LEIDER WEGEN CORONA ABGESAGT

A wie Artaud

Zwischen Gegenkulturen und Untergangsfantasien: Das Festival Internationale Neue Dramatik (FIND) zeigt ­im 20. Jahr Autorentheater aus aller Welt

Angélica Liddell performt in „The Scatlett Letter“ inmitten ­von pudelnackten Turnern – Foto: Bruno Simao

Text: Friedhelm Teicke

Die spanische Performerin Angélica Liddell ist mit ihren wild wütenden Inszenierungen seit Jahren Stammgast beim Festival Internationale Neue Dramatik (FIND), das sich in den 20 Jahren seines Bestehens zum ­wichtigsten Berliner Schaufenster in die internationale Thea­terwelt entwickelt hat. Denn nachdem die Berliner Festspiele 2017 ihr großes Gastspiel-Festival „Foreign Affairs“ gegen die interdisziplinäre Reihe „Immersion“ ausgetauscht haben, ist die Schaubühne mit dem FIND die einzige ­Institution in Berlin, die regelmäßig Arbeiten von internationalen Autoren-Theatermachern und deren Compagnien in einem Festivalrahmen präsentiert. Neun Produktionen aus acht Ländern und drei Kontinenten sind im Jubiläumsjahr eingeladen.

Vornehmlich düster wird es mit Stammgast Angélica Liddell. Die „Hohepriesterin des Schmerzes“ („FR“) erklärt in „The Scarlett Letter“ („Der scharlachrote Buchstabe“) Künstler und Intellektuelle zu Aussätzigen. In dem zugrundeliegenden Roman von Nathaniel Hawthorne wird die Ehebrecherin Hester mit einem A gebrandmarkt. Auch Liddell trägt ein solches A auf dem Kleid. A wie Angélica, wie Artist, wie Antonin Artaud: ein Porträt des Erfinders des Theater der Grausamkeit hängt am Ende über der Bühne.

Existenziell ist das Theater auch für den russi­schen Theatermacher Kirill Serebrennikov. Nachdem ihm sein gesellschaftskritischer Ansatz und seine auch Homoerotik thematisierenden Inszenierungen einen eineinhalbjährigen Hausarrest eingebracht haben, inszenierte er aus dem Hausarrest heraus mittels Arbeitsvideos für sein Team weiter. Das Ergebnis „Outside“, worin er ­Leben und Tod des chinesischen Fotografen Ren Hang aufgreift, wurde vergangenes Jahr beim Festival d‘Avignon uraufgeführt und zeigt nun das FIND: Ren Hang fiel durch seine humorvollen Aktdarstellungen auf und gehörte selbst zur queeren Szene in Peking. ­Serebrennikov zeigt sowohl die Kraft der Selbstbefreiung als auch die ­Fesseln der Repression.

Körperbilder-Revue: „Outside“von Kirill Serebrennikov – Foto: Sopanat Somkhanngoen

Ins Repertoire kommen wird ­die hauseigene Produktion, Marius von Mayenburgs Uraufführung „Affen“. Darin wird die Evolution zurückgedreht, der Protagonist Rupp entwickelt sich vom Menschen zum Affen zurück, gewissermaßen ein umgedrehter Werde­gang zu Franz Kafkas Affen Rotpeter aus dem „Bericht für eine Akademie“.

Einen Weg in umgekehrter Richtung unternimmt auch die Schwarze britische Performerin Selina Thompson in „salt“. Als Passagierin an Bord eines kommerziellen Containerschiffs fährt sie die Route der Schiffe nach, die ihre Vorfahren aus Ghana nach Jamaika und von dort nach Großbritannien deportierten. Sie beobachtet, wie die damaligen Strukturen bis ins Heute weiterwirken.

Selina Thompson in „salt“ – Foto: Northern Stage

Ein weiteres Highlight dürfte Thomas Ostermeiers neue Zusammenarbeit mit dem französischen Schriftsteller Édouard Louis werden, die als Try Out auf dem Festival vorgestellt wird. Nachdem Ostermeier vor zwei Jahren bereits Louis’ autobiografischen Roman „Im Herzen der Gewalt“ in einer eigenen Bühnenfassung inszeniert hatte, tritt der Autor in „Qui a tué mon père?“ („Wer hat meinen Vater umgebracht?“) erstmals selbst auf der Bühne auf. Denn wieder ist die Vorlage autobiografisch, beschreibt ein durch den hilflosen Machismus des Vaters beherrschtes Familienleben in einem Provinzdorf. Laut Louis‘ bitterer Anklage an den Staat gehörte der Vater zu „jener Kategorie von Menschen, für die die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen“ hatte.

Ein Panorama der künstlerischen Gegen­kultur Bangkoks entfaltet die thailändisch-japanische Arbeit „Pratthana — A Portrait of Possession“. Auch die kanadisch-amerikanische Spoken Word-Performance „This Is How We Die“ (16.–18.3.) hat Counter-Culture-Appeal. Vorlage geben hier die ­Beat-Poeten. Und mit Milo Raus ethnologischer Studie zur „Familie“ aus Gent kommt nach Angélica Liddell ein weiterer Stammgast zum Jubiläumsjahrgang des Festivals, bei dem natürlich auch Podiumsgespräche und Partys nicht fehlen.

11.– 22.3., Schaubühne am Lehniner Platz, Wilmersdorf, Eintritt 7–49, erm. 9 €, www.schaubuehne.de/find2020