Berlin

»Wir stressen zurück«

Songwriterin Christiane Rösinger und HAU-Kuratorin Margarita Tsomou über Utopien zur Zukunft Berlins, ein Musical zur Wohnungsfrage und das ­Festival „Berlin bleibt!“

Das Hebbel am Ufer eröffnet seine Spielzeit kämpferisch. Bei „Berlin bleibt!“ diskutieren Mieter*innen-Initiativen über Widerstandsformen. Die Sängerin und Songwriterin Christiane Rösinger zeigt ihr Musical „Stadt unter Einfluss“ über den Widerstand der Mieterstadt gegen kaltschnäuzige Investoren. Das Künstlerkollektiv Peng! hat in der ehemaligen Post-Filiale (Foto) am HAU2 eine Stress-Installation für Investoren entworfen. She She Pop zeigen ihr gefeiertes Stück „Oratorium“ über Eigentum. Und Dokumentartheatermacher Hans Werner Kroesinger zählt Fakten zu Entmietung und Kapitalsteigerung auf. – Foto: Jürgen Fehrmann

Interview: Friedhelm Teicke und Tom Mustroph

Frau Rösinger, Frau Tsomou, ganz Berlin treibt das Thema Wohnen um. Jetzt macht das HAU ein Festival dazu. Setzt sich da eine Kulturinstitution auf ein Thema, um womöglich parasitär von der Aufregung und Mobilisierung zu profitieren?

Margarita Tsomou: Natürlich nicht. Für uns geht es sehr um die eigene Nachbarschaft, darum, wo wir uns eigentlich befinden. Zum anderen sind viele Leute, die im HAU arbeiten, selbst von dem Problem betroffen. Das ist die lokale Perspektive. Als Kultur­institution sehen wir unsere Aufgabe darin, die vielen Initiativen der Mieterinnenbewegung in der Stadt hervorzuheben. Gemeinsam mit diesen Initiativen stellen wir in einer Werkstatt dann auch die Frage, was machen wir mit den Wohnungen, wenn sie rekommunalisiert sind? All diese Ideen wollen wir zusammentragen, das transkribieren und dann daraus ein kollektives Papier bauen. Wir wollen nichts vereinnahmen, sondern haben als lokale Kulturinstitution die Verantwortung, Themen eine öffentliche Plattform zu geben, die in der Stadtgesellschaft virulent sind.

Christiane Rösinger: Ich sehe es überhaupt nicht als parasitär an. Ich spiele in meinem Musical „Stadt unter Einfluss“ meine eigene Wohnungsbesichtigung vor. Das Haus, in dem ich zur Miete wohne, wurde in Eigen­tum umgewandelt. Alle Wohnungen wurden Eigentumswohnungen. Als Singer/Songwriter verdiene ich nicht genug, um mir die Wohnung kaufen zu können. Ich gehöre auch nicht zu den glücklichen Erben.

Wie diese glücklichen Erben bei der Wohnungsbesichtigung bei Ihnen eingefallen sind, haben Sie bereits im Song „Eigentumswohnung“ besungen. Gehört der nun auch zum Musical?

Rösinger: Ja, es ist einer der wenigen älteren Songs. Die meisten sind neu. Es sind insgesamt 21.

Das sind recht viele.

Rösinger: Ja, aber das ist normal bei einem Musical, manche haben bis zu 40 Songs. Ich finde moderne Musicals wie „König der ­Löwen“ ja eher blöd, da werden die Leute so zugekitscht. Ich mag aber die alten Musicals wie „West Side Story“.

Schon zuvor haben Musicals gegen Immobilienspekulation angesungen: „Rent“ behandelt die Gentrifizierung in New York, „Rock of Ages“ die von West-Hollywood.

