Berlin

Flussbaden

Berlin hat sich lange von der Spree abgewandt. Doch das Verhältnis ändert sich gerade: Viele Berliner wollen den Fluss als Lebensraum zurück. Am 1. Juli gehen wieder 400 von ihnen in der Spree baden, um ihre Forderung zu bekräftigen. Ihre Chancen stehen gut

Illustration: Flussbad Berlin

Das Wasser ist kristallklar. Die Sonne zeichnet Reflexionen auf den hellblauen Grund, Schwimmer ziehen dichtgedrängt ihre Bahnen. Am Beckenrand hängt eine Reihe von Menschen und blickt hinaus, auf die Spree, die dunkel und träge am Badeschiff vorbeizieht.

Das fühlt sich nach Freiheit an

Paul, 30, sagt: „Die zahlen Eintritt für einen Hühnerstall.“ Paul sitzt rund zwei Kilometer flussaufwärts am Ufer der Stralauer Halbinsel, bis eben hat er noch meditiert, nackt, mit der Hand auf dem Herzen. Jetzt steht er auf und macht einen Kopfsprung in die Spree. Es sieht erfrischend aus, wie er da prustet und planscht. „Das fühlt sich nach Freiheit an“, sagt er, während er über die Notausstiegsleiter wieder an Land klettert.

Am Ufer sitzen und liegen noch mehr Menschen, nackt und halbnackt. Einige haben Hängematten aufgespannt, ein paar junge Frauen bemalen sich gegenseitig mit Fingerfarben die Brüste, ein Pärchen kommt von einem Ausflug in den Treptower Park zurückgeschwommen. Die Menschen, die hier baden, sind die Speerspitze einer Bewegung. Paul macht sozusagen einen Kopfsprung in die Zukunft der Stadt.

Das Baden in der Spree ist eine mit vollem Körpereinsatz begangene Aneignung des öffentlichen Raums. Die Spree war schon immer das Zentrum Berlins – die Stadt wurde schließlich vom Kahn aus gebaut –, doch lange Zeit hat Berlin diese Nähe verdrängt. Der Fluss wurde abgewertet, zur Wasserstraße und zur Kanalisations-Erweiterung, und in Teilen zur tödlichen Grenze. Jetzt findet ein Bewusstseinswandel statt, eine Hinwendung zum Wasser. Berlin ist dabei, diesen größten und zentralsten Platz der Stadt für die Bewohner zurückzugewinnen.

Der Flussbad-Verein will den Kupfergraben hinter dem Humboldt-Forum mit natürlichen Filtern klären und den Berlinern zum Baden anbieten. Ende letzten Jahres forderte das Abgeordnetenhauses den Senat auf, die Umsetzung mit allen nötigen Mitteln zu unterstützen. Jan Edler, 47, der Visionär hinter der Idee, ist auf der Zielgeraden.

Vier Millionen Euro hat das Projekt seit 2014 von Bund und Ländern bekommen, gerade läuft die Förderung aus. Für nächstes Jahr stehen zunächst 250.000 Euro aus Landesmitteln bereit. Bald wird der Abschlussbericht vorgestellt, mit Preiskalkulation und Planungsstand. Das Ziel ist, damit einen Senatsbeschluss zu erreichen.

Baden in der Spree

Das Flussbad könnte eine Initialzündung werden, nach der klar ist: Die Berliner wollen mehr, den ganzen Fluss. Die Idee ist faszinierend: Die Spree als sozialer Ort mitten in der Stadt. Sie stellt die Frage: Was ist dieser Fluss für uns, was könnte er sein? Wenn man so denkt, eröffnet sich einem der ungeahnte Raum, den das Gewässer für Ideen bietet. Derzeit ist die Spree für Berlin nur ein Abwasserabtransportsystem. Besichtigen kann man sie, sofern man kein eigenes Boot besitzt, nur vom Ufer oder von einem Touristendampfer der Weißen Flotte aus. Die Schiffe der zwei großen Reedereien sind neben den Wassersportlern die einzigen Nutzer des Flusses. Güterverkehr gibt es auf der Spree kaum noch.

Dort wo die Aktivisten baden wollen, arbeitet auf einem Schiff bereits ein maßstabsgetreues Modell des Flussbades. Hier werden Filtermethoden bei unterschiedlichen Wasserbedingungen getestet. Es ist Pionierarbeit. Weltweit erstmals wird ein naturnahes Filtersystem in einem Fluss erprobt.

