Das ist doch noch gut !

Foodsharing – Die neue Esskultur

Täglich landen Tonnen von genießbaren Lebensmitteln im Müll. Doch in Berlin entsteht ein neues Ess-Bewusstsein: Aktivisten, Vereine und Restaurantbesitzer kooperieren, um gegen Verschwendung vorzugehen. Die Foodsaver-Szene professionalisiert sich – und rettet Lebensmittel mittlerweile sogar via App.

Ein Mann steht im Dunkeln vor einem Container. Er öffnet seine Hose und pisst hinein. Später in der Nacht werden Lebensmittelretter vorbeikommen und die scheinbar noch brauchbaren Esswaren aus der Tonne klauben. Zwei Tage später ist auf Facebook der höhnische Post zu lesen: „Wer an ­diesem Abend beim Container X war, dem habe ich alles vollgepinkelt.“
Die Aktivistin Mai Goth Olesen schüttelt den Kopf.„Das habe ich erlebt“, sagt sie. „Wir wollten doch nur Lebensmittel retten.“ Diese Aktion ist kein Einzelfall: Es kommt häufiger vor, dass noch genießbare Lebensmittel, die im Abfallcontainer landen, unbrauchbar gemacht werden – zum Beispiel, indem man sie mit Mehl überschüttet. Dass die Tonnen hinter den Supermärkten abgeschlossen sind, ist ohnehin längst Alltag. Wer con­tainern geht, also Esswaren aus der Tonne retten ­möchte, muss große Hürden überwinden. Doch längst haben sich neue Möglichkeiten der Essensrettung aufgetan: Initiativen wie Foodsharing, Zu gut für die ­Tonne, Too good to go, Slow Food Deutschland, das Restaurant „Restlos Glücklich“ und die Tafeln setzen sich gegen Verschwendung ein. Containern ist oldschool.
Lebensmittelrettung ist gelebter Protest gegen die Wegwerfmentalität. Es wird auf der Welt genug Essen für alle produziert – und dennoch: Von den sieben Milliarden Menschen auf der Welt hungert täglich rund eine Milliarde. Lebensmittelverschwendung ist ein Grund dafür. Allein in Deutschland landen laut einer Studie der Umweltschutzorganisation WWF jedes Jahr etwa 18,4 Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall. Pro ­Sekunde werfen die Deutschen 313 Kilogramm genieß­bare Lebensmittel weg.
„Lebensmittelverschwendung ist politisch“, sagt Valentin Thurn, Gründer der Plattform ­Food­sharing.de und Filmemacher, der mit „Taste the Waste“ bekannt wurde – einem Dokumentarfilm über Lebensmittelverschwendung. Am Anfang des Filmes sieht man Berge von Brot, die verbrannt werden. Keine Ausnahme: So etwas passiert jeden Tag von Neuem. Einer der Gründe dafür ist, dass Bäckereien, ob konventionell oder Bio, auch noch kurz vor Ladenschluss die komplette Angebotspalette im Regal haben wollen.
„Wir können davon ausgehen, das nichts passieren wird, wenn wir das Problem der Wirtschaft überlassen“, sagt Thurn. „Die sind gar nicht in der Lage, das Problem ohne einen politischen Rahmen zu lösen. Denn es lohnt sich aus betriebswirtschaftlicher Sicht, Lebensmittel wegzuwerfen. Es sind zwar Warenwerte, aber die Arbeitszeit ist noch teurer.“
Ist etwa eine Orange im Netz faul, würde es den ­Supermarktchef mehr kosten, seine Mitarbeiter die Netze öffnen, neu verpacken und auspreisen zu lassen, als die gesamte Packung wegzuschmeißen. Dieses Missverhältnis macht es für Unternehmen so attraktiv, Lebensmittel in die Tonne zu werfen. Aus betriebswirtschaftlich ist das sinnvoll – „volkswirtschaftlich ist das eine Katastrophe“, sagt Thurn. „Das ist kein biologischer Kreislauf. Da wurden Lebensmittel mit großem Energie­aufwand produziert, denn in der modernen Landwirtschaft werden Dünger und Pestizide eingesetzt.“

Foodsharing, Neue Esskultur, Nachhaltig Kochen
Foto: Simon Lange

Auch die Politik schaltet sich ein

Auch die Politik hat begonnen, sich zu engagieren. So erklärte Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) bereits, es sei sein Ziel, bis 2030 die Lebensmittelverschwendung zu halbieren. Als erster Schritt ­wurde im Jahr 2012 die Initiative „Zu gut für die Tonne“ ­gegründet, mit der die Bundesregierung die Bürger ­informieren möchte. „Bei den elf Millionen Tonnen, die laut Bundesregierung jedes Jahr weggeworfen werden, ist die Landwirtschaft noch gar nicht dabei“, sagt Dr. Marie-Luise Dittmar, Referentin der Initiative.
Doch vor allem Verbraucher will man aufklären – denn in privaten Haushalten wird am meisten weggeworfen. „Wir müssen dringend umdenken und brauchen mehr Wertschätzung für unsere Lebensmittel“, sagt Dittmar. Mit Tipps, Rezepten für „beste Reste“ und Mitmachaktionen wollen sie und ihre Mitstreiter zeigen, wie sich Verschwendung reduzieren lässt.