Christiane Rösinger, 58, Indie-Musikerin (Lassie Singers, Britta) und Musicalautorin – Foto: Marius Becker

Rösinger: Von „Rent“ habe ich erst später erfahren. Aber da geht es um Gentrifizierung und die armen, armen Künstler, die sich ihre Ateliers nicht mehr leisten können. Mir geht es vor allem darum, dass die Mietenkrise ja ganz normale Leute trifft, die Angst haben ums Wohnen. Es sind nicht allein die ­Armen, die Prekarisierten, die Hartz IV-Leute. Oder die armen Künstler, zumal ich festgestellt habe, dass sich sehr viele Künstler dann doch Eigentumswohnungen kaufen können. Ich bin da eine Ausnahme in der Szene so um mich herum. Da gibt es viele, bei denen kommt dann doch irgendwann das Geld, etwa durch Erbschaft, und man investiert in die Baugenossenschaft. Deshalb wollte ich dieses Künstlerthema nicht. Und in meinem Cast ist das natürlich auch nicht so.

Der Chor in Ihrem Musical wird von Aktivistinnen Berliner Mieterinitiativen gebildet.
Rösinger: Ja, aber sie singen nicht nur. Sie sind es ja, die mich für den Job qualifizieren! Ich habe mich fast ein Jahr lang vorbereitet und mich oft mit ihnen getroffen. Das sind alles Spezialistinnen. Sie kommen von Initiativen wie „Bizim Kiez“, von anderen Initiativen, auch von einzelnen Häusern hier in der Nähe, der Sanderstraße zum Beispiel. Aus ihren Geschichten und Erfahrungen sind dann ­direkt Songs geworden, manchmal sogar wortwörtlich.

Margarita Tsomou, 42, Kuratorin und Mitgründerin des „Missy Magazine“ – Foto: Privat

Tsomou: Als Kunstort ist es unsere Aufgabe, die kulturelle Produktion zu fördern, die über die politische Sprache hinausgeht und dieser zivilgesellschaftlichen Bewegung künstlerische Ausdrucksformen verleihen. Das macht Christiane mit dem Musi­cal, das alles noch einmal auf den Punkt bringt, wo man mitsingen kann. Das werden wie der Song „Mieterinnen stressen zurück“ jetzt vielleicht neue Hymnen, die können wir auf den Demos singen.

Gibt es auch eine Rahmenhandlung?

Rösinger: Ja, klar. Es ist ein Berlin-Musical, das vor allem zwischen Schlesischem und Halleschem Tor spielt, die Karl-Marx-Allee und die Palisadenstraße kommen auch vor. Den Protagonisten droht die Modernisierung oder Eigenbedarf. Oder das Haus wird verkauft. Das sind alles Bedrohungsszenarien, denen gemeinsam ist: Die Mieterin, der Mieter stört. Sie müssen raus, damit zu viel höheren Preisen neu vermietet werden kann. Das Kernproblem dabei ist ja die sogenannte Ertragslücke. Wenn eine Wohnung zum Beispiel vier Euro pro Quadratmeter kostet, weil sie noch Ofenheizung hat und der Mietvertrag sehr alt ist, sieht jeder: In so einer Lage, da kann man auch 13 oder 15 Euro verlangen. Diese Spanne stellt die Ertragslücke dar. Und da wird es interessant für Investoren.

Braucht Berlin jetzt eine neue Haus­­be­setzer*­­innenbewegung?

Rösinger: Besetzen ist stets ein Mittel. Es gibt immer noch Leerstand. Ich habe mir von den Aktivistinnen sagen lassen, dass man heute nur anders besetzt, strategischer. Man lässt sich nicht mehr zusammenschlagen und von der Polizei raustragen. Bei meinem Chor habe ich auch festgestellt, dass die Leute meist älter sind, 45 plus. Die Hausbesetzer in den 1970er- bis 1990er-Jahren waren meist jünger. Im Chor sind auch drei Frauen dabei, die schon 1981 Häuser besetzt haben. Die haben damit ja unser Viertel überhaupt erst gerettet. Sonst wäre da ein Autobahnkreuz gebaut worden. Und die Leute, die das damals verhindert haben und Häuser besetzt haben, die sind jetzt bedroht. Der Mehrwert, den sie mitgeschaffen haben, den Mythos Kreuz­berg, den schöpfen jetzt Investoren ab.

Indie-Pop-Musikerin und Autorin Christiane Rösinger (Mi. mit Schild) schrieb das Mietermusical „Stadt unter Einfluss“ – Foto: Dorothea Tuch

Gibt es im Musical auch so einen Moment von „Organisiert euch!“?

