Berlin

Fitness oder Hedonismus? Was tut uns gut?

Gerade in Berlin sieht man die verschiedensten Lebensstile aufeinanderprallen. Während Gesundheitsfanatiker daran arbeiten, kein Gramm Fett am Körper zu haben und sich permanent gesund ernähren, verfolgen andere Leute lieber einen hedonistischen Lebensstil und genießen ihr Dasein in vollen Zügen, ohne sich um die gesundheitlichen Konsequenzen zu scheren. Wir wollen uns einmal den verschiedenen Lifestyles annähern und sehen, welche Wurzeln die jeweiligen Ansätze haben und wodurch sie sich auszeichnen.

Woher kommen die vielen Lifestyles?

Genussmensch oder Fitnessfreak – Nicht immer muss man sich zwischen beiden Lebensstilen entscheiden.
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Der eine schwärmt von saftigem Pulled Pork, für den anderen muss sogar Shampoo und Zahnpasta das Prädikat „vegan“ tragen, wiederum andernorts stehen sich Technikfreaks und Plastikgegner gegenüber. Zu glauben, dass allein unsere globale Medienwelt die aktuelle Vielfalt an Lebensformen möglich macht, ist trügerisch. Denn bereits in der Antike stand etwa die Dekadenz römischer Statthalter dem genügsamen Lebensstil stoischer Philosophen gegenüber. Vegan leben Buddhisten bereits seit Jahrtausenden und auch der Mathematiker Pythagoras ließ seine Schüler sämtlichen Fleischgenüssen abschwören. Trends des Verzichts und der genussorientierten Lebensstile existieren demnach seit Menschengedenken – doch erst heutzutage bietet ihnen das Internet ein weltweites Forum.

Während sich Gleichgesinnte – egal, ob Fitness-Anhänger oder Hedonisten – online einträchtig über Prinzipien, Accessoires und Ziele ihres Lifestyles austauschen können, treffen unterschiedliche Philosophien in den Schmelztiegeln der „realen Welt“, den Großstädten ungebremst aufeinander. Im Job, auf dem Spielplatz und im Supermarkt wird dann schnell deutlich, wer ein Fitnessfreak und wer ein Genussmensch ist und welchen Brennstoff die Konfrontation mit dem jeweils anderen zuweilen bietet.

Intoleranz kann zu einem großen Problem werden

Von Body-Shaming über militanten Veganismus oder Veganer-Bashing bis hin zu Beleidigungen – Intoleranz zwischen den verschiedenen Lebensstilen ist heute leider sehr häufig zu finden. Zwar ist diese bei weitem nicht so gravierend wie die Diskrimminierung von religiösen oder ethnischen Minderheiten, jedoch kann auch sie die Gesellschaft spalten.

Dabei ist die Lösung zumindest in Bezug auf den Lebensstil eigentlich sehr einfach: Jeder soll sein Leben so leben, wie er mag. Es tut dem Hedonisten nicht weh, wenn jemand seine Fitness steigert und umgekehrt ist eine genussorientierte Lebensweise kein Angriff auf Fitnessfreunde. Intoleranz und Diskrimminierung beginnt in diesem Bereich immer dann, wenn die eigene Einstellung als die einzig wahre angesehen wird.

Hedonisten – Genuss zuerst!

Ursprünglich der Name einer philosophischen Strömung, bezeichnet der Begriff Hedonismus heutzutage einen Lebensstil, der vor allem auf die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse bedacht ist. Das hedonistischen Leben rückt dabei die sinnlichen Genüsse wie gutes Essen, Erotik und Ästhetik in den Mittelpunkt seines Strebens. In der modernen Auffassung wird „hedonistisch“ teilweise sogar als abwertender Ausdruck benutzt, um ein Dasein zu charakterisieren, das sich durch Egoismus, Rücksichtslosigkeit und üppiges Schwelgen auszeichnet. Tatsächlich jedoch plädierten die Begründer der hedonistischen Lebensform eher für Begnügsamkeit und eine bescheidene Lebensführung.

