Performative Schnitzeljagd

Finding Freddy

Durch Neukölln auf den Spuren ­eines vor 70 Jahren in die USA ausgewanderten Berliners

Alfred „Freddy“ Schorn muss eine besondere Persönlichkeit gewesen sein. 1925 als Sohn einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters geboren wurde er als Schulkind in Neukölln als sogenannter „Halbjude“ im Unterricht benachteiligt. Seine Mutter verlor später ihre Arbeit im – einstmals jüdischen – Kaufhaus Joseph in der Karl-Marx-Straße und wurde ins KZ Theresienstadt gebracht. Freddy holte sie nach dem Krieg in einer abenteuerlichen Aktion aus dem KZ heraus. Dann wurde er Polizist – und spionierte für die Amerikaner im Osten. Als er dort aufflog, spendierten seine Arbeitgeber ihm und seiner Familie die Schiffspassage in die USA. Dort lebte er ein zweites Leben.

Die in Neukölln lebende Sängerin Katia Berg traf Schorn vor einigen Jahren in New York. Aus seinen biografischen Erzählungen gestaltete Heimathafen-Regisseurin Stefanie Aehnelt einen Spaziergang. Er geht zu Wohnungen, in denen Freddy wohnte, zu Schulen, in denen er lernte, über Straßen, auf denen er – vermutlich – Streiche ausübte und in die Kirche , in der er getraut wurde. Mittendrin immer Personen, meist wenige Jahre jünger nur als Freddy, die ihn gesehen haben könnten, die aber vor allem ihre Kindheit und Jugend im gleichen Milieu wie Freddy verbrachten und so die biografische Skizze bereichern.

In der liebevoll angelegten Performance sammelt man an jedem einzelnen Ort Postkarten ein und hat am Ende ein ganzes Schächtelchen Neuköllner Leben in der Hand. Ein Muss für jeden im Kiez zwischen Karl-Marx-Straße und Weserstraße. TOM MUSTROPH

22., 28., 29.10., 17.00 Uhr, Heimathafen Neukölln, (Start: Rollbergstr. 21, Neukölln). Regie: Stefanbie Aerhnelt, u.a. mit Nora Decker, Inge Müller, Cantemir Gheorghiu, Renate Babkuhl, Eintritt 16, erm. 10 € (Anmeldung unter freddy@heimathafen-neukoelln.de)

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