Bühne

Shooting-Stars und Legenden

Das Festival F.I.N.D. präsentiert eine große Bandbreite politischer Themen in internationalen Gastspielen und einer Uraufführung

Text: Tom Mustroph

Mit Alpha-Tieren und Mustermigranten, Transsexuellen und Transhumanen wartet in diesem Jahr das Festival Internationale Neue Dramatik, kurz F.I.N.D., an der Schaubühne auf. Legenden und Stars der Performanceszene wie noch zu entdeckende neue Positionen der internationalen Thea­terlandschaft zeigt das von ­Intendant Thomas Ostermeier und dem Chefdramaturgen Florian Borchmeyer kuratierte Programm. Es ist eine sehr politische Ausgabe.

„The Town Hall Affair“ von The Wooster Group, New York – Foto: Steve Gunther

Aus New York kommt die legendäre Wooster Group (allerdings ohne ihr bekanntestes Mitglied, den Hollywood-Star ­Willem Dafoe) mit einer ganz speziellen Form von Dokumen­tartheater. In „The Town Hall Affair“ wird eine prominent besetzte Dis­kussion um Gleichberechtigung und Feminismus im New Yorker Rathaus aus dem Jahre 1971 durch sieben Performerinnen „gechannelt“, der Film „Town Bloody Hall“ von Chris Hegedus und D.A. Pennebaker dokumentierte diese Diskussion.

Beim „Channelling“, ­Methode Wooster Group, bekommen die Performer die Originalreden ihrer Charaktere aufs Ohr und sprechen sie in Echtzeit, während das Publikum die auf die Rücken der Darsteller projizierten Filmaufnahmen betrachten kann. Dabei kommt es Liz LeCompte, Regisseurin und Mitbegründerin der Gruppe, darauf an, dass die Performerinnen das, was sie für den prägnantesten Ausdruck und die spezifische Haltung ihrer Charaktere halten, noch verstärken und vergrößern.

Gechannelt werden unter anderem das literarische Alpha-Tier Norman Mailer, die feministische Theoretikerin Germaine Greer und die LGBT-Aktivistin Jill Johnston. Legendär wurde Mailers Schlagabtausch mit Greer. LeCompte selbst, damals schon in New York, aber nicht bei dem Event anwesend – „Es war mir zu sehr eine Upper West Side-Veranstaltung des liberalen Bürgertums“, teilt sie spöttisch mit – ist rückblickend vor allem der Auftritt von Johns­ton wichtig. Sie intervenierte in der Art des Guerrilla Theaters mit einem politischen Poem, konnte es nach Protesten im Saal aber nicht beenden. „Wir vollenden nun ihren Traum und lassen sie umfassend zu Wort kommen“, verspricht LeCompte. Ein Reiz von „The Town Hall Affair“ (11.– 14.4., auf Englisch mit deutschen Übertiteln) besteht sicher darin, die Art und Weise, wie Emanzipation in den 1970er-Jahren gedacht, erträumt und ausagiert wurde, mit der Gegenwart zu vergleichen.

Eröffnet wird F.I.N.D. aber mit einer ganz anderen Art von Dokumentartheater. Als eine „dokumentarische Choreografie“ charakterisiert Sanja Mitrovic ihre Uraufführung „Danke Deutschland – Càm on nuóc Đúc“ (4.–6.4.). Darin beschreibt die im heutigen Serbien geborene, seit Jahren in Brüssel lebende, nun aber mit gleich zwei Produktionen in Berlin präsente Schauspielerin und Regisseurin (das HAU zeigte kürzlich ihre Produktion „I Am Not Ashamed of My Communist Past“) die unterschiedlichen Migrationsgeschichten von Vietnamesen in der alten Bundesrepublik und der DDR. ­

Beide Gruppen gelten als „Mustermigranten“ – fleißig, nicht unbedingt inte­griert, aber unauffällig. Die einen kamen als Flüchtlinge vor dem Kommunismus in die Bundesrepublik, die anderen wurden als Vertragsarbeiter vom sozialistischen „Bruderland“ in die DDR geschickt. Vertreter aus beiden Gruppen stehen jetzt auf der Bühne und beleuchten aus ihrer Sicht, was klappte und was schmerzhaft war beim Ankommen in Deutschland.

Jemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten; „Amarillo“ von Teatro Línea de Sombra aus Mexiko-Stadt – Foto: Sophie García

Auch andere Stücke des Festivals behandeln politische Themen. „Amarillo“ vom mexikanischen Theaterkollektiv Teatro ­Línea de Sombra gewinnt aus Berichten von Migranten ein dichtes Bild von den Zuständen an der mexi­kanisch-amerikanischen Grenze (12. – 14.4., auf Spanisch mit Übertiteln). „TRANS (Més Enllà)“ des katalanischen Regisseurs Didier Ruiz taucht in das Leben von Transsexuellen ein. „Post Humains“ von Dominique Leclerc aus Montréal hingegen stellt eine transhumanistische Welt dar, die von Cyborgs, technologisch erweiterten Ex-Menschen, bevölkert wird. (beide 9.+10.4.).

4. – 14.4., Schaubühne am Lehniner Platz, ­Wil­mersdorf, Eintritt 7–41 €
www.schaubuehne.de