Eine kurze Geschichte des Hedonismus

Genuss spielt für viele eine wichtige Rolle im Leben.
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Das Wort Hedonismus stammt vom altgriechischen Begriff hēdon (ἡδονή) für „Lust“, „Vergnügen“ und „sinnliche Begierde“. Moderne Interpretationen irren, wenn sie glauben, dass die antiken Philosophen darunter einen von Lastern und lukullischen Genüssen geprägten Lebensstil verstanden. Vielmehr identifizierte der Hedonismus-Begründer Aristippos von Kyrene im vierten Jahrhundert vor Christus die Lust und den Schmerz als die beiden bestimmenden Prinzipien im menschlichen Leben. Die Lust glich seiner Meinung nach sanften Wellenbewegungen der Seele, während der Schmerz in ihr heftige Stürme verursachte. Zwischen beiden Kräften machte Aristippos einen Zustand völliger Seelenruhe aus – die Ataraxie.

Hedonismus in der Antike: Wähle deine Lustobjekte weise

Aristippos´ Nachfolger Epikur, der noch heute als bedeutenster Vertreter des philosophischen Hedonismus gilt, erhob gerade jenen seelischen Ruhezustand zur höchsten aller Lüste. In seinen Augen gehörten Musik, körperliche Liebe oder die Nahrungsaufnahme zwar zu den sinnlichen Genüssen des Lebens – doch wollten die Lustobjekte klug gewählt sein. Epikur war nämlich der Auffassung, dass dekadente und reichhaltige Speisen nicht nur die Lust anstacheln, sondern auch quälenden Schmerz verursachen, wenn sich der Essende in Lebenssituationen befindet, in denen er keinen Zugriff mehr auf die ersehnten Köstlichkeiten hat. Simple Gerichte wie Brot oder Bohnensuppe erlebt hingegen ein hungriger Magen als beinahe genauso lustbringend. Im Gegensatz zu exaltierten Luxusgütern sind derart bescheidene Befriedigungen in allen Lebensumständen zugänglich.

Damit charakterisiert Epikur den Kern des antiken Hedonismus: Es geht darum, die Lebensumstände zu analysieren und seine Lust klug zu wählen. Ist die Befriedigung zwar sparsam aber stets verfügbar, verursacht sie niemals einen Mangel. Keine Sehnsucht und keine Mangelgefühle zu erleiden, ist wiederum die Basis der höchten Lust, der Seelenruhe.

Vor- und Nachteile des Lebensstils

Manch einer würde sich wünschen, dass sich Hedonisten von heute vom antiken Epikureismus inspirieren ließen – dann hätten sie weniger Stress. Was auf den ersten Blick nämlich ein Schwelgen in dekadenten Genüssen ist, bedeutet auf der anderen Seite großen Leistungsdruck.

Aus folgenden Gründen kann eine hedonistische Lebenshaltung Probleme bereiten:

1.     Wiederholung bedeutet Reizlosigkeit – immer Neues kostet Geld

Hedonisten, die pausenlos nach dem größten Flatscreen, dem malerischsten Urlaubsort und dem saftigsten Steak im Sous-Vide-Verfahren streben, legen sich die Latte für ihr Glück immer höher. Sich wiederholende Reize nutzen sich für sie ab, weshalb sie sich ständig auf der ruhelosen Suche nach neuen Glücksmomenten befinden. Diese wollen im überreichen Angebot nicht nur ausgewählt, sondern auch bezahlt werden. Das Spannungsfeld kann zu mannigfaltigen Problemen führen:

  • Abstumpfung und ein Gefühl der Betäubung
  • Abdriften in eine Art Obsession
  • Verlust für den Blick auf wesentliche emotionale Faktoren
  • Traurigkeit bei der scheiternden ständigen Suche nach Glück

2.     Hedonismus schwächt das Immunsystem

Ein ausschweifender Lebensstil kann auf Dauer die Gesundheit belasten.
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Unter diesem Druck büßen die konsumorientierten Hedonisten ihre Gesundheit ein. Die amerikanischen Glücksforscher Barbara Fredrickson und Steven Cole fanden heraus, dass ein hedonistischer Lebensstil überdurchschnittlich häufig mit einem schwachen Immunsystem einhergeht. Die Lustsuchenden erkranken zudem mit höherer Wahrscheilichkeit an Herz-Kreislauf- und Gefäßerkrankungen. Dabei gehen die Forscher nicht davon aus, dass der erstrebte Lebensstil an sich ungesunde Faktoren wie eine zu fett- oder zuckerreiche Ernnährung aufweist, sondern dass die ständige Unzufriedenheit und die Suche nach dem nächsten Feuerwerk an Glückshormonen den Hedonisten stark unter Stress setzt. Wesentlich bessere Immunwerte wiesen die Forscher hingegen bei Menschen nach, die ihr Glück in nachhaltigem und altruistischen Handeln suchten.

