FESTIVAL

Let me therapy you

Die Sophiensaele widmen sich im Festival „Save Your Soul“ dem Thema Theater und Therapie. Dabei wird das Publikum mitunter besonders herausgefordert

Hardcore-Therapeutin: Ann Liv Young in „Good Sherry“ – Foto: Promo

Text: Friedhelm Teicke

Wer sich in Ironie flüchtet oder lügt, hat schon verloren. Sherry vergibt nichts. Wenn die amerikanische Performerin Ann Liv Young in die Rolle der Südstaaten-­Schlampe Sherry schlüpft, ist sie gnadenlos. Sherry kann vulgär ausfallend werden, aber auch zuckersüß sein. Sie greift sich Zuschauer aus dem Publikum, befragt sie zu intimen Details, sucht die Konfronta­tion. „Wie oft masturbierst Du?“, „Wie viel Geld hast Du auf Deinem Konto?“, „Was vermisst Du in Deinem Leben?“ – wer sich in Ausflüchte zu retten versucht, wird nur noch härter ran genommen.

Mit einer Mischung aus Lust an der inquisitorischen Interak­tion und Angst, selbst herausgepickt zu werden, verfolgt der Beobachter die insistierende Endlosbefragung. Wenn Sherry unnachgiebig den Wünschen und Phobien ihres Publikums auf den Grund geht, ist sie eine Art Therapeutin, also doch irgendwie hilfreich und gut, wenn auch ­etwas derb – daher passt sie natürlich hervorragend auf ein Festival, das sich therapeutischen Prozessen im Theater widmet.

Kuratiert hat „Save Your Soul“ die Dramaturgin und Thea­terwissenschaftlerin Joy Kristin Kalu, die zum Thema Theater und Therapie forscht. „Ich habe festgestellt, dass in den letzten zehn Jahren die Therapie immer thea­traler wird, vor allem in den USA, aber auch in Deutschland – und sich gleichzeitig Formate des experimentellen Theaters immer stärker der Therapie zuwenden“, erzählt sie.

Die nun versammelten Arbeiten reichen von intimen 1-zu-1-Performances bis zu größeren Bühnen­formaten, bei denen das Publikum zwar nicht direkt eingebunden wird, aber die Emotionen und Affekte es doch erreichen, wie bei „Mothers of Steel“, worin die Performerinnen Agata Siniarska und Madalina Dan permanent weinen (16.+17.11.).

Autoethnografische Reise: Jaamil Olawale Kosoko in „Séancers“ – Foto: Leni Olafson

Das Eröffnungsprogramm „Séancers“ von Jaamil Olawale Kosoko zeigt eine Art Selbstheilungsritual, eine spirituelle Sitzung über Verlust, Abschied nehmen und Rassismuserfahrungen (9.+10.11.). Die Stand-up-Performerin Demi Nandhra arbeitet mit viel Humor an der Analyse ihrer eigenen Depression („Life is no Laughing Matter“, 15.+16.11.).

Die Gruppen Inter­robang, Ontroerend Goed und The ­Agency setzen sich in Performances für ein bis drei Zuschauer kritisch mit dem Glücks­postulat des gegenwärtigen Kapitalismus auseinander, wo menschliche Nähe zur Dienstleistung wird oder Coaching-Verfahren zur Selbstoptimierung den hyper-funktionalen Menschen propagieren. Dazu gibt es Vorträge zum Thema von der New Yorker Dramatherapeutin Nisha Saj­nani (10.11.) und der Kultursoziologin Eva Illouz (13.11.).

„Obwohl wir in den Sophiensaelen ein Pub­likum haben, das in partizipativen Formaten ein bisschen geübt ist, ist es mir wichtig, dass wir nicht soweit gehen, völlig verstörte Zuschauer zu haben, sondern dass es eher ein lustvoller Umgang damit ist“, sagt Kalu. Und so wird es etwa bei Ann Liv Youngs konfrontativer „Good Sherry“ (9.+10.11.) einen „inne­ren Kreis“ mit Zuschauern geben, die zuvor durch einen Workshop mit Young einigermaßen vorbereitet sind. Der „normale“ Zuschauer sitzt also einigermaßen sicher dahinter. Aber: Young lässt es sich offen, auch außerhalb dieses inneren Kreises zu interagieren. 

9.–17.11., Sophiensaele, Sophienstr. 18, Mitte.Eintritt 15, erm. 10 €, Vorträge: Eintritt frei. www.sophiensaele.com