Dokumentarfilm

Fortschritt und Zerstörung: „Erde“ im Kino

Der österreichische Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter hat Orte besucht, an denen richtig viel Erde bewegt wird

Nikolaus Geyrhalter/ Real Fiction

„Es gibt keine Grenzen. Nur die, die man sich selbst setzt“, philosophiert der Vorarbeiter einer gewaltigen Baustelle im kalifornischen San Fernando Valley. Man versetzte hier buchstäblich Berge, ergänzt er, während der Blick auf eine gewaltige Ödlandschaft fällt, die von riesigen Baumaschinen für eine noch zu bauende Stadt planiert wird.

60 Millionen Tonnen ­Oberflächenmaterial würden täglich durch Winde und Flüsse bewegt, heißt es im neuen Werk des österreichischen Dokumentarfilmers Nikolaus Geyrhalter gleich zu Beginn. Wohingegen mittlerweile täglich 156 Millionen Tonnen durch Menschen bewegt würden. Damit sei der Mensch „der ­entscheidende geologische Faktor der Gegenwart“. Für „Erde“ besuchte Geyrhalter deshalb Orte, an denen diese Eingriffe in die Natur besonders augenfällig sind: vom Tunnelbau am Brenner bis zum Braunkohletagebau in Ungarn oder einem Marmor-Steinbruch im italienischen Carrara.

Dass Geyrhalter dem menschlichen Treiben skeptisch gegenübersteht, daraus macht sein Film keinen Hehl. Doch die Interviews, die der Regisseur mit Arbeitern, Ingenieurinnen und Geologinnen führt, sind geprägt von Respekt. Man sieht reflektierte Menschen, die sich der Auswirkung ihres Tuns durchaus bewusst sind – die aber zugleich auch ihren Stolz auf ihre Arbeit offenbaren.

Auch in der Ästhetik von „Erde“ spiegelt sich eine Faszination für Großbaustellen und gewaltige Maschinen durchaus wider. Geyrhalter, der auch sein eigener Kameramann ist, produziert Bilder für die große Leinwand, er sucht und findet die ästhetisch ansprechenden Perspektiven. Doch bei aller Faszination wird auch deutlich, in welchem Ausmaß der Mensch seine Umwelt zerstört.

Ob der Mensch eine gute Spezies sei, fragt Geyrhalter einmal etwas provokant. Die junge Mitarbeiterin eines ungarischen Museums hat darauf eine vorsichtige, aber treffende Antwort: „Es ist unwahrscheinlich, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

Erde A/D 2019, 115 Min., R: Nikolaus Geyrhalter, Start: 4.7.