Doch natürlich bietet der Lifestye auch Vorteile:

3.     Vorteile im Zusammenleben

Dabei steckt selbst im Hedonismus des Einzelnen durchaus Potenzial zum gesellschaftlichen Zusammenleben. Die Prinzipien „Lust suchen, Schmerz vermeiden und dabei möglichst Energie sparen“ bilden den vitalen Antrieb einer jeden Lebensform auf unserem Planeten und sind die Basis natürlicher Instinkte. Mit hedonistischer Argumentation schaffen es heutzutage Coaches, Trainer und Psychologen, Menschen zu auf den ersten Blick unangenehmen Handlungen zu motivieren. Wer glaubt, dass am Ende eine Belohnung auf ihn wartet, engagiert sich mit vollem Elan, selbst wenn es erstmal etwas wehtut.

Wohl dosierter Hedonismus kann dabei auch das Team stärken: Wenn jeder weiß, dass er ein Stück vom Kuchen abkriegt, arbeitet es sich gemeinsam doppelt so leicht. Das System bricht erst zusammen, wenn Hedonisten für ihren Lustgewinn andere übervorteilen. Auch hier gilt, was schon Epikur wusste: Das rechte Maß macht´s.

Hedonismus steckt in uns allen – übertreiben tun es jedoch die wenigsten

Das sogenannte Ultimatum-Spiel ist seit 1982 Werkzeug der Wirtschafts- und Verhaltensforschung und offenbart das Ausmaß, in dem Beteiligte zu ihrem eigenen Vorteil agieren. Der Ablauf ist simpel: Einer Person A wird eine beliebige Summe Geld oder andere Güter angeboten mit der Auflage Person B einen selbst bestimmten Anteil abzugeben. Akzeptiert Person B das Angebot, steht der Deal, verweigert sie hingegen die Zustimmung, gehen beide leer aus.

Die Erfahrung aus den Ergebnissen zeigt, dass Angebote von unter 15 Prozent der Ursprungssumme in der Mehrzahl abgelehnt werden. Selbst wenn dies für die entscheidende Testperson einen Vorteil gegenüber Null bedeutet, ist der Unmut über die Ungerechtigkeit größer als das Glück über einen kleinen Gewinn. Angebote um 30 Prozent der Ursprungssumme akzeptieren die meisten Teilnehmer: Wir streben also einen ordentlichen Teil des Gewinns an, akzeptieren aber, dass der Verteiler hedonistisch in Hinblick auf seinen Vorteil handelt und den Löwenanteil einsteckt.

Fitness-Lifestyle – alles für die Optik

Fitness – diese Qualität wird bereits in der Evolutionstheorie Charles Darwins betont. Demnach sichert das „survival of the fittest“, das Überleben des Stärksten, das Fortbestehen einer Spezies. Während die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts mit „fit“ allerdings meinten, wer am besten an die gegebenen Umständen angepasst ist, verstehen wir heutzutage unter Fitness in erster Linie Gesundheit und körperliche Leistungsfähigkeit. Die Fitness-Bewegung umfasst dabei sportliche Aktivitäten genauso wie eine gesunde Ernährung und einen allgemein auf körperliche Gesundheit ausgerichteten Lebensstil.

Woher kommt der Fitness-Hype?

Als moderner Mensch mag man den Eindruck haben, im alten Griechenland hätten nur weltfremde Philosophen gelebt. Doch auch die Wurzel der Fitness-Bewegung liegt in der „Wiege des Abendlandes“. Schließlich begründeten die Griechen der Antike die Olympischen Spiele, lobten die Ästhetik des Körpers als Tugend und verewigten siegreiche Athleten in lebensgroßen Marmorskulpturen. Selbst Denker wie Platon und Aristoteles machten vor ihrem Dozenten-Dasein Karriere als Boxer und Soldat. Ein gesunder Geist konnte, nach damaliger Auffassung, nur in einem gesunden Körper existieren.

Auch in Berlin boomt die Fitnessbranche.
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Nachdem die molligen Rubens-Damen des Barock nicht gerade als sportliche Amazonen auftraten, erlebte das Streben nach einem fitten Körper im 19. Jahrhundert schlagartig seine Renaissance: Während in Deutschland der „Turnvater“ Friedrich Jahn das Volk zur Bewegung aufrief, heizte Bernarr MacFadden die amerikanische Körperkultbewegung an. Sein Motto: Weakness is a crime! Der Verleger gründete die Zeitschrift „Physical Culture“ und propagierte Hanteltraining, Heilfasten und Sex als Ertüchtigungsprogramm. Auch die Urformen heutiger Studiogeräte wie das Rudergerät oder der Ergometer wurden in dieser Zeit erfunden.

