AKTIONSKUNST

„Flüchtlinge fressen“

Das Recht auf Widerstand – Politische Hässlichkeit am Gorki

Vor dem Gorki Theater steht gerade eine Sperrholzarena mit Gladiatoren-Dompteuren und vier echten libyschen Tigern. Ihnen sollen, wenn alles schief geht, am 28. Juni zwei Flüchtende zum Fraß vorgeworfen werden, die sich freiwillig gemeldet haben.

Römische Zustände: Friss den Flüchtling, Tiger! – Foto: Ute Langkafel
Römische Zustände: Friss den Flüchtling, Tiger! – Foto: Ute Langkafel

Eine Druckkulisse, denn das eigentliche Ziel von „Flüchtlinge fressen“, der neuen Aktion des Zentrums für Politische Schönheit ist es, die deutsche Politik dazu zu bewegen, den Paragrafen 63 Absatz 3 des Aufenthaltsgesetzes abzuschaffen. Der belegt Beförderungsunternehmen mit hohen Strafen, wenn sie Menschen ohne Einreiseerlaubnis transportieren. Da das Fliegen also verboten und die ­Balkanroute geschlossen ist, bleibt den Flüchtenden nur das Mittelmeer.

Parallel gibt’s im Gorki eine Gesprächs­reihe, außerdem sollen die Menschen unter www.flugbereitschaft.de mit Geld darüber abstimmen, wer sich auf einen möglichen Rettungsflug mit 100 Syrern begeben darf und wer im Mittelmeer möglicherweise den Tod findet.

Geschmacklos? Zynisch? Vor allem: geklaut. Die Aktion erinnert sehr an Christoph Schlingensiefs Wiener Aktion „Ausländer raus!“ aus dem Jahre 2000. Am Ende wird niemand von Tigern zerfetzt, so viel ist sicher. Allerdings ebenso unwahrscheinlich, dass sich die Politik bis dahin bewegt. GEORG KASCH

Bis 28.6., Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Regie: Zentrum für Politische Schönheit; mit Aylin Esener, Cynthia Micas, Taner Sahintürk, Falilou Seck. Eintritt frei

„Warum kommen die Flüchtlinge nicht einfach mit dem Flugzeug?“: Cynthia Micas (oben), Tiger (unten) in „Not und Spiele" – Foto: Friedhelm Teicke
„Warum kommen die Flüchtlinge nicht einfach mit dem Flugzeug?“: Cynthia Micas (oben), Tiger (unten) in „Not und Spiele“ – Foto: Friedhelm Teicke

UPDATE
Gorki: Verdacht auf „Beihilfe zum mehrfachen Suizid“

Ist „Flüchtlinge fressen“, die jüngste Aktion des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS), Kunst? Das Straßen- und Grünflächenamt Berlin-Mitte meint „Nein“ und entzog dem Gorki die Sondergenehmigung, neben dem Theater ein Tigergehege aufzustellen. Die Polizei sagt „Ja“, andernfalls wäre sie zuständig, entscheiden muss das nun das Verwaltungsgericht Berlin. Gleichwohl wurde am Dienstag Abend zum Finale der Aktion ein großes Polizeiaufgebot erwartet, um zu verhindern, dass sich vier Flüchtlinge öffentlich von vier „lybischen Tigern“ aus Protest gegen Paragraf 63 des Aufenthaltsgesetzes, der die Beförderung von Ausländern ohne Visa verbietet, zerfleischen lassen.

Eine zynische Aktion vom ZPS, sicher, mindestens ebenso ­zynisch ist aber das am vergangenen Freitag vom Bundestag erneut bekräfigte Beförderungsverbot, das Flüchtlingen nur den lebensgefährlichen Weg über das Mittelmeer übrig lässt. Zeitgleich sollte eigentlich am Dienstag um 19 Uhr ein Charterflieger aus der Türkei mit 100 syrischen Flüchtlingen in Tegel landen. Diesen Sonderflug hat Air Berlin am Morgen des geplanten Fluges abgesagt. -ICKE