Schulwahl

Flucht vor Multikulti

Foto: Willem Thomson, Model: Roque Bo von Swieykowski

Hätte Sarah geahnt, was auf sie zukommt, dann hätte sie den Mund gehalten. Vielleicht aus dem Fenster des Klassenzimmers geschaut, einfach nur die Vögel beobachtet und die vorbeiziehenden Wolken. Sie hätte diese Worte nicht ausgesprochen, nicht in dieser Klasse. Aber sie ahnte nicht, was auf sie zukommt. Deshalb sah sie nicht aus dem Fenster, sie hob den Finger und sagte diesen einen Satz: „Ich glaube nicht an Gott.“

Sarah besucht die vierte Klasse einer Kreuzberger Schule. Sie hat zwei Freundinnen: Marlene, eine Deutsche und Kia, eine Deutsch-Afrikanerin. Alle anderen kommen aus türkischen oder arabischen Familien. Wenn Sarah mit ihren beiden Freundinnen Arm in Arm über den Flur schlendert, wird sie schon mal als Lesbe beschimpft, daran hat sie sich gewöhnt. Aber seit diesem Satz –  „Ich glaube nicht an Gott“ – hat das Mobbing von Seiten der großteils strenggläubigen Mitschülern zugenommen. Bald wechselt Marlene auf eine neue Schule – wegen des kürzeren Wegs, aber auch wegen der ausgewogeneren Zusammensetzung der Klassen. Auch Kia wird gehen. Nur Sarah bleibt zurück, als einzige Schülerin ohne Migrationshintergrund in der Klasse.

Es gibt viele Eltern, die kennen die Geschichte von Sarah so oder so ähnlich, weil auch ihr Kind sie erlebt hat. Zum Beispiel Tanja und Kai aus Moabit, die ihre Tochter auf eine katholische Schule schicken, obwohl sie Atheisten sind. Maria, einer Kreuzbergerin, die ihre Koffer packte, um mit ihrem Sohn zum Schlachtensee zu ziehen. Oder Steffi: eine Neuköllnerin, die sich zum Schein in der WG einer Freundin anmeldete, um ihrer Tochter den Besuch auf der beliebten Heinrich-Zille-Schule in Kreuzberg zu ermöglichen. Alle diese Eltern sagen, dass sie Angst davor haben, ihre Kinder könnten zu Mobbingopfern werden und nichts lernen im Unterricht. Von den Jahren 1995 bis 2005 ist in Berlin der Schüleranteil nichtdeutscher Herkunftssprache um zehn Prozent gestiegen, während die Gesamtzahl der Schüler um 21,8 Prozent zurückging. In Kreuzberg zum Beispiel gibt es 20 öffentliche Grundschulen, sechs davon haben einen NdH (Nichtdeutschen Herkunft-Anteil) von über 90 Prozent, nur noch vier Schulen liegen unter 40 Prozent – und die Plätze in deren Klassen sind so begehrt, dass Eltern dafür vor Gericht ziehen. Der Wunsch einer Multikulti-Schule scheint gescheitert. Monokultur verdrängt Integration. Viele Eltern sehen nur eine Lösung: die Flucht, zum Wohle ihrer Kinder.

Gefangen im Teufelskreis

Sarahs Mutter Bettina Eckel* sitzt am Landwehrkanal und blickt rüber auf die andere Uferseite. Sie ist selbst Lehrerin und wohnt gerne hier in Kreuzberg. „Ich bin für eine ausgewogene Kreuzberger Mischung. Aber damit hat das hier nichts mehr zu tun. In der Klasse meiner Tochter herrscht ein sehr rauer Ton – ich möchte Sarah diesen Realitätsschock ersparen“, sagt sie. Dann erzählt sie von Sarahs miserablen Rechtschreib- und Grammatikkenntnissen. „Ich bin Deutschlehrerin, und meine Tochter kann keinen Dativ bilden.“ Auch habe sie den Soziolekt ihrer Mitschüler übernommen, das Weglassen von Präpositionen – „Ich geh’ Bäcker“. Bettina Eckel hat Sorge, dass sich das verfestigt. Aber Kreuzberg verlassen, das kommt für sie dennoch nicht in Frage. Sie wird es mit einer anderen Schule versuchen.

