Berlin

Freiheit!

Immer mehr geflüchtete Syrerinnen trennen sich von ihren Männern. Wir haben sie gefragt, warum
Text: Jasna Zajcek und Yahya Alaous; Fotos: Patricia Schichl

  Eigentlich hatten sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten.

Doch dann blühen sie plötzlich auf. Es ist der Moment, in dem sie realisieren, dass sie Hilfe bekommen können, gemeinsam mit ihren Kindern auf eigenen Füßen zu stehen. „Der ist unbeschreiblich“, sagt Tina H.

Tina H. arbeitet in einem großen, privat geführten Flüchtlingsheim. Sie ist eine von vielen Helferinnen, die gerade mitbekommen, wie geflüchtete Frauen in der neuen Freiheit in Deutschland ankommen. „Immer mehr Syrerinnen trennen sich hier von ihren Männern“ sagt die syrische Frauenrechtsaktivistin Mayyada Massoud, die in Berlin verschiedene Workshops mit Syrerinnen leitet. „Das ist doch ganz normal, bei all den Zwangsverheiratungen, die es in unserem Land gab.“ Bei ihren Kursen erführen die Frauen, dass sie als Menschen genau so viel wert wie jeder andere sind – und das auch ohne Ehemann. So könnten die Frauen langsam beginnen, „ihr ganzes Leben noch einmal neu zu denken. Für sich zu träumen!“

Die Trennung sei in Deutschland, im Vergleich zu Syrien, ein Kinderspiel, erklärt die Frauenrechtsexpertin und zweifache Mutter. Schließlich, so sagt Massoud, stünden in allen Heimen Sozialarbeiterinnen bereit, die geschult seien, mit zum Beispiel misshandelten Frauen Kontakt aufzunehmen. Durch spezielle Gesprächstechniken schaffen sie ein Klima des Vertrauens, in dem sich die Frauen öffnen können. „Dass körperliche Misshandlung ein ‚No-Go‘ ist, müssen wir vielen Frauen oft erst klar machen“ berichtet Sozialarbeiterin Tina H. „Dadurch, dass sich Gewalterfahrungen bei vielen Frauen durch alle Lebensphasen ziehen, haben sie schrecklicherweise eine wahnsinnig hohe Toleranz gegenüber ihren gewalttätigen Ehemännern.“

Die Frauen, die wir interviewten, wollen anonym bleiben, deshalb hat eine unserer Fotoredakteurinnen Szenen aus deren Leben für uns nachgestellt
Foto: Patricia Schichl

Eine große Sorge der Frauen mit Trennungsabsichten sei die um die Kinder, aber auch um das laufende Asylverfahren. Schließlich seien viele Frauen aus arabischen Ländern und auch aus dem Iran oder Afghanistan in dem Bewusstsein erzogen worden, nicht so viel wert zu sein wie Männer. Eine Rechtsberatung in ihrer Landessprache kann ihnen völlig neue Aussichten eröffnen.

Denn in den Herkunftsländern sind Scheidungen im Gesellschafts- und Familienpakt oft schlichtweg nicht vorgesehen. Wenn eine Frau in Syrien Trennungsabsichten äußert, kommt ein Trupp an familiären, selbsternannten Expertinnen auf sie zu, die sie beschwatzen. Hilft das nicht, kann auch gedroht werden. Zu guter Letzt bleiben die Frauen dann meist beim Mann, um das Sorgerecht für die Kinder nicht zu verlieren. Und das Ansehen ihrer Familie zu wahren. Denn natürlich folgt auf eine Scheidung in arabischen Ländern die gesellschaftliche Ächtung – die Frau wird sich nicht gut genug in die Ehe eingebracht haben, heißt es zumeist, denn die Schuld wird bei der Frau gesucht. Die dann, oft berufslos, Unterschlupf im Hause ihrer Eltern finden muss, als Hausmädchen, bis ins hohe Alter, und ohne Chance, ihre Kinder je wiederzusehen.