Fitness-Boom in den Achtzigerjahren war nicht nachhaltig

Wer heute an die Wurzeln des Fitness-Hypes zurückdenkt, dem kommt vor allem der Boom in den 1980er Jahren in den Sinn. Damals machte Jane Fonda Aerobic populär und Arnold Schwarzenegger avancierte zur Ikone des Bodybuilding. Dass damals nicht allein die Bewegung die Figur formte, belegen späte Doping- und Bulimiegeständnisse der Stars. Heutzutage leben Fitness-Fans zumeist nachhaltiger und denken ganzheitlicher. Zwar ist die Faszination von Bodbuilding ungebrochen, doch nehmen auch Ausdauertraining und Trendsportarten von Tabata-Training bis Pole Dance ihren Platz in Berlins Fitness-Studios ein.

Fitness als modernes Lebensmodell

Darüber hinaus steuern Yoga und asiatische Kampfkünste einen philosophischen Kosmos bei. Schließlich steht heutzutage mehr denn je eine gesunde Ernährung im Zentrum des fitten Lifestyles. Ob Veganismus, Paleo oder Superfood – Fitness-Fans sind stets auf der Suche nach der Ernährungsform, die den Körper optimal versorgt und Krankheiten vorbeugt. Da aktuelle Studien zu Ernährungsthemen und Supplemententierung in Zusammenhang mit Fitness online frei für jeden Interessierten verfügbar sind, sind Werbeversprechen von Nahrungsergänzungsmitteln überprüf- und relativierbar. Gerade, wer sportlich aktiver sein oder Gewicht reduzieren möchte, informiert sich heute umfassend über die Zusammenhänge von speziellen Diäten und den Auswirkungen bestimmter Nahrungsmittel auf den Körper.

Vor- und Nachteile eines fitten Lebens

Die Vorteile eines leistungsfähigen, gesunden Körpers wiegen schwerer, als die Eisen, die man dafür stemmen mus:

  • Gesundheit bis ins hohe Alter: Wer es klug angeht und seine Gelenke nicht überbelastet, zieht ausschließlich körperliche Vorteile aus einem fitten Lebensstil: Weniger Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen – Fitness-Fans leiden in geringerem Maße an den typischen Zivilisationserkrankungen. Auch Augen, Leber und Nieren bleiben bei ihnen durchschnittlich besser funktionstüchtig. Selbst wenn sich ein 20-Jähriger den Luxus, den ein leistungsfähiger Körper im Alter darstellt, noch nicht vergegenwärtigen kann – auch in jungen Jahren ist es angenehmer, lächelnd statt schnaufend in den dritten Stock zu sprinten.

 

  • Körperliche Attraktivität: Für ein attraktives Auftreten muss niemand zum Arnold mutieren – ein Leben mit reichlich Bewegung stärkt die Muskulatur und strafft auf diese Weise Figur und Körperhaltung. Sport kurbelt die Zellkraftwerke an, verteilt Sauerstoff im Organismus und lässt Haut und Haar strahlen. Gerade Frauen, die wegen Hormondisbalancen unter Akne und Haarausfall leiden, können diesen Beautyproblemen mit mehr Fitness effektiv begegnen. Doch nicht nur die Ästhetik wird hier positiv beeinflusst, auch das Familienglück kann wachsen: Frauen, die durch Übergewicht und Diabetes ihren Kinderwunsch nicht erfüllen können, steigern durch einen fitteren Lebensstil signifikant ihre Fruchtbarkeit.

 

  • Selbstbewusstseins-Plus: Wer spielend leicht an die Bushaltestelle spurten oder mit seinem kleinen Sohn ein spontanes Fußballmatch hinlegen kann, fühlt sich einfach besser als ein Stubenhocker mit Rückenschmerzen. Darüber hinaus steigert Bewegung, insbesondere solche in der freien Natur, unsere Produktion des Glückshormons Serotonin. Es hilft uns, unsere Zukunft rosiger und uns selbst in einem schmeichelhafteren Licht zu sehen. Wer dann lächelnd in die Runde strahlt, steckt unwillkürlich andere damit an.