In diesem Jahr verlieh „Zu gut für die Tonne“ den ­ersten Bundespreis für Engagement gegen Lebens­mittelverschwendung. Gewonnen hat unter ­anderem die Initiative Foodsharing.de. Die Jury ­begründet ihre Entscheidung so: „Foodsharing ermöglicht es Menschen, sich selbstständig dezentral, lokal oder global gegen die Verschwendung stark zu machen, bringt Gleichgesinnte zusammen und hilft Menschen in Not.“ Dem in Berlin und Köln gegründeten Verein bescheinigt die Jury eine Vorreiterrolle, da die Idee inzwischen von zahlreichen Projekten in anderen Regionen aufgegriffen wurde. 230 Initia­tiven und Privatpersonen hatten sich um den Bundespreis beworben.
In Berlin gibt es circa 3.200 sogenannte Foodsaver – das sind die ehrenamtlichen Mitarbeiter von Food­sharing, die aktiv sind und einen Ausweis besitzen. Freiwillige, die es sich zum Ziel machen, Lebensmittel vor der Mülltonne zu bewahren. „Wir haben über 350 Koope­rationen mit Bäckereien, Supermärkten, Bio-­Supermärkten, Cafés, Kantinen, Hotels. Wenn wir eine Kooperation eingehen, legen wir den Geschäften ­einen Haftungsausschluss vor, den wir alle unterschreiben. Dann wissen die Geschäfte, dass sie nicht in der Haftung sind. Wir sind Privatpersonen und bekommen ­diese Lebensmittel geschenkt“, erklärt Gerard Roscoe von Foodsharing.
Um Foodsaver zu werden, muss man im Internet einen umfangreichen Fragenkatalog beantworten. Nur wer den Test besteht, darf sich „Foodsaver“ ­nennen. Später gibt es drei Probeabholungen, und erst dann bekommt man seinen Ausweis und kann eigenständig Lebensmittel retten.