Gesicherte Zahlen darüber, wie viele syrische Frauen sich in Berlin von ihren Männern trennen, gibt es noch nicht. Aber eine inoffizielle Umfrage unter Flüchtlingshelferinnen zeigt zumindest, dass jede von ihnen einige Syrerinnen kennt, die sich von ihren Männern trennen.

Die Namen der Interviewpartnerinnen in den folgenden Interviews wurden geändert.


»Mut, mich zu wehren«

Nancy, 32, aus Damaskus, hatte genug von den Schlägen ihres Mannes

„2015 kam ich, zusammen mit meinem 40-jährigen Ehemann und meinem Sohn, damals 5, über die Balkanroute nach Deutschland. Für mich begannen die Probleme, als mein Mann mir das mir zustehende Arbeitslosengeld II vorenthielt. Ein halbes Jahr lang wusste ich, dass er sich nicht korrekt verhielt. Ich wusste auch, dass das Geld für mich und nicht für die von meinem Mann geführte Familienkasse bestimmt war. Doch ich wollte Ärger vermeiden.

Solange der Asylantrag in der Schwebe war, hatte ich Angst, dass ich oder wir drei unsere Duldung verlieren und abgeschoben werden würden. Ich kenne es aus Syrien nur so: bei uns ist bei Scheidungen fast immer die Frau die Schuldige, die von der Familie des Mannes verstoßen wird und dann zurück ins Haus der Eltern ziehen muss. Danach kann eine Frau eigentlich nicht mehr heiraten, sie ist gebrandmarkt. Eine Frau kann dann nur noch gesellschaftliche Ächtung und sozialen Abstieg für ihr vermeintliches eheliches Fehlverhalten erwarten. In der Sharia-Rechtsprechung steht das Sorgerecht für die Kinder ab dem Alter von acht Jahren nur dem Vater zu. Aber in Deutschland lernte ich, dass es hier anders läuft. Ich fand Vertrauen in das System und gewann Mut, mich zu wehren. Mit Beginn meines Sprach- und Integrationskurses fielen die Ängste langsam ab. Ich traute mich, meinen Mann nach meinem Geld zu fragen. Er wies mich ab und versuchte zunächst, mich mit 100 Euro pro Monat ruhigzustellen. Doch ich bestand darauf, dass er mir die gesamte Summe von 364 Euro auszuhändigen hätte, woraufhin er wieder damit anfing, mich zu schlagen. Das hatte er in Syrien schon getan, es seit dem Neustart in Deutschland aber unterlassen.

Er schimpfte mich ,rebellisch‘, dabei wollte ich nur normal selbstständig werden. Das schätzte er nicht, so versuchte er, mich wieder in den islamischen Rahmen zu zwängen. Er bestand darauf, dass ich wieder das Kopftuch anlegte und meinen ,westlichen‘ Stil – Jeans mit einem langen, weiten Pullover darüber – wieder zugunsten der korrekten islamischen bodenlangen Kleider ablegte. Damals wohnten wir noch im Übergangswohnheim in Marienfelde. Permanent kam es zwischen uns zu Streitigkeiten, die immer öfter zu Handgreiflichkeiten wurden. In unserem Übergangswohnheim in Marienfelde gab es so dünne Wände, dass man jeden Satz, jedes Hüsteln der Nachbarn mitbekam.

Natürlich wurden auch unsere Nachbarn aufmerksam. Sie bekamen immer mehr Brutalitäten mit, mischten sich aber nicht ein. Niemand rief die Polizei oder den Sicherheitsdienst. Klar, Menschen in schwebenden Asylverfahren wollen nicht auffallen oder Ärger bekommen. In Syrien ist die Polizei nicht ,Freund und Helfer‘ wie hier. Wir haben alle schlechte Erfahrungen mit der willkürlich handelnden und korrupten Staatsmacht. Als eines nachts mein Mann aber auf meinen Kopf einprügelte, war mir das alles egal. Schließlich, dachte ich mir, ist das hier Deutschland, hier haben alle Menschen die gleichen Rechte und niemand darf jemand anderem so etwas antun. Erstmals – und endgültig – dachte ich: ,Jetzt reicht es‘.