Nicht immer bekommen die betroffenen Berliner Bezirke von enttäuschten Eltern eine zweite Chance. Bildungsorientierte Familien mit und ohne Migrationshintergrund sind mit der Geduld am Ende, verlassen ihre Kieze in Richtung Steglitz oder Prenzlauer Berg, ziehen Privatschulen den öffentlichen Einrichtungen vor oder melden sich bei Verwandten oder Freunden im Einzugsgebiet an. So entsteht ein Teufelskreis: Die Durchmischung nimmt immer mehr ab, an den verschmähten Schulen steigt der NdH-Anteil bis auf 100 Prozent. Dort ist produktiver Unterricht kaum möglich. Das Wort „gekippt“ macht auf den Spielplätzen die Runde. Und es bezieht sich nicht mehr auf kontaminierte Badeseen. Sogar im linksalternativen Spektrum Kreuzberger Bildungsbürger wendet man ihn auf Schulklassen an – auf jene, deren NdH-Anteil die 50-Prozent-Marke überschritten hat. Und man zieht Konsequenzen.

„Zieht doch endlich weg!“

Finn war eins  von 15 Kindern in einer Kreuzberger Kita-Gruppe. Zwölf von diesen 15 Kindern sind vor der Einschulung umgezogen – nach Wilmersdorf, Schöneberg oder Friedrichshain. Finns Vater aber, Manfred Gottert, wollte nicht weg. Schon früh begann er, sich für das Projekt „Evangelische Schule Kreuzberg“ zu engagieren – in der Hoffnung, sein Sohn könnte von der Kita dorthin wechseln. Doch die Initiative ist immer an den vielen Widerständen auf Bezirksebene gescheitert. „Ich bin von der Politik maßlos enttäuscht“, sagt der 50-Jährige heute. Aber auch Mitbürger stellten sich gegen sein Vorhaben. Mitten in der Nacht bekam er Drohanrufe: „Zieht doch endlich weg! Wir wollen hier kein McDonald’s und auch keine Eliteschule.“ 150 Euro monatlich sollte ein Platz an der Evangelischen Einrichtung kosten, für Hartz-IV-Empfänger wäre der Besuch kostenlos gewesen.
In Neukölln gibt es eine solche Schule längst, auch viele Kinder muslimischer Familien besuchen sie. Für Kreuzberg hat Gottert die Hoffnung aufgegeben. „Das Projekt ist gescheitert, die Blockade des Bezirks wird sich nicht auflösen.“ An 13 Schulen von Kreuzberg bis Pankow haben sich die Gotterts daraufhin beworben – ohne Erfolg. Jetzt besucht Finn die Private Kantschule in Steglitz, 450 Euro kostet der Platz monatlich, jeden Tag kutschieren die Eltern den Sohn durch die halbe Stadt. Familienurlaube sind erstmal gestrichen.

Ghettoisierung und Frustration

Mit der Einrichtung von Privatschulen steigt oftmals die Angst vor weiterer Segregation. Doch die ist bereits voll im Gange. Sarahs Mutter Bettina Eckel unterrichtet an einer Hauptschule in Schöneberg, der NdH-Anteil beträgt 90 Prozent. „Grauenvoll“ nennt sie die Zustände dort. „Ich habe Angst vor dieser Unzufriedenheit, sie birgt ein unglaubliches Aggressionspotenzial.“ Bei der Hofaufsicht wird sie mit Gegenständen beworfen, im Unterricht springen Schüler auf Tischen und Bänken herum. Zwei deutsche Kinder hatte Eckel in einer ihrer Klassen, Simon und Lara, beide wurden stark gemobbt, weil sie Deutsche waren. Bald erschien Simon nur noch zum Unterricht, wenn er wusste, Lara kommt auch – und umgekehrt. Auf dem Schulhof bildeten türkische und arabische Schüler „eine Art Todeskreis“ um Simon, so erzählt Eckel, dann wurde er geschubst und beschimpft. Irgendwann kamen die beiden dann gar nicht mehr. Multikulti, dieser Begriff ist bei Schulen wie dieser nicht mehr anwendbar. Oft herrscht eine Monokultur, deren Dominanz immer aggressivere Züge annimmt. Schüler ohne Migrationshintergrund sind deutlich in der Unterzahl, Mobbing keine Seltenheit.

Güner Balci, Journalistin und Autorin des Romans „Arabboy“ kennt diese Situationen. Ihre Dokumentation „Kampf im Klassenzimmer“ wurde kürzlich in der ARD ausgestrahlt. Sie zeigt die Zustände an einer Essener Schule. Islamischer Fundamentalismus macht sich bereits in den unteren Klassen breit: „Ich hasse, wenn Mädchen feiern“, sagt ein Junge in die Kamera. „Ich hasse, wenn sie Röcke tragen.“ Für ihre unverfälschte Darstellung der Realität wurde Güner Balci – wie auch die Autorinnen Necla Kelek und Seyran Ates – oft angefeindet, von Menschen, die Balci „Multikulti-Weichspüler“ nennt. „Man darf diese Themen nicht den Rechten überlassen. Wir wissen doch um unsere Probleme, da brauchen wir nicht solche Arschlöcher, die nur von Abschiebung reden“, sagt die Journalistin.

