Jubiläum

Festival „Digital in Berlin“

Seit zehn Jahren sucht die Reihe „Digital in Berlin“ nach spannenden Augenblicken an den Schnittstellen zwischen Konzert und Club, zwischen handgemachter und elektronischer Musik. Der runde Geburtstag wird nun mit einem zweitägigen Festival in der Homebase, der Musikbrauerei, gefeiert

Foto: Peter Gannushkin

Die Fähigkeit, zu schwimmen, ist für Musikliebhaber*innen unverzichtbar, in Berlin fast überlebensnotwendig bei der Ausschau nach Inseln für die eigenen Vorlieben, die in einem unüberschaubaren Meer aus Angeboten treiben.

Wer sich im Datenstrom nicht nur über Wasser halten, sondern darin elegante Bahnen ziehen möchte, braucht eine unabhängige Schaltstelle, die frei ist von persönlichen Befindlichkeiten und der algorithmischen Generierung von Mehrwert. Seit nunmehr einer Dekade gibt es „Digital in Berlin“ als Plattform für die Darstellung von Berlins Musikszenen und der vielen internationalen Gäste. Jenseits von Schubladen hilft „Digital in Berlin“ mit Konzerthinweisen und Interviews, als Medienpartner und Veranstalter das Chaos zu ordnen.

Das Jubiläum wird nun gefeiert mit dem Festival „10 Years in Sound“ in der Musikbrauerei in der Greifswalder Straße. Michael Rosen, Gründer von Digital in Berlin, erzählt von den Anfängen: „Mich hat schon vor zehn Jahren gestört, dass ich das Gefühl hatte, mir als Besucher geben Veranstalter keinen Raum und keine Zeit zum Verweilen. Und es gab noch keine Plattform, die die Szene unabhängig von Genres dargestellt hat.“

Kollateralprodukt dieser Unabhängigkeit ist eine recht beispiellose Offenheit, die dazu geführt hat, dass „Digital in Berlin“ sehr oft für Berlin typische Schnittstellen zwischen Konzert und Club, zwischen handgemachter und elektronischer, zwischen avantgardistischer und kommerziell vielversprechender Musik gesucht und gefunden hat.

Inzwischen betreibt Rosen die digitale Plattform mit sieben freien Mitarbeitern, seit 2015 veranstaltet er sechsmal im Jahr den Kiezsalon in der Musikbrauerei. Der hatte einen Vorläufer, den Musiksalon in einem Frisörsalon am Mauerpark. „Danach wollte ich in Prenzlauer Berg bleiben. Als ich nach Berlin kam, gab es im Bezirk noch 25 Konzertorte, vor zehn Jahren nur noch zwei. Prenzlauer Berg steht für die Gentrifizierung in Berlin, aber hier hat sich auch ganz viel entwickelt. Mir sagten viele, eine neue Veranstaltung, mit einem mutigen Programm an einem Ort, den keiner kennt, würde nicht funktionieren.“

Die Skeptiker behielten Unrecht. Allerdings beschweren sich regelmäßig Nachbarn über Lärm, und zwar nicht die Zugezogenen aus den Neubauten, sondern die aus den angrenzenden Plattenbauten. Die Lärmschutzmaßnahmen waren kostspielig und sind nun auf dem neuesten Stand. Die Musikbrauerei ist übrigens barrierefrei zugänglich, ein Vorteil gegenüber Clubs, die solche Anforderungen konsequent ignorieren.

Rosen begreift den Kiezsalon als eine Mischung aus Konzert- und Clubabend, also als einen Ort, wie er gerade in der Party-Hauptstadt Berlin nötig war und ist: „Es ist bewusst keine Nachtveranstaltung und keine elitäre Reihe für Kenner. Die Line-Ups sind divers, Kontraste sind sehr wichtig für mich. Deshalb ist das Programm für viele Leute attraktiv, die sonst nicht unbedingt in Berührung mit dieser oder jener Musik kommen.“ Ein Seit 2016 wird der Kiezsalon von der Musicboard Berlin GmbH gefördert. Im April zum Beispiel waren elektronische Japonica-Flächen von Sugai Ken und entrückte Hippie-Songs der 70-jährigen Space Lady zu hören, im Juni das Rockmusiktrio E von Thalia Zedek aus Boston und die 81-jährige Pionierin elektroakustischer Musik, Beatriz Ferreyra aus Frankreich. 2015 präsentierte Rosen die Saxofonistin und Komponistin Matana Roberts, die ein Jahr später beim Jazzfest auftrat und 2017 im HKW, 2019 wird sie als Stipendiatin des DAAD länger die Hauptstadt beehren. Will sagen, Rosen hat ein untrügliches Gespür für spannende Künstler*innen quer durch alle Spielarten und programmiert gerne Berlin-Premieren.

So auch zum Festival, das auch dank Förderung aus Bundesmitteln des Musikfonds e.V. mit zehn Acts an zwei Tagen realisiert werden kann: die englische Geigerin und Flötistin Laura Cannell experimentiert mit Motiven mittelalterlicher Musik, Improvisation und erweiterten Spieltechniken, die US-Amerikanerin Clarice Jensen zerlegt ihr Cello in viele Tonspuren und verschmilzt diese mit Tape-Loops und Effekten zu orchestralen Klangarchitekturen. Der im Iran geborene Londoner Ash Koosha ist Multi-Instrumentalist, Synästhetiker, Produzent und Multimedia-Künstler. Sein Erfindungsgeist im Zerlegen, Verflüssigen und Schichten kleinster Klangpartikel zu hochartifiziellen Gebilden scheint unbegrenzt, seine Stücke gleichen vieldimensionalen Mosaiken, die verstören und zugleich in ihren Bann ziehen. Das ist die Krönung für ein Festival, das der digitalen Sphäre mit Konzerten huldigt.

FRANZISKA BUHRE

Fr 10. + Sa 11.8., 20.30 Uhr, Musikbrauerei, Greifswalder Str 23a, Prenzlauer Berg, VVK 15 € pro Tag zzgl. Gebühren; ZITTY verlost 3×2 Tagestickets: http://zitty.de/gewinnspiele