Bühne

Frau Schinkel hat Geburtstag

Seit zehn Jahren gibt es die Kieztheaterserie „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“
vom Prime Time Theater. Eine Erfolgsgeschichte

Text: Axel Schalk

Das Konzept ist so bestechend wie einfach, und es hat getragen: Seifenoper trifft auf Sitcom, die Endlosserie mit Weddinger Kiez­typen lässt Gag auf Gag und Sprachspiel auf Sprachspiel folgen. Die im Fernsehen üblichen eingespielten Lacher vom Band braucht es in der Kultserie „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ nicht, im Theater gleich gegenüber der Arbeitsagentur Wedding lacht das Publikum selbst.

Und „Humor verbindet“, sagt Oliver Tautorat, der mit der Schauspielerin und ­Autorin Constanze Behrends das Thea­ter vor zehn Jahren gründete. Das Ensemble besteht aus Dönerlieferant Murat, der sich dauernd Gel ins Haar schmiert, man weiß ja nicht, wen man heute noch so trifft. Er mutiert mitunter zum massigen Postboten Kalle, der für seine Verhältnisse im Kiez bekannt ist. Es gibt die Kiezschlampe Sabrina und Murats Onkel Achmed, einen zappligen Dönerverkäufer, verheiratet mit Heidemarie Schinkel, der Leiterin des örtlichen Arbeitsamts. Die hochgewachsene Frau mit dem straff zusammengebundnen Haar sächselt und hat in dieser multikulturellen Ehe natürlich das Sagen.

Gespielt wird Frau Schinkel neben zahlreichen anderen Rollen von Constanze Behrends, die auch die bislang 88 Folgen geschrieben hat. Sie ist dabei immer ganz dicht dran an der Weddinger Realität, die in manchen Folgen auch etwas von einem Comicstrip hat.

Bis zu fünf Rollen jeweils spielen die sechs Darsteller pro Serie. Murat ist plötzlich der servil glatte Nachrichtensprecher, der neben der grinsenden Kollegin sitzt, die kurz vorher noch Frau Schinkel war. Die Soap-Opera wird vom Kopf auf die Füße gestellt, und so verdreht und unwahrscheinlich die Verhältnisse auch sind, diese Figuren, diese Typen und ihre prekären Verhältnisse kennt man.

Das Haus ist nicht nur für den Weddinger Kiez eine feste kulturelle Größe. Es ist das, was es in der Regietheaterwelt selten gibt: ein Konzepttheater. Es orientiert sich an seinem Publikum und macht keine Kunst um der Kunst willen. Gründer Oliver Tautorat sagt: „Eigentlich machen wir Ursprungs­theater wie die alten Griechen, wir sind ein Teil des öffentlichen Lebens, ein Ort, der ein unterhaltsames Spiegelbild des Alltags ist.“

„Immer dicht dran an der Weddinger Realität“

Dieses Theater ist im besten Sinne eine Spielhölle und gleichzeitig inzwischen ein Treffpunkt, ein Forum der Nachbarschaft. Wie im Schneeballverfahren hat das Prime Time Theater sein Publikum erobert. Da kommt der Lehrer mit den Schülern und die dann mit ihren Eltern oder Freunden.

Es ist nicht nur die grelle Komik der Kurzszenen und deren überraschende Umschläge, die den Erfolg dieser Weddinger Bühne ausmachen. Hier beginnt die Vorstellung an der Kasse, die Wand zwischen Bühne und Publikum ist gefallen, eine ­Community lacht miteinander statt übereinander. Und auch Nicht-Weddinger sind willkommen.

Das Prime Time Theater ist vital geblieben; es stellt weiter mit stechenden Blicken auf den Alltag zwischen Rehberge und Humboldthain wichtige Fragen.

„Best of 10 Jahre Gutes Wedding, schlechtes Wedding“, 10.1.- 9.2., 20.15 Uhr, Prime Time Theater. Regie: Constanze Behrends; mit Oliver Tautorat, Cyntia Buchheim, Philipp Lang, Daniel Zimmermann.Eintritt 15-17, erm. 9,50-11 Euro