Balci sitzt an einem sonnigen Tag im Kayser Soze in Mitte. Wenige Meter entfernt rattern Straßenbaumaschinen auf der Baustelle Tucholskystraße, der Asphalt wird den topsanierten Altbaufassaden angepasst. Güner Balcis Hund beobachtet das Treiben  gelangweilt, aus seinem Heimatbezirk Neukölln ist er mehr Krach gewöhnt. Aber sein Frauchen wohnt nun hier, sie hat ihren Kiez nach 30 Jahren verlassen. „Ich finde es ja schön, dass es in Neukölln jetzt nette Cafés gibt“, sagt sie. „Aber ich sehe den Bezirk nicht als Kultur-Karneval, wie viele junge Leute, die jetzt dort hinziehen. Wenn man mit wachem Verstand durch den Kiez läuft und hinter die Fassaden schaut, sieht man eine gespaltene Gesellschaft, geprägt von Geschlechtertrennung. Und das stört mich als Frau total.“ Vor kurzem besuchte die Journalistin das Gymnasium in Wedding, an dem sie Abitur machte. Damals sei die Mischung in den Klassen ausgewogen gewesen. „Heute ist dort der NdH-Anteil bei 90 Prozent, Religion spielt eine große Rolle: Es geht nur noch darum, wer sittsam ist und wer nicht.“

Geschlossene Gruppe als Lösung?

Balci hat einen drei Monate alten Sohn. Der soll weder in einem Brennpunkt zur Schule gehen, noch in einem „steril biodeutschen Umfeld“, wie sie es nennt. Wedding soll es sein. Allerdings müssten sich einige Eltern zusammentun und sich als Gruppe an einer Schule anmelden. „Es geht nicht anders. Ich kann doch mein Kind nicht für die Integration opfern. Wer macht das?“

Für viele Eltern scheint die Anmeldung als geschlossene Gruppe  die einzige Alternative zu Umzug oder Privatschule zu sein: Viele Schulleiter unterstützen das, um der Ghettoisierung von Kiezabschnitten entgegenzuwirken. Aber alles hat seine Grenzen. „Leute, wenn ihr hier mit 20 Kindern ankommt, das geht nicht“, sagt Annette Spieler, Schulleiterin der Fichtelgebirgs-Grundschule in Kreuzberg. Dennoch ist sie offen für die Wünsche der Eltern – und hat damit Erfolg: Von 86 Prozent vor zwei Jahren ist der NdH-Anteil auf 70 Prozent gesunken, in den unteren Klassen liegt er bereits bei 60 Prozent. Die Fichtelgebirgs-Grundschule gilt als Erfolgsbeispiel: Die Ganztagsschule bindet die Familien aktiv ein, sie vermittelt über interkulturelle Elternbotschafter und bietet Ansprechpartner im Elterncafé an. Ganztagsbetreuung, zusätzliches Personal, Sozialarbeiter mit und ohne Migrationshintergrund – das sind die Grundvoraussetzungen für funktionierenden Unterricht an solchen Berliner Schulen.

Jan Kowalski* wünscht sich das auch. Der  48-Jährige arbeitet als Lehrer an einer Kreuzberger Schule, deren  Ndh-Anteil mit zu den höchsten der Stadt zählt. Er selbst würde sein Kind dort niemals einschulen, sagt er. Er hofft aber, dass eine große Gruppe von Eltern soziale Verantwortung übernimmt und sich gemeinsam anmeldet, um der Entmischung entgegenzuwirken. An den Wänden, wo Schüler sich mit ihrer Unterschrift verewigen, sind Namen wie „Julia“ oder „Franziska“ über die Jahre verblasst und nur noch schwer lesbar.

Von Idiotenschulen und Super-Muttis „Heute haben die Kinder das Gefühl, sie seien auf einer Idiotenschule“, sagt Kowalski, denn die Deutschen gehen ja woanders hin. „Sie haben extreme Minderwertigkeitsgefühle und daraus entwickelt sich eine Hackordnung: Der Schwache mobbt dann den Nächstschwächeren – das sind oft Sinti und Roma oder andere weniger vertretene Gruppen.“ Mobbing an Kindern ohne Migrationshintergrund erlebt der Lehrer nicht – weil es an seiner Schule davon keine mehr gibt. Trotz all der Probleme hat er Freude an seiner Arbeit – auch am Kontakt mit den Eltern. „Manche deutschen Bildungsbürger erwarten ja, dass ihr Kind mit der Geige an der Nabelschnur zur Welt kommt und mit fünf Jahren Chinesisch spricht“, sagt er. „Das finde ich widerlich. Eine palästinensische Mama, die ihre acht Kinder durchbringt und die Oma in der Heimat unterstützt, ist mir alle mal lieber als eine leistungsorientierte Super-Mutti.“ Die Eltern seiner Schüler seien herzlicher und weniger neurotisch. „Die Sphäre des Besonderen ist ein furchterregender und einsamer Aufenthaltsort“, sagt Kowalski noch.

