Kino

Freiheit

Was ist los mit dieser auffällig unauffälligen Frau, die scheinbar ohne größeres Gepäck und ein ­konkretes Ziel durch Europa reist und zudem oft, etwa in Hotels, ­einen erfundenen Namen angibt? ­Warum will sie nicht gefunden werden? Nora ­(Johanna Wokalek) ist 40 Jahre alt und lässt sich ­treiben, scheinbar ziellos. Von Wien zieht es die Deutsche eher zufällig in Richtung Slowakei, nur weg aus dem deutschsprachigen Raum. In ­Bratislava lernt Nora dann ­Etela und deren Gatten Tamás kennen, sie ist ­überaus fasziniert von Etelas Arbeit als Stripperin.

Spaß im Job als Zimmermädchen: Nora (Johanna Wokalek, li.)
Foto: Film Kino Text

Szenenwechsel: Berlin. Philip (Hans-­Jochen Wagner) versucht, seinen beiden Kindern Lena (12) und Jonas (8) so etwas wie Normalität vorzuleben. Und das nun schon seit über zwei Jahren, seit seine Frau Nora von einer Sekunde auf die andere spurlos verschwunden ist. Sogar übers ­Fernsehen hat er nach ihr gefahndet: Fehlanzeige. Kein Wort, keine Nachricht von Nora. Ist sie tot oder nur weg?
Rückblende: Nora und Philip beim Abendessen zuhause. Überhaupt nichts, auch kein emotionaler Ausbruch, weist ­darauf hin, dass Nora gleich ­gehen und nicht mehr wiederkommen wird.

Nach dem vielbeachteten „Die Vermissten“ glänzt der Berliner Autor und ­Regisseur Jan Speckenbach mit seinem neuen Film nicht nur durch das faszinierende Porträt ­einer Frau im Ausbruch, er verfällt auch nicht wie so viele seiner filmenden Landsmänner aufs Lamentieren, schreibt seinen Protagonisten keine langen Monologe zu, in denen sie sich erklären, sondern konzentriert sich ganz auf atmosphärisch dichte Bilder, die in ihrer Zerrissenheit auch das Innenleben Noras symbolisieren.

Dem Zuschauer bleibt Raum, sich selbst in Nora hineinzuversetzen: Was ist wichtiger: Freiheit oder Verantwortung? Speckenbach evoziert in seinem raffiniert verschachtelten Drama Gedankenexperimente – mit einem Schlussbild, das mehr Fragen offenlässt als sie zu beantworten. Nach der Premiere bei den Hofer Filmtagen gab Hauptdarstellerin Johanna Wokalek ganz offen zu, dass sie das Ende nie ganz verstanden habe. Was zu diesem meisterlichen, ­geheimnisvollen Film wiederum passt.

D/Slowakei 2017, 100 Min., R: Jan Speckenbach, D: Johanna Wokalek, Hans-Jochen ­Wagner, Inga Birkenfeld, Andrea Szabová

Freiheit (2018)

Kommentiere diesen Beitrag