Schön wars: Forecast Festival

Realitätscheck

Zwischen Solarsystemen für Straßenbeleuchtung und Software für Bauschutt forscht der Dramaturg und Schauspieler Arne Vogelgesang zu Selbstdarstellungen von Radikalisten im Netz

Arne Vogelgesang in der Rolle des Anders Breivik (hinten) Forecast Forum 2015. Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de (Veroeffentlichung nur gegen Honorar und Belegexemplar)
Arne Vogelgesang in der Rolle des Anders Breivik (hinten) Forecast Forum 2015.
Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Es ist eine Kunst, bei der Präsentation dieser Videos so entspannt zu bleiben wie Arne Vogelgesang. Auf der Leinwand erscheinen junge Männer in wackeligen Amateurbildern. Mit einem „Allahu Akbar“ rufen sie zum Dschihad auf. Sie verbrennen ihren EU-Pass im Wald. Und ältere Bürger blicken vor dem Wohnzimmerschrank besorgt in die Kamera ihres Laptops, um vor Asylsuchende und dem Untergang des Abendlandes  zu warnen. Doch Arne Vogelgesang lässt die Beine baumeln, vom Bühnenrand Ende ­Januar im Saal der Heinrich-Böll-Stiftung. Kurz zuvor hat er am Pult gestanden, schwarze Brille, langer dunkler Vollbart, und die Teilnehmer der Dramaturgenkonferenz gewarnt: „Es ist wissenschaftlich ­total untragbar, was ich hier zeige“.
Vogelgesang ist Schauspieler, Autor und Regisseur. Hier aber zeigt er Fundfilme aus dem Netz, weitgehend unkommentiert und unsortiert. Doch auch so wird deutlich, dass viele Hobbyfilmer das Internet als „Proberaum für einen kommenden Bürgerkrieg“ nutzen, wie Vogelgesang sagt. Beim folgenden Gespräch fragen die Dramaturgen, wie lang er das Anschauen aushalte und was das Theater gegen die verbale und bildliche Aufrüstung zu tun vermag. „Ich handele nicht politisch, sondern künstlerisch. Ich protokolliere nur“, sagt Vogelgesang. Die Videosammlung sei ein politisches Lehrstück „ohne Autor“. Vogelgesang studiert Botschaften, Gesten, Mimik und Kulissen der Radikalisierten, um diese zu verstehen und  auf keinen Fall zu unterschätzen.
Auf dem „Forecast Festival“ am 26. und 27. Februar im Haus der Kulturen der Welt will er es Besuchern ermöglichen, den Empörten mittels körperlicher Erfahrung nahe zu kommen. In einem Digitalisierungslabor, „Mirror Stage“ genannt,  können sie sich in der Rolle radikalisierter Bürger filmen lassen und ihre Avatare dann animieren.

Bartwuchs und Alkoholverzicht

In die Rollen der vermeintlich Anderen ist Vogelgesang, 1977 in Ost-Berlin geboren, schon oft geschlüpft,  um Erkenntnisse über das Beängstigende zu gewinnen, vor allem in Wien, Leipzig und Berlin, wo seine Theatergruppe „internil“ tätig war und ist. Seine extremste Rolle ist die des Anders Breivik, der 2011 in Norwegen 77 Menschen tötete. Während eines Stipendiums in Norddeutschland las Vogelgesang dessen Tagebücher und adaptierte das mönchische Leben des Attentäters, inklusive ­Alkoholverzicht und Bartwuchs.
Mit dem „Forecast Festival“ hat Vogelgesang nun ein interdisziplinäres Forum: Das Fest basiert auf einem Wettbewerb, dessen Gewinner ein Jahr lang von Mentoren begleitet werden. Am Ende soll das Wissen öffentlich werden. So zeigt Vogelgesang „Mirror Stage“ neben experimentellen Arbeiten wie einem Computerprogramm, das aus Bauschutt neue Formen schaffen soll, und ­einer flexiblen Straßenbeleuchtung mit Solarstrom. Was aber bereits nach Arne Vogel­gesangs Vortrag Ende Januar zu erkennen war: Der Andere ist so anders gar nicht. Wie der Bürger, der mit Steuervorteilen für den Dschihad warb, oder jener, der sich vor einem edlen Tischlerschrank filmte, um Deutschland sorgte und dabei ausgerechnet Heinrich Heine zitierte.

26.2. ab 18  +  27.2. ab 15 Uhr: Forecast Festival, Haus der Kulturen der Welt,
John-F.-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Eintritt frei

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