Foodsharing, Nachhaltig Kochen
Foto: foodsharing.de

Lebensmittelrettung per App

Neun Uhr abends, Alexanderplatz. Die Foodsaver treffen sich vor einem Bäcker. Die Lebensmittel werden in Absprache mit anderen Foodsavern und den kooperierenden Betrieben eingesammelt und „fairteilt“, also gerecht aufgeteilt. Ein Mitarbeiter der Bäckerei gibt das Zeichen zum Abholen. Brot, belegte Brötchen, jede Menge Croissants sind jeden Abend übrig. Die Foodsaver nehmen die gefüllten Kisten und tragen sie unter eine Brücke. Dort ­warten schon obdachlose Menschen auf die Verteilung. Jeder sucht sich aus, was er oder sie möchte. Gern genommen wird alles, was vegetarisch ist. Die Backwaren, die sonst im Abfall gelandet wären, werden direkt weitergereicht.
Bei Foodsharing arbeiten alle ehrenamtlich. Damit kann man viel erreichen – aber bürgerschaftliches ­Engagement hat seine Grenzen. 95 Prozent der Menschen in Deutschland wollen laut Umfrage des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft Lebensmittelabfälle vermeiden. Da ist auch die Politik gefragt, mehr denn je.
Eine Idee der Bundesregierung sind die Aktionstage gegen Lebensmittelverschwendung. Bei brütender ­Hitze, am 4. Juni, treffen sich verschiedene Initiativen auf dem Postdamer Luisenplatz – und deutschlandweit in 13 Städten. Rund 1.000 Besucher in Potsdam schauen sich die Stände der Tafel und von Initiativen wie Slow Food Deutschland an. Besonders interessiert sind ­viele an der noch wenig bekannten, kostenlosen App „too good to go“. Mit ihr kann man für zwei bis drei Euro im Restaurant Essen abholen, das im Müll landen würde.
Das System ist denkbar einfach: Zum Bezahlen gibt man seine Kreditkartennummer ein oder zahlt per Paypal. Dabei gehen zwei Euro an das Restaurant und ein Euro an die App. „Denn wir müssen für die App und die Homepage bezahlen. Und für die biologisch-abbau­baren Boxen, in denen das Essen transportiert wird“, sagt Mitgründerin Mai Goth Olesen. Die Restaurants verdienen so zwar nicht viel, aber immerhin: Sie verdienen Geld mit ihrem Müll.  Die Idee zu „Too good to go“ stammt eigentlich aus Dänemark. Dort wurde die App in zwei Wochen 60.000 Mal heruntergeladen.
Kein Wunder: Alle profitieren von dem System. Die Restaurantbesitzer wissen, dass sie jeden Tag mindestens zwei Boxen Essen wegwerfen. „Für mich ist es gut, wenn das Essen noch jemand kauft, denn ich kann es am nächsten Tag sowieso nicht nochmal anbieten“, ­erklärt Balvir Schwarz, Besitzer des indischen Restaurants Anand Berlin.
„Es ist genug Müll für alle da“, sagt Mai Goth Olesen und lacht. Das Zitat hat sie von Foodsharing-Gründer Valentin Thurn. „Wir streben eine Zusammenarbeit mit Foodsharing an“, sagt Olesen. „Wenn wir größer geworden sind, können wir bei Foodsharing Bescheid sagen, in welchen Restaurants es noch Essen gibt. „Too good to go“ hat eine Nische in der Lebensmittelretter-Szene aufgetan. Denn die Tafeln können das Essen nicht ­nehmen, da es schon geöffnet ist. Die Foodsharing-­Aktivisten wiederum schaffen es nicht, alles auf Freiwilligenbasis abzuholen.
Auch der Bundesverband Deutsche Tafel und Food­sharing haben vereinbart, in Zukunft enger zusammenzuarbeiten. „Durch die Kooperation wird die Arbeit der Tafeln und Foodsharing künftig besser vernetzt“, ­erklärt Jochen Bühl, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel. „Beide Organisationen treten auf sehr unterschiedliche Weise für die Verringerung von Lebensmittelverschwendung ein.“ Während die Tafeln Lebensmittel ausschließlich an bedürftige Personen ­abgeben und durch ihr deutschlandweites Logistiksystem große Spendenmengen verteilen können, richtet sich das Angebot von Foodsharing sowohl an bedürftige Menschen als auch an preis- und umweltbewusste Konsumenten. Und das in zumeist kleineren Mengen.

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Foto: Simon Lange

Nächstes Ziel: Wegwerfstopp

Raphael Fellmer, ein Mitbegünder von Foodsharing, sagt: „Mit Foodsharing ist es durch ein dezentrales Netzwerk und unsere von tausenden Freiwilligen genutzte moderne Internetplattform möglich, kleine und große Mengen von überschüssigen Lebensmitteln ­kurzfristig, am Wochenende oder per Anruf vor der Vernichtung zu bewahren. Gerade bei kleineren Mengen, abgelaufenen Lebensmitteln und auch an Lückentagen, an ­denen die Tafeln nicht abholen, können wir die Tafeln bestens ergänzen.“
Doch das reicht der Initiative nicht: Sie fordert auch in Deutschland einen Wegwerfstopp für ­Supermärkte. In Frankre­ich und Wal­lo­nien verbietet ein neues ­Gesetz Super­märk­ten, ess­bare Lebens­mit­tel wegzuw­er­fen. ­Vor­ge­schrie­ben sind Preis­nach­lässe für Unver­kauf­tes, die kosten­lose Abgabe an gemein­nützige Organ­i-
­sa­­tio­nen oder zur Tier­füt­terung. Bil­dungsar­beit und eine verän­derte Einkauf­sstrate­gie gehö­ren dazu. Auf www.leeretonne.de kann man den Vorstoß unterschreiben, 50.000 Menschen müssen mitmachen. Der aktuelle Stand sind 46.183 Unterschriften.
Der Wochenmarkt am Boxhagener Platz in Friedrichshain. Die Foodsaver treffen sich gegen vier Uhr und beginnen ihre Runde. An manchen Ständen ­wissen sie schon, dass sie etwas bekommen, das sonst weggeworfen werden würde. Es gibt Suppe, Gemüse, Obst, Kuchen und wieder belegte Croissants. Jeder ­sammelt etwas ein und verstaut es in mitgebrachten Tüten, ­Taschen und Rollwägen. Am Ende wird alles aufgeteilt. Der Reihe nach werden die Kartoffeln, Zwiebeln und alles andere geteilt. Um die Aktivisten scharen sich obdachlose Menschen, die auch etwas abbekommen wollen. Zuerst sind jedoch die registrierten Foodsaver an der Reihe. Doch eines ist sicher: Am Ende ist genug „Müll“ für alle da.

Text: Anne-Lydia Mühle

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