Rösinger: Natürlich, das ist ja die Spannungskurve. Kreuzberg ist noch der Sonderfall, weil hier gerade viele Häuser aus der Mietbindung herausfallen. Wir singen, wie die Leute Probleme haben, verzagen und mutlos sind. Doch dann schließen wir uns zusammen. Und weil es ein Musical ist, hat es ein sehr gutes, märchenhaftes Ende. Ergebnis ist eine Stadt, in der keiner mehr Angst haben muss, dass er rausgeschmissen wird. Die alte Forderung einer Stadt für alle.

Frau Tsoumou, so märchenhaft schön ist doch die Realität derzeit nicht. Kann da das Diskursprogramm überhaupt mithalten?

Tsomou: Ich finde, es gibt schon Grund für Optimismus. Es hat sich eine ganze Menge bewegt. Die Mieterinneninitiativen haben die Politik vor sich her getrieben. Ohne sie würde man gar nicht über den Mieten­deckel oder über Rekommunalisierungen diskutieren. Aber wir wollen beim Festival auch über das Thema Wohnen hinausgehen und mit Künstlerinnen wie Hans-­Werner Kroesinger, Nuray Demir, Ina Wudtke, Derya Yıldırım und dem Peng! Collective, mit Initiativen und dem Publikum danach fragen: Wie wollen wir eigentlich leben?

Welche Ansätze gibt es da bereits?

Tsomou: Stadt von Unten, die auch bei der Entwicklung des Modellprojektes Dragoner-Areal aktiv sind, fordern eine Mitbestimmung der Stadtgesellschaft, um über die Entwicklung, Nutzung und Verwaltung von Boden zu entscheiden. Dann gibt es Initiativen wie das Netzwerk kommunal & selbstverwaltet Wohnen, die zum Beispiel mittels Mieterinnenräte ein selbstverwaltetes Zusammenleben fordern. Andere Gruppen wie etwa Kotti & Co fordern eine generell größere gesellschaftliche Teilhabe der Nachbarschaft im Kiez. In unserem Format „Wunschkonzert“ adressieren Expert*innen wie die Architektin Ilka Ruby und der niederländische Stadtplaner Martin Aarts dann auch konkrete Modelle zu einem neuen Bauen und einer neuen Verkehrsplanung. Reale Utopien.

Der Titel des Festivals lautet aber „Berlin bleibt!“. Das klingt eher konservativ, also bewahrend, oder?

Tsomou: Ja, es geht aber auch auf die Bewegung zurück, auf die Initiativen gegen Verdrängung wie „Lause bleibt!“ oder „Potse bleibt!“. Und es scheint natürlich total absurd, dass wir als Leute, die gesellschaftliche Veränderung wollen, das als Kampf-Slogan haben. Aber das haben wir extra gemacht, um zu sagen: Bleiben ist in dem Fall eben wichtig, weil es gegen Verdrängung geht.

Rösinger: Wir haben darüber auch einen Song gemacht. Früher wollten wir noch besser wohnen, schöner wohnen. Jetzt wollen wir nur noch bleiben. Das ist die neue Bescheidenheit: bitte, wenigstens bleiben.

Tsoumou: Aber genau deswegen ist es wichtig, auch über die Zukunft zu reden. Und uns geht es nicht nur darum, alles zu konservieren. Sondern auch darüber nachzudenken, was neue Verkehrskonzepte sind. Und was, verdammt, auch ein Umdenken bewirken kann, damit eben anders gebaut wird, und damit Verdrängung nicht länger ein Geschäftsmodell zur Erlangung hoher Renditen ist

„Den Bedrohungsszenarien ist gemeinsam: Der Mieterin, der Mieter stört“, Christiane Rösinger – Foto: Jürgen Fehrmann

„Berlin bleibt! – Stadt, Kunst, Zukunft“, 26.9.–5.10., HAU 1–3 & ehem. Postfiliale, Hallesches Ufer 60, Kreuzberg. Eintritt je nach Veranstaltung frei oder 8–22, erm. 5–10 €
www.hebbel-am-ufer.de/berlin-bleibt