An einem brütend heißen Tag sitzt Judith Holofernes auf einer schwarzen Ledercouch einer Plattenfirma in der Nähe der Friedrichstraße, die Beine übereinander geschlagen, die Stirn in tiefe Falten gelegt. Die Kreuzbergerin und Sängerin der Band Wir sind Helden hat ein Problem: Sie hat Kinder, sie will in ihrem Bezirk bleiben – und genau jene „Sphäre des Besonderen“ jagt ihr eine Heidenangst ein, erzählte sie bei einem Gespräch mit zitty. Über 90 Prozent NdH-Anteil verzeichnen die Schulen in ihrem Einzugsgebiet. Eine Zahl, die sie ratlos macht: Sie will nicht, dass ihr Sohn heraussticht – weder als einziger Nicht-Migrant unter Migrantenkindern, noch als Inselklassen-Schüler auf einer Problemschule. Was tun? Eine Inselklasse bilden – zu elitär. Eine evangelische Schule gründen – zu verlogen, aus atheistischer Perspektive. Wegziehen – niemals. Judith Holofernes zieht die Knie an den Körper, man sieht förmlich, wie sich alles in ihr gegen diesen Zustand sträubt. Gekippte Klassen? Das war doch alles einmal anders gedacht, hier in Kreuzberg.

Impressionen aus Kleinmachnow

Dieser innere Kampf vieler Linksalternativer und Multikulti-Anhänger ist es, der die Aufarbeitung der bestehenden Probleme verhindert hat. Und er hat Max Thomas Mehr, Mitbegründer der „taz“, schon viele Eimer voll Häme beschert. Vor zwei Jahren – seine Tochter war an der beliebten Charlotte-Salomon-Schule abgelehnt worden – lud Mehr zum Diskussionsabend in die Passionskirche am Marheinekeplatz. Thema: „Sind Kreuzbergs Schulen noch zu retten?“ Als der „Tagesspiegel“ darüber berichtet, häufen sich online die Kommentare: „Nun möge er mal schön die Toleranz leben, die er und seinesgleichen predigen. Ist doch alles so schön bunt hier – was will der Mann?!“ war da zu lesen. „So etwas wirft mich nicht aus der Bahn, aus dem Alter bin ich raus“, sagt Max Thomas Mehr heute. Die christlich-liberale Koalition habe die fehlende Integration zu verantworten und die Linken dokterten jetzt daran herum – auf einem ideologischen Niveau von vorvorgestern.

Heute, so Mehr, aber werde die Integration in Bezirken wie Kreuzberg immer schwieriger. „Jede Generation holt eine neue Generation aus der anatolischen oder anderer Provinzen. Männer, die schon in der zweiten Generation hier leben, heiraten 18-Jährige aus der Heimat, die nicht hier sozialisiert sind. Der Integrationsprozess wird permanent perpetuiert.“ Man werde attackiert, wenn man über die „weißen Stadtteile“ spricht, aber alle verhielten sich danach: „Wenn du Kinder hast, zieh in den Prenzlauer Berg oder Friedrichshain.“
Die Zahlen stehen für sich. Die NdH-Schüler nehmen zu. Die ideologischen Debatten der Vergangenheit haben ins Leere geführt. Es braucht konkrete Anreize für Familien, um einer weiteren Segregation Vorschub zu leisten. Ohne engagierte Bildungs- und Integrationskonzepte wird sich die Situation verschlimmern. Obwohl die meisten Eltern an ihren Heimatbezirken hängen und nicht wegziehen wollen.

So wie die Gotterts. Jeden Tag fahren sie deshalb ihren Sohn Finn durch die halbe Stadt. Auch ihre Freunde wohnen inzwischen in ganz Berlin verstreut, eben jeweils dort, wo sie akzeptable Schulen für ihre Kinder gefunden haben. „Eine Freundin wohnt jetzt in Kleinmachnow“, sagt Manfred Gotter. „Sie sagt, sie guckt den ganzen Tag in den Wald. Sie wollte gar nicht in den Wald gucken, aber dem Kind geht es ja gut. Das ist wirklich eine perverse Situation.“

*Name geändert
(Außerdem einige Kindernamen geändert.)