Die Stadtschreiber

Feminismus im Bus von Stefanie de Velasco

Illustration: Roland Brückner

Ich habe ein neues Hobby, und zwar: die Beine breit machen. Nun mag der eine oder andere sexistische Arsch sich auf die Schenkel ­klopfen und denken, ist ja nicht ungewöhnlich für eine Frau, aber ich mache es nur im Bus oder in der Bahn, und das ist selbst für sexistische Ärsche ungewöhnlich, zumindest auf den ersten Blick. Nur warum soll ich als Frau in Bus und Bahn nicht das tun, was Männer so selbstverständlich machen, dass sie es nicht einmal mehr merken?

Vorige Woche sitze ich in der U7 an einem Vierer, mir gegenüber ein junges Mädchen, steigt am Mehringdamm ein Mann mit ausgebeulten Jeans und 4You-Rucksack ein, lässt sich – plumps – neben das Mädchen fallen, stellt den Rucksack zwischen sich, macht die Beine breit und nimmt dabei locker zwei Drittel der Sitzreihe ein. Was macht das Mädchen? Schlägt automatisch die Beine übereinander, rückt ab, weil, erstens stinkt der Typ nach kalten Kippen und Schlaf, zweitens will man den nicht mal ansatzweise mit irgendeinem Körperteil berühren müssen und drittens ist das irgendwie von klein auf abgespeichert: Frauen schlagen in der Öffentlichkeit die Beine übereinander und Männer machen sie breit.

Ich mache das jetzt anders. Wenn ich einsteige, ­suche ich mir einen Platz, wo sich schon irgendein Kerl breit gemacht hat, neben den setze ich mich und dann mache ich die Beine so breit, dass mein gesamter Sitz eingenommen wird. Natürlich berühren sich dabei die Knie vom Breitmacher und mir. Einige ziehen das Knie nach einer Schrecksekunde zurück und setzen sich ­ordentlich hin. Andere versuchen durchzuhalten. Was will die von mir? Wieso berührt die mein Knie? Will die was oder nicht? Diese Fragen zucken wie Blitze zwischen den Knien hin und her. Meist ziehen die Typen das Bein dann zurück, neulich aber hat einer von Neukölln bis Spandau durchgehalten. Ich aber auch. Es war wie ein seltsamer Sport, richtig geschwitzt habe ich danach. Natürlich nur am Knie.
Sag mal, hast du nix Besseres zu tun, als in der U-Bahn rumzustressen, hat Fitzi mich gefragt, als ich ihm von meiner neuen Strategie erzählte. So eine wie du, die fehlt mir noch auf dem Nachhauseweg! Sei froh, dass du nicht in Georgien Bus fährst, hat meine ­Freundin Nino geantwortet, die zufällig dabei war. In Tiflis, meinte Nino, laufen Frauen mit Stecknadeln in der Tasche rum. Wenn sie in den überfüllten Bussen ­angegrapscht werden, ziehen sie ihre Stecknadel und stechen den Grabscher genau so unauffällig in die Haut, wie er in der Masse gegrabscht hat.

Stefanie de Velasco
ist die Autorin von „Tigermilch“, in „Speak Easy“ erzählt sie von schrägen Vögeln, sonderbaren Orten, von heimlichen und unheimlichen Begegnungen in der großen Stadt.
Foto: Joachim Gern

Gestern steige ich wieder in die Bahn, sitzt da ein Typ, den Bart voller Dönerreste und Beine über beide Sitze breit. Ich neben ihn und ran das Knie. Nach einer Station höre ich ihn schnaufen. Ich frage, ist was? Na, wenn du das nicht selber kapierst, dann weiß ich auch nicht, motzt er. Ich hebe kurz die Augenbrauen und schaue wieder aus dem Fenster. Er steht auf, stellt sich in den Gang, schüttelt verständnislos den Kopf. Was musst du dich denn da so breit machen, sagt er und zeigt auf seinen leeren Sitz. Er ist kaum größer als ich, Platz will er aber wie für zwei. Es sitzen auch noch andere Leute in der U-Bahn, sagt er. Ja, ich zum Beispiel? Die ­beiden Jungs mir gegenüber haben gekichert. Als sei er ein Verrückter, so haben sie ihn angeschaut.

Es gibt doch wirklich Wichtigeres, als sich an solchen Typen abzuarbeiten, sagt ­Fitzi, so was hast du doch gar nicht nötig. Klar habe ich so was nötig! Spätestens seit Rosa Parks weiß man, dass Revolution im Bus gemacht wird. Die hatte auch keine Lust mehr, im Bus auf andere Rücksicht nehmen zu müssen, nur weil sie eine schwarze Frau war. In diesem Sinne, Ladys: Macht die Beine breit!

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