist*innen, zivil, aber in Polizeiwesten („In erster Linie überprüften sie die Einhaltung des Jugendschutzes und stabilisierten die Lage“) und fünf Mitarbeitenden des Bezirksamts, „die ihr Augenmerk insbesondere auf die Einhaltung der bau- und gewerberechtlichen Bestimmungen legten“, so Thomas Neuendorf, stellvertretender Leiter der Polizeipressestelle. „Die Anzahl der Beamten im Lokal wurde aufgrund der Sensibilität der Thematik bewusst auf eine minimal notwendige Anzahl beschränkt“, sagt Neuendorf.

Kontrollen in Läden, in denen sich Männer treffen, die Sex mit Männern ­haben, haben in der Bundesrepublik und ganz besonders in Berlin eine traurige Tradi­tion – und deswegen ein Geschmäckle: Da seit Gründung der BRD ja weiterhin der von den Nazis verschärfte Paragraph 175 galt, der schwulen Sex kriminalisierte, dienten Polizeikontrollen vor allem in den 1960ern, im Grunde aber bis 1994 dazu, Männer ­wegen Schwulseins hinter Gitter zu bringen. Das ist unvergessen, besonders bei ­älteren Schwulen. Und genau die treffen sich im Ajpnia, dessen Alters­durchschnitt gefühlt im Renteneinstiegs­alter liegt.

Gefahrlos im Darkroom

Der stellvertretende Bezirksbürgermeister Jörn Oltmann, laut Heinz-Jürgen Voß der Strippenzieher hinter den Kontrollen, weist darauf hin, dass im Bezirk in den letzten Monaten 145 Betriebe kontrolliert worden seien – nur fünf Prozent davon schwule. „Es geht mitnichten darum, sich eine bestimmte Szene vorzunehmen“, sagt er. „Aber nach dem Brand in der Sauna können wir nicht sagen, wir lassen diese Betriebe außen vor. Wenn ich in einen Darkroom reingehe und diesen benutzen möchte, dann habe ich das gute Recht, dass das gefahrlos möglich ist.“ Ein zweiter Rettungsweg etwa ­müsse ­gegeben sein. „So sehr ich auch für eine vielfältige und bunte Szene bin.“

Oltmann verwehrt sich, wie auch die Polizei, gegen den Begriff der Razzia, der vielfach in der Presse auftauchte, da ja nicht die Gäste kontrolliert wurden, sondern nur, dass die Betreiber Gesetze und Verordnungen einhalten. Dass er einen Feldzug gegen Darkrooms führe, findet Oltmann abwegig. „Das grenzt an Rufmord. Die Aussage, dass ich diese Razzien initiiert hätte, ist falsch. Die Maßnahmen werden von der Polizei ­geleitet und gesteuert“, sagt er.

Bemerkenswert, dass die Polizei das ein bisschen anders sieht. Auf Anfrage der ­ZITTY heißt es, dass die Beteiligten von LKA und Bezirksamt den gemeinsamen Einsatz mit den Beamt*innen im Polizeiabschnitt 41 besprachen. „Während der Besprechung baten Mitarbeitende der Bauaufsicht, das Ajpnia in die Kontrollmaßnahmen mit einzubeziehen“, so Neuendorf von der Polizeipressestelle. Leute aus Oltmanns Truppe also. Was sagt dieser dazu? „Details aus Einsatzbesprechungen sollten wir jetzt wirklich nicht nach draußen kolportieren.“ Er will sich mit den Betreibern und der Polizei alsbald zusammensetzen und klären, ob alles ordentlich ablief bei der Kontrolle.

Zwei Wochen nach dem Zwischenfall stehen zwei nackte Männer an der Bar des Ajpnia, wo Gummibärchen ausliegen. „Hätten sie sich zumindest mal ausgezogen, die Polizisten!“, sagt einer der beiden.