Mit Hilfe von Flüchtlingshelfern, Freunden und offiziellen Beratungsstellen konnte ich die Scheidung recht zügig einleiten. Als sie durch war, dachte ich, dass ich diesen erleichternden Schritt schon viel früher hätte machen sollen. Jetzt habe ich viel mehr Zeit, endlich mal meine eigenen Interessen zu entdecken, das ist für mich eine ganz besonders schöne Erfahrung. In der Flüchtlingsunterkunft, in der ich jetzt lebe, nehme ich regelmäßig an einem Workshop teil, in dem syrische Frauen den Umgang mit Leder lernen. Ich habe meine Liebe zum Gestalten, zum Basteln, zum Nähen in der Gruppe mit anderen Frauen gefunden. Nun hoffen wir, dass wir bald bei befreundeten Initiativen weitere Ausstellungen unserer kunstvollen Ledertaschen organsiert bekommen und vielleicht ein wenig Geld mit dem Verkauf verdienen können.


»Ich habe ihn nie geliebt«

Umm Mohammed, 45, aus Hama, hat ihren Mann in Syrien zurückgelassen

Foto: Patricia Schichl

„Ich habe drei Söhne. Mit ihnen bin ich 2014 in die Türkei gegangen, später dann, als ich genug Geld zusammenhatte, mit dem Schlauchboot nach Griechenland und weiter, fast nur zu Fuß, nach Deutschland. Mein Mann wollte nicht mit. Er ist schon 60, bei uns ist das sehr alt. Hier, habe ich gelernt, sagt man: ,das ist kein Alter‘. Er hat mir schon in Syrien bei all meiner Hausarbeit nie geholfen, auch Geld musste ich verdienen. Es war auch keine Liebes- sondern eine Zwangsheirat. Mein Mann hat selbst nie richtig gearbeitet und mir kein Geld gelassen – von dem, was ich verdient habe. Er wollte mich unselbstständig halten.

Aber im Krieg zu bleiben und dort mit unseren Kindern zu sterben, oder zuzuschauen, wie sie in der Armee oder von Milizen totgeschossen oder verstümmelt werden, das konnte er mir nicht vorschreiben. Als wir weg waren, hat er sich einfach nicht mehr bei uns gemeldet. In Deutschland kamen wir glücklicherweise im Oktober 2015 an. Bis April 2016 kam weiterhin keine Meldung von ihm – und dann plötzlich, als er wohl über Verwandte erfahren hatte, dass wir hier sind, da rief er an. Er wollte, dass ich ihm Geld sende und dass ich die Familienzusammenführung beantrage. Aber da wollte ich von ihm schon längst nichts mehr hören. War ich doch hier schon auf dem besten Weg, unabhängig von einem Mann zu leben. Ich mache lieber Hausaufgaben mit meinen Söhnen, als mich um meinen Mann zu kümmern. Nicht nur, um mein Deutsch zu verbessern. Wenn sie in der Schule sind, gehe auch ich in die Schule, anstatt wie andere Frauen zu kochen, zu putzen und zu waschen. Das hatte ich lange genug, das brauche ich nicht mehr.