Vorausgesetzt, die Gesundheit steht an erster Stelle, lässt sich am Fitness-Lifestyle kaum ein Negativ-Aspekt ausmachen. Schließlich geht es nur darum, in einem gesunden Körper zu leben und somit eventuellen späteren Krankheiten so gut es geht vorzubeugen.

Dennoch existieren Gefahren:

  • Fanatismus und Intoleranz: Selbst den idealen Lebensstil für sich gefunden zu haben, heißt nicht, all seine Mitmenschen davon überzeugen zu müssen. Fanatische Veganer oder Kraftsportler, die Cardiofans herablassend belächeln, machen sich mit ihrer Haltung wenig Freunde. Umgekehrt leiden auch Fitness-Anhänger häufig unter intoleranten Mitmenschen. Wer sich konsequent zum zuckerfreien Leben entschieden hat, wird von Verwandten und Kollegen meist nicht rückhaltlos unterstützt, sondern muss sich in jeder Kaffeepause und jeder Geburtstagsfeier erneut rechtfertigen, dass sein Teller leer bleibt. Dies kann sich negativ auf das eigene Lebensglück auswirken.

 

  • Der Fitness-Hype ist gleichzeitig mit einer wachsenden Bedeutung gesunder Ernährung verbunden.
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    Leistungsdruck: Höher, schneller, weiter – wer beim Fitness rasch Erfolge erzielt, entwickelt leicht eine kleine Sucht nach Endorphin-Flashs bei körperlicher Aktivität. Sollen allerdings Hormone oder Medikamente helfen, die Leistungsgrenze chemisch zu pushen, verkehrt sich Fitness ins Gegenteil. Mit Doping riskieren Sportler ihre Gesundheit für ein äußerliches Ideal, anstatt sie zu steigern. Auch im Ernährungsbereich mündet Perfektionismus schnell in eine Essstörung: Magersucht oder „Orthorexie“, die zwanghafte Beschäftigung mit gesunder Ernährung, sind die Folgen. Menschen, die nach dem Genuss einer süßen oder fettigen Feiertagsleckerei, übermäßig unter schlechtem Gewissen leiden oder gleich eine Extraeinheit im Fitnessstudio einlegen müssen, laufen Gefahr an einer speziellen Form der Bulimie, der sogenannten Sportbulimie, zu erkranken.

 

  • Zeitaufwand: Hier liegt die Bewertung im Ermessen des Einzelnen. Fakt ist, dass Anhänger eines fitten Lifestyles mindestens dreimal in der Woche 45 Minuten Training einplanen sollten, um Erfolge zu erzielen. Kritiker mögen vor allem bei Intensivsportlern vieles aufzählen können, das in den zahllosen Stunden des Trainings hätte stattdessen erlebt werden können. Dagegen können Fitness-Fans achselzuckend mit ihrer wachsenden Lebenserwartung kontern: 90 Minuten Sport pro Woche senken laut Studienergebnissen das Sterberisiko an Herz-Kreislauferkrankungen um 14 Prozent. Ob der zeitliche Einsatz dies wert ist oder anderthalb Stunden besser vor dem Fernseher, im Café oder mit den Kindern investiert sind, muss jeder für sich entscheiden.

Ob der Fitnesslifestyle einen Menschen anspricht, hängt sicherlich von vielen Faktoren ab. Grundsätzlich ist es zu begrüßen, wenn wir insgesamt gesundheitsbewusster werden. Wer es dabei schafft, das Ganze nicht zu einer Manie werden zu lassen und sein Leben selbstbestimmt weiterlebt, wird auf diese Weise sehr viel Freude haben.

Fazit

Fitness und Hedonismus müssen sich nicht zwangsläufig ausschließen. Das Spüren des eigenen fitten und attraktiven Körpers kann durchaus ein Lustmoment sein. Verzicht, körperliche Anstrengung, Schweiß und Selbstüberwindung, die diesem Erleben zwingend vorausgehen, steigern die Belohnung zusätzlich. Doch sowohl überzeugte Hedonisten wie auch Fitness-Jünger sollten ihren Lebensstil nicht extremisieren.

Genuss mutiert ansonsten zu Rücksichtslosigkeit und Fitness zum Narzissmus. Zwar ist die schamlose Selbstdarstellung durch Social Media heutzutage salonfähig geworden, doch wirklich sozial ist es nur, über das eigene Spiegelbild hinaus in seine Umgebung zu blicken. Ob Hedonist oder Sportjunkie – wie wir mit uns selbst umgehen, rückt in den Hintergrund gegenüber dem, wie wir unser Gegenüber behandeln.

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