Umsonst und draußen

Fête de la Musique 2018

Die besten Tage im Jahr für Freiluftmusikfetischisten sind freilich, mehr denn je, die der Fête de la Musique am 20. und 21. Juni. Die Fête ist aber auch deshalb so toll, weil Berlin das ganze Jahr über Musik draußen zelebriert und kultiviert.  Wo gibt’s das Beste auf die Ohren? Wir haben dem Sound der Stadt gelauscht – und entschieden

Es ist Juni, die Berliner Freiluftsaison ist in vollem Schwung. Das bedeutet auch: Vor Bahnhöfen und Einkaufszentren, in Parks und auf Märkten buhlen besonders viele Musikerinnen und Musiker um ein Publikum – oder zeitweilige Bandpartner. Die einen wollen Geld verdienen, die anderen vor allem jammen oder Spaß haben. Wir haben den beliebtesten musikalischen Hotspots unter freiem Himmel ­einen Besuch abgestattet und daraus ­unsere gerankte Playlist gebastelt.

1. Mauerpark

Mauerpark
Fête de la Musiqe im Mauerpark. Kaum zu unterscheiden vom Normalbetrieb
Foto: Nina Töllner

Der Sonntag im Mauerpark bleibt als Open-Air-Bühne Berlins unschlagbar: Auf dem Bürgersteig bearbeitet ein Percussionist sein Schlagzeug aus Eimern und Töpfen. Kurz hinterm Parkeingang veranstaltet eine ­generationsübergreifende Samba-­Truppe ihren eigenen Karneval der Kulturen, ­etwas weiter spielt ein Duo mit E-Piano und Schlagzeug dramatische Pop-Rock-Nummern. Während auf dem Gras ein paar Druffis zum Techno aus ihrem Soundsystem umhertapsen, bemüht sich am Wegesrand ein beatboxender Israeli mit Saxofon-Didgeridoo um Publikums-Animation.

Aus Kühlboxen werden Getränke verkauft, es gibt Essenstände und Toiletten. Und wer spontan seine eigene Musikalität unter ­Beweis stellen will, findet bei der Bearpit ­Karaoke im Amphitheater ein empathisches Publikum. Abwechslung, gute Stimmung, Komfort – hier ist alles vorhanden!


2. Museumsinsel

Museumsinsel
Auf der Museumsinsel geht es weitaus gediegener zu…
Foto: Nina Töllner

Wie es das Ambiente verlangt, geht es im Dreieck aus Friedrichsbrücke, Lustgarten und Altem Museum etwas gediegener zu. Nicht, dass hier nur Virtuosen am Werk ­wären. Aber zwischen Säulengang, Dom und Kulturtouristen kommt niemand auf die Idee, Krach zu schlagen. Stattdessen werden klassische Musik, Jazz-Standards, Bossa­nova oder auch Indie-Cover auf der Akustikgitarre dargeboten. Lächelnde Touristen schlendern mit Smartphone im Anschlag vorbei oder lassen sich nieder, um eine Sightseeing-Pause einzulegen und das Zusammenspiel aus Musik und historischer Kulisse zu genießen.
Verpflegung muss selber mitgebracht werden, aber gerade an lauen Abenden kommt geradezu mediterrane Romantik auf.


3. Warschauer Straße/Oberbaumbrücke

Die belebteste Musikmeile der Stadt am U-Bahnhof Warschauer Straße
Foto: Nina Töllner

Der knappe Kilometer zwischen Revaler Straße und Oberbaumstraße ist die längste und belebteste Musikmeile der Stadt. Freitag- und Samstagabend kann sich auf der Oberbaumbrücke schon mal ein spontaner ­Mini-Rave entspinnen. Mit dem Späti-Bier in der Hand zieht das Partyvolk vorbei an Krautrock-Jams und Cover-Sessions bis zum Electro-Hip-Hop vor der U-Bahn­station. Gerade auf der Warschauer Brücke kann das Gedränge schnell nerven und auch die Stimmung kippt leicht ins Krawallige. Dann wieder hängen sich Touristen und Straßenmusiker in den Armen und singen gemeinsam „Wonderwall“. So geht Völkerverständigung.


4. Boxhagener Platz

An schönen Samstagen und Sonntagen herrscht nicht nur an den Ständen des ­Wochen- und Flohmarkts Hochbetrieb, auch Rasen und Sitzbänke sind voll ­besetzt. Und oft erklingt dazwischen ­Live-Musik: schriller Synthie-Punk, eingängiger ­Country, sanfte Hang-Klänge. Die Qualität ist meist hoch, das Publikum entspannt und dankbar, das Essen gut. Und vielleicht lässt sich zwischendurch noch ein Schnäppchen erboxen.