Deutschland gibt mir die Möglichkeit, mich um mich zu kümmern, zu schauen, was ich noch im Leben erreichen kann, sogar einen Beruf kann ich hier noch lernen. Wenn ich meine Deutschprüfung habe, möchte ich ein Praktikum als Altenpflegehelferin machen. Das kann ich hier – mit 45! In Syrien ist eine Frau mit 45 schon sehr alt. Hier sehe ich selbstständige Frauen, die noch mit 60 jugendlich wirken. Das möchte ich auch für mich, dachte ich mir. Ich habe mir Hilfe gesucht, dann die Scheidung beantragt. Ich will hier frei leben und brauche wirklich keinen Mann, der über mich herrschen will. Hier können Frauen nämlich wirklich frei und auch alleine gut leben, und niemand entscheidet oder urteilt über mich. Geliebt habe ich meinen Mann ohnehin nie.“


»Er wollte seine Sklavin«

Fatma, 35, aus einem kleinen Dorf bei Aleppo, brauchte erst einen Selbstmordversuch,  bis sie begriff, was sie wirklich will

„Ich bin erst vor ein paar Monaten mit dem offiziellen Programm der Familienzusammenführung gekommen. Aber das Verhalten meines Mannes hier war schrecklich – von meinem ersten Tag in Deutschland an wollte er alles, jeden Schritt, kontrollieren. Er wollte mir verbieten, neue Menschen kennenzulernen und ganz einfache, lockere Bekanntschaften zu schließen. Er wollte, dass ich immerzu bei ihm bin und weigerte sich, mir das deutsche System mit den staatlichen Hilfen für uns Syrer zu erklären. Er wollte mir nicht einmal sagen, wieviel Geld mir zusteht, geschweige denn, mir meinen Teil auszahlen.

Foto: Patricia Schichl

Meine Vorstellung von Deutschland war eine ganz andere. Natürlich habe ich davon geträumt, ein besseres Leben als zuvor zu führen. Immerhin komme ich aus einer frauenverachtenden Gesellschaft und aus dem Krieg. Aber was ich vorfand … Plötzlich durfte ich keine Bekanntschaften schließen. Ich konnte das Haus nicht verlassen, ohne ihm genau mitzuteilen, mit wem ich warum wohin wollte. Er wollte mich als seine Sklavin halten, die die ganze Arbeit zu machen hatte, und dabei von meinem ,Gehalt‘ leben.

Eine ganz besonders tolle Sache in Deutschland sind die Sozialarbeiter. Sie schienen zu bemerken, dass etwas nicht stimmte, nach deutschen Maßstäben zumindest. Sie spürten wohl, dass er mich schlug und boten mir immer wieder alle möglichen Hilfestellungen an. Nach einem Monat hier wusste ich noch nicht, ob ich ihnen wirklich vertrauen konnte, und ich hatte keine Ahnung, ob sie meinen Mann irgendwie von der Gewalt gegen mich abbringen könnten. Ein paar Wochen später bat ich sie um Hilfe gegen die Misshandlungen, aber ich war schon längst am Ende meiner Kräfte.

Selbstmord schien mir die einzige Lösung. Zum Glück aber überlebte ich. Nach ein paar Wochen der guten Betreuung im Krankenhaus habe ich wieder zu mir selbst gefunden und freue mich, dass wir keine Kinder haben, es würde alles schwer machen. Denn jetzt konnte ich mit viel Unterstützung der Sozialarbeiter den Scheidungsprozess einleiten. Da ich jetzt zusammen mit anderen Frauen in einem sicheren Frauenhaus lebe, genieße ich es sehr, Freundschaften schließen zu können. Mit wem auch immer ich mag, trinke ich Kaffee, wir tauschen Kleidung aus, plaudern über das alte Leben in Syrien und wie wir uns das neue Leben vorstellen. Nur das mit dem Deutschlernen, das macht mir noch nicht so richtig Spaß. Auch wenn wir uns vornehmen, heute wird nur deutsch gesprochen, lache ich mit meinen arabischen Freundinnen über unsere deutsche Aussprache und plaudere dann doch auf Arabisch weiter.“


Adressen, an die sich Frauen aller Länder – oder ihre Betreuerinnen und Freundinnen wenden können:

BIG e.V. Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen. Hotline bei häuslicher Gewalt – Hilfe für Frauen und ihre Kinder:
Tel. 030/611 03 00 (täglich rund um die Uhr) www.big-berlin.info
www.women-in-exile.net
iwspace.wordpress.com
www.papatya.org

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