Hier soll das Flussbad entstehen. Illustration: Flussbad Berlin

Für gewöhnlich hat das Wasser im Kupfergraben „ausgezeichnete Badequalität“, so Stephan Natz von den Berliner Wasserbetrieben. Aber: Bei starkem Regen, zwanzig- bis dreißigmal pro Jahr, fließt innerhalb des S-Bahn-Rings die Kanalisation ungeklärt in die Spree. 180 Überläufe gibt es, von 20 Zentimetern Durchmesser bis „Scheunentordimension, da können sie mit dem Boot durchfahren“, so Stephan Natz von den Wasserbetrieben. Bei Überlaufereignissen wird die Flussbad-Testanlage informiert, nimmt automatisch Proben und kühlt sie sogar.

Erst vor kurzem war das der Fall. Da zog ein Gewitter über Berlin. Am Tag danach ist kurz vorm Urbanhafen im Landwehrkanal die Wasserfläche voll von toten Fischen. Bauch an Bauch, dichtgepackt. Es stinkt. Die Fische sind erstickt, denn die Bakterien, die unsere Fäkalien abbauen, verbrauchen dabei ihren Sauerstoff.

Die Wasserbetriebe tun einiges, um die Überläufe einzudämmen. Seit den 90er-Jahren haben sie Auffangkapazitäten für 240.000 Kubikmeter Kloake gebaut, am Ende sollen es fast 400.000 Kubikmeter sein. Es wird auch dann noch jedes Jahr mehrfach Abwasser in die Spree überlaufen. Die Wasserbetriebe haben deshalb gemeinsam mit dem Senat eine Regenwasseragentur gegründet, die private Bauherren berät, wie sie die Ableitung von Regenwasser in die Mischwasserkanalisation verhindern können.

Schwimmschulen in der Spree

Die Rückeroberung der Spree könnte Leben retten. 18 Prozent der Grundschüler können nicht schwimmen, so eine Studie. Der Zugang zu beschwimmbarem Wasser ist derzeit eine soziale Frage: Regelmäßig sind viele Schwimmbäder geschlossen, und nicht jeder hat Zeit und Geld, seinen Nachwuchs durch die Stadt zu kutschieren. Die Koalition will deshalb zumindest eine Grundversorgung mit Schwimmbädern herstellen. Auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Schwimmenlernen eine wichtige Mission. 1811 eröffnete die erste Schwimmschule in der Spree.

Das erste Spreebad wurde 1802 eröffnet, ziemlich genau dort, wo die Aktivisten ihr Flussbad errichten wollen, nur auf der anderen Seite der Spreeinsel. Es sah aus wie ein langgestreckter griechischer Tempel, der auf dem Wasser schwimmt, in die Spree stieg man durch eine beckengroße Aussparung in der Mitte des Gebäudes. Nacktheit wurde damals noch hinter üppigen Badeklamotten und hölzernen Wänden versteckt. Die direkte Körperlichkeit des Badens provozierte die rigide Sexualmoral der damaligen Zeit. Auch da, wo jetzt die Badeschiffgäste auf die Spree starren, stand einst eine Flussbadeanstalt, „Sachses Wellenbad“, von einer Dampfmaschine bewegt. Im 19. Jahrhundert war die ganze Spree von Spreebädern gesäumt.

Mehr als 130 Jahre wurde in der Spree gebadet, zunächst nur von Männern, 30 Jahre später auch in einem Frauenbad, am Schluss wurde durch die Industrialisierung die Wasserqualität zu schlecht. Nach dem Krieg gab es im Osten der Stadt noch eine Weile offene Flussbäder. Pam, 53, gebürtige Treptowerin, war als Kind oft im Strandbad Oberspree. Auf dem kiefernumsäumten Strand standen Strandkörbe, aus einer Luke wurden Brause und Würstchen verkauft, im Wasser gab es einen durch eine schwimmende, rot-weiße Kette abgegrenzten Nichtschwimmer-, und einen durch gelbe Bojen abgegrenzten Schwimmerbereich, darin eine Betonplattform, die für Spreesprünge genutzt wurde. Es klingt wie Berlin am Meer.

Die Wasserqualität muss besser werden

Pam war als Kind auch im Britzer Zweigkanal schwimmen. „Und wenn die Wasserschutzpolizei kam, sind wir einfach wieder raus und haben uns irgendwo hinterm Busch versteckt“, sagt sie. Pam hat das Spreebaden Mitte der 70er aufgegeben. Das Strandbad Oberspree wurde aufgrund mangelhafter Wasserqualität geschlossen. Sie war 1980 nochmal baden, am Spreepark. „Wir haben die Sandalen angelassen, der Boden war voller Glas und Müll. Nach dem Schwimmen hatten wir um jedes Bein einen Dreckrand. Das war für mich ein Zeichen, da kannste nicht mehr baden gehen.“

Die Spree ist eine Bundeswasserstraße, deshalb ist heute dort das Baden verboten. Würde man sie entwidmen, könnte man vor die Überläufe Bade-Plattformen stellen. Solche, wie Ralf Steeg sie entwickelt: Sie fangen das Abwasser auf und pumpen es später zurück. Ein Prototyp steht im Osthafen und funktioniert.