5. Alexanderplatz

Er ist eine graue Kommerzwüste und weckt Assoziationen zu Rostbratwurst und Pan­flöten. Musikalisch ist der Alex allerdings besser als sein Ruf: Tagsüber trifft man ­zwischen Galeria Kaufhof und der Verkehs­insel vorm Alexa talentierte Cover-Künstler und beeindruckende Schrottschlagzeuger, Funk-Combos und Mittelalter-Kapellen. ­Lokale Alkis tanzen, Touris mit Primark-­Tüten filmen und selbst mancher Berliner wird aus seinem Shopping-Trott gerissen und vergisst für einen Moment die triste Umgebung.


Auch schön:

Schlesisches Tor

Während die Leute zu beiden Seiten der Skalitzer Straße vor Spätkauf und Imbiss hocken und die U-Bahn feierfreudige Menschen ausspuckt, ertönen aus dem Eingangsbereich der U-Bahn Gitarrenmusik oder ­Electro-Experimente.

Maybachufer

Oft sind es Vertreter der Dreadlock-Fraktion, die dienstags und freitags das östliche Ende des Wochenmarktes beschallen – mal schön, mal schräg, immer eingebettet in buntes Treiben und grüne Kulisse des Landwehrkanals.

Admiralbrücke

Dank schöner Lage und praktischer Sitzgelegenheiten bleibt die Kreuzberger Brücke im Sommer ein beliebter Sammelplatz für Biertrinker, Gitarrenspieler und Trommler.

Eberswalder Straße/Schönhauser Allee

Die Singer/Songwriter und Gitarristen, die sich vor dem U-Bahnhof Eberswalder Straße und den Schönhauser Allee Arcaden postieren, verdienen durchaus Publikum. Wenn nur der Verkehr nicht so laut wäre!

Breitscheidplatz/Tauenzienstraße

Straßenmusik der alten Schule: Dudelsackmelodien an der Gedächtniskirche, „Wind of Change“ neben dem KaDeWe, Conga-­Getrommel vorm U-Bahnhof Wittenbergplatz. Hörbar, doch die Lust zum Verweilen hält sich hier in Grenzen.


Fête de la Musique am 20. und 21. Juni

Was haben Beethoven, Schiller, John Lennon und Oasis ­miteinander am Hut? Keine Sorge, das ist ­keine Scherzfrage und auch nicht ­Germany’s Next Treppenwitz. Sie ­haben jedenfalls alle ganz schöne Gassenhauer rausgehauen: „Ode an die Freude“, „Imagine“ sowie „Don’t Look Back In Anger“. Lieder voller Weltbesserungsvisionen, die selbst den Griesgrämigsten untern den Miesmachern hoffentlich ein bisschen Optimismus aufs Marmeladenbrot schmieren. Deshalb werden sie am 21. Juni um 19 Uhr beim Singalong zu hören sein, auf Bühnen der Fête, aber auch an U-Bahnhöfen und anderen berlinischen Orten – alle sind eingeladen mitzusingen.

Die Fête de la Musique gibt’s in Berlin seit 1995, doch zum ersten Mal hat sie eine solide öffentliche Finanzierung – nachdem es letztes Jahr kurzfristig schon so aussah, dass sie vielleicht nie wieder stattfindet, wegen krasser Kosten durch die GEMA. Ein Jammer wäre das gewesen! Die Fête, 1982 in Paris erfunden, ist fast so wichtig wie Käse und Rotwein zusammen. Dieses Jahr mit dem neuen Kurator Björn Döring gibt’s also erstmals besagten Singalong. Und einen zweiten Jour de Fête, am Vorabend: Am 20. Juni von 18 bis 23 Uhr spielt im Theater an der Parkaue etwa das Orchesterprojekt „Bridges – ­Musik verbindet“. Überhaupt ist diesmal in Lichtenberg besonders viel los ­unter all den hundert Fête-Bühnen, an denen Berlin die Musik umarmt, frei von Kommerz. Horizonterweiterung, die keinen Halt am S-Bahnring macht. Berlin, ein Fest der Klänge.  SH

Verschiedene Orte, Mi 20.6. + Do 21.6., Details auf www.fetedelamusique.de/events

Alle Veranstaltungen rund um die Fete auf zitty