Berlinale 2016

Fluchtbewegungen in der 15. Ausgabe der Perspektive Deutsches Kino

„Flucht ist keine Schande.“ Dieser für das ­aktuelle Programm der Perspektive Deutsches Kino symptomatische Satz fällt gleich im ­Eröffnungsfilm:

In Meteorstraße, entstanden im Rahmen der vom „rbb“ und dem Medien­board Berlin-Brandenburg gegründeten „Leuchtstoff“-­Initiative, erzählt Regisseurin Aline Fischer mit sehr authentischen, teils wie Schläge in die ­Magengrube wirkenden Bildern vom 18-jährigen ­Mohammed, der aus Palästina nach Deutschland kam.

Ein junger Pole in Deutschland – „Toro“ von Martin HawieFoto: Brendan Uffelmann/Kunsthochschule für Medien Köln
Ein junger Pole in Deutschland – „Toro“ von Martin Hawie
Foto: Brendan Uffelmann/Kunsthochschule für Medien Köln

Immer wieder geht es um Flucht, ums Verschwinden und die Sehnsucht nach einem besseren Ort in dieser 15. Ausgabe der deutschen Nachwuchsplattform – für die Sektionsleiterin Linda Söffker diesmal acht abendfüllende sowie vier mittellange Spiel- und Dokumentarfilme ausgesucht hat. Dazu kommen drei ­Gastfilme; auch hier geht’s teils um Flucht respektive Migration – Meinungsaustausch, der in vier Minuten Migranten die Vorurteile in den Mund legt, mit denen sie bei uns konfrontiert sind, ist Teil eines Studentenprojekts zur aktuellen Situation.

In Toro (Regie: Martin Hawie, KHM Köln) ist es ein junger Pole, der vor zehn Jahren nach Deutschland kam, in A Quiet Place von Ronny Dörfler, einem düsteren und tatsächlich fast sprachlosen 24-Minüter, will Cristina ihre kleine Schwester aus den Fängen des übergriffigen Vaters befreien – Ziel der rumänischen Mädchen ist die Großstadt. In einer solchen leben auch die Hauptfiguren von Agonie, Jurastudent Christian und der sich durchboxende 17-jährige Alex. „Agonie“ ist David Clay Diaz’, wie er selbst sagt „Drittjahres-Übungsfilm“ an der HFF München, ein grausamer Psychothriller um zwei Jungmänner.

Die brutalste Szene indes der Perspektive ­erwartet uns in einer Doku: In Valentina spielen die Kinder einer mazedonischen Roma-Familie mit den noch blutenden, gerade erst abgehackten Köpfen zweier Hühner. Maximilian Feldmanns in Schwarz-Weiß eingefangenes Porträt ist zugleich wunderschön und frustrierend: Valentina, die zehnjährige Protagonistin, die von einem Leben als Schauspielerin träumt, und ihre vielen Geschwister werden wohl nie Skopjes Wellblechhütten entkommen.

Die diesjährige Ausgabe der Perspektive ist teils schwer verdaulich – verlorene Seelen, Hoffnungslosigkeit, dräuende Musik – und immer wieder Gewalt. Da wünscht man sich etwas  Humor, und sei es tiefschwarzer wie 2014, als „Zeit der Kannibalen“ zum Hit der Reihe avancierte. Zum Glück gibt es ­Lotte, die im gleichnamigen 76-Minüter von ­Julius Schultheiß mit ihrer ­Schnodderschnauze ­unterhält. Lotte (wunderbar: Karin Hanczewski) ist ein Berliner Gewächs: impertinent und unausstehlich, liebenswürdig und ausgestattet mit einem dem Überleben in der Stadt höchst dienlichen Witz. Famos Lottes Sprüche, die sie mit Verve auf den Asphalt rotzt: „Zu uns kam mal ein Typ in die Notaufnahme, der hatte eine Glühbirne im Arsch – und die brannte noch“.

Durchatmen kann man auch in der Kunst-Ecke: Pallasseum – Unsichtbare Stadt, ­Manuel Inackers auf Splitscreens und zirku­läre Kamera­fahrten setzende Doku über ­einen Schöneberger Wohnblock, kann man sich gut in einer Galerie oder im ­Forum ­Expanded vorstellen. Las cuatro esquinas del circulo ist vom Geist Frida Kahlos beseelt und nur 25 Minuten lang. Um eine Malerin geht’s auch in einem Highlight der Auswahl, ­Kamilla ­Pfeffers Doku Wer ist Oda Jaune? Die Künstlerin spricht mit zartester Stimme in die ­Kamera; es soll zwei Jahre gedauert ­haben, bis die Malerin, deren Bilder zwischen ­Francis Bacon und Neo Rauch oszillieren, zu diesem Film bereit war. Die Anstrengungen aber der Regisseurin, die hiermit ihren Diplom­film vorlegt, waren es wert: Selten entsteht in Künstler-Porträts eine derart intime Atmosphäre.

Und wenn Oda Jaune davon spricht, wie „brutal“ es sei, „dass man durch die Natur gezwungen wird, erwachsen zu werden“, dann passt das zum Thema dieser ­Perspektive. Auch Jaune würde wohl gern flüchten: zurück in die Kindheit.        Matthias von Viereck

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