Die Idee, in der Spree zu baden, erzählt von dem Wunsch, die Natur zurück in die Stadt zu holen. Eben nicht im kristallklaren Wasser, wie im Freibad oder Badeschiff, zu planschen, sondern in der Natur. Klares Wasser ist totes Wasser. Das einzig lebendige, das es im Badeschiff gibt, sind die menschlichen Schwimmer. Die Spree vor ihnen hingegen ist voll von Muscheln, Krebsen, Fischen. Sogar Biber gibt es hier. Sie ist das vielleicht wildeste Stück Natur, das Berlin zu bieten hat. Sie könnte ein riesiger Naherholungsraum werden, mitten in der Stadt.

Der Spreeuferweg, den die Politik auf Druck der Mediaspree-Bewegung den Unternehmen abgerungen hat und immer noch abringt, zeigt, dass die Politik bereit ist, den Fluss zurück in die Mitte zu holen, wenn sie dazu aufgefordert wird.

Alles im Fluss

Den Wandel im Verhältnis zum Wasser zeigt auch die Initiative „Alles im Fluss“. Zahlreiche Gruppen, Vereine und Unternehmen – von der Riesen-Reederei bis zur Anarcho-Floßgemeinschaft – haben sich mit Politikern und landeseigenen Firmen zusammengetan, um die Berliner zu erziehen. Sie sollen ihren Müll nicht mehr in den Fluss werfen. Dafür wirbt die Initiative mit Flyern, einem Grundschul-Malwettbewerb und medienwirksamen Müllsammelaktionen. Am 21. Juli tritt beispielsweise Umweltsenatorin Regine Günther mit dem 1. FC Union zur Uferreinigung an. Der Plastikmüll lande sonst im Meer – so Mit-Initiatorin Beate Ernst. Sie fordert Sanktionen für Umweltsünder, mindestens eine konsequente Umsetzung der geltenden Gesetze. Statt einfach aufzuräumen, will sie Müllecken mit Kreidesprühdosen markieren. Die wahren Probleme des Gewässers spricht sie nicht an.

Von oben sieht das Wasser an den meisten Orten eigentlich okay aus. Das Land beschäftigt mehrere private Unternehmen, die den ganzen Tag Berlins Gewässer abfahren, um den Müll herauszufischen. Eines kommt gerade vorbei, als die „Alles im Fluss“-Macher ihr Projekt vorstellen. Vormittags auf dem Restaurantschiff Capt’n Schillow am Ende des Landwehrkanals: Neun Personen sitzen an der Kaffeetafel unterm Sonnensegel. Trauerweiden hängen übers Wasser, Seerosenblätter treiben darauf, auf einem Stahlpoller in der Mitte des Kanals steht ein Reiher. Ein grünes Schiff zieht vorüber, es fährt in wilden Kreisen, auf dem Bug stehen zwei Männer, die aussehen wie alte Seebären, mit Keschern. Sie teilen den Müll auf drei verschiedenfarbige Tonnen auf. Die Anwesenden beginnen, die Szenerie mit ihren Smartphones zu fotografieren.

Was auf ihrem Treffen keiner anspricht, ist die Qualität des Wassers, auf dem der Müll schwimmt. Das Abwasser ist nämlich nicht die einzige problematische Verunreinigung: Aus den gefluteten Tagebauten flussaufwärts wird eine zunehmende Konzentration von Sulfat in die Stadt geschwemmt. Das Wasserwerk Friedrichshagen, das einen großen Teil der Stadt versorgt, nutzt Uferfiltrat aus Brunnen rund um den Müggelsee. Spreewasser also. Die Wasserbetriebe müssen dieses Wasser phasenweise mit dem Wasser anderer Werke mischen, um die zulässige Sulfat-Konzentration nicht zu überschreiten.

Zudem ist mindestens in der Rummelsburger Bucht der Boden nachhaltig mit Industrieabwässern verseucht. Gerade laufen Versuche, das Sediment abzudecken, aber was auch immer dabei herauskommt: Die Sanierung des kompletten Gewässers ist nicht wirklich bezahlbar – mehrere Milliarden Euro würde das wohl kosten.

Es stellen sich massive Herausforderungen, will man die Spree aus ihrem vergifteten Winterschlaf holen. Aber es sollte sich lohnen. Der Fluss verknüpft das Urbane mit der Natur. Eine der größten Herausforderungen unserer Zeit ist die nachhaltige Stadtentwicklung. Und das Baden in der Spree ist dafür ein Symbol. Es zeigt: Diese Entwicklung kann einen Mehrwert haben, sie bedeutet nicht nur Verzicht.

Mehr zur Spree: www.zitty.de/spreepiraten