FESTIVAL

Im Geschlechterzirkus

Die Nachwuchsplattform „Freischwimmen“ vereint sich mit „The Future Is Female“ zum Festival „Freischwimmer*innen“. Die Sophiensaele mutieren dabei zum Labor in Sachen Genderpraxis ­

Schamlose Komik: Ursula Martinez, Zoë Combs Marr und Adrienne Truscott in „Wild Bore“ – Foto: Maria Baranova

Text: Anna Opel

Gegen den Strom schwimmen und das bevorzugt im Kollektiv. Das „Freischwimmer-Festival“ und das queerfeministische Festival „The Future is Female“ fusionieren in diesem Jahr zu einem bunten Happening der Vielen. In den Sophiensaelen gibt es dabei Neues zu entdecken. Die genderinklusive Schreibweise Heldx für Personen jeglichen Geschlechts, denen wir nacheifern dürfen zum Beispiel. X oder Innen, wie formt Sprache unser Denken? Kommunizieren wir politisch korrekt oder politisch effektiv? Oder gehört das alles unter denselben Hut?

In den Sophiensaelen werden nun die neuesten Kunststücke aus dem Geschlechterzirkus vorgeführt und zum Mitmachen empfohlen. Die Formate sind partizipativ und die Macher*innen treten ohne Ausnahme in kollektiven Formationen auf. Auch das ein Ausdruck dafür, dass die Suche nach Alternativen zum Geniekult und Konkurrenzgebaren in der Szene auf Hochtouren läuft.

Beim sportlichen Zwölfkampf ­„Sweat“ (29.+30.11.) dürfen sich alle als ­Champions fühlen. Er stammt aus dem kulturwissenschaftlich geschulten Ideenpool von ­Riebensahm/Ahmad Hashemi/­Hourmazdi/ Christians und Schwenk. „Die große M.I.N.T-Show“, (29.+30.11.) erdacht von der Performancegruppe Hannsjanna, untersucht, wie Ausschlussmechanismen in der Naturwissenschaft funktionieren. Weiche und harte Schulfächer, was soll das überhaupt sein, und warum studieren immer noch so wenige Frauen Informatik?

Wer sie bereits vor zwei Jahren beim ersten komisch grundierten Zukunfts-Festival kennenlernte, freut sich auf das Wiedersehen mit der New Yorker Performerin ­A­drienne Trsucott. Damals zog sie 20 Büstenhalter aus, zwängte sich Unten Ohne durchs Publikum und erzählte Vergewaltigungswitze von Prominenten nach. Mit super­lässigem Fastforward-Gestus emanzipiert sich die Performerin on stage vom sexua­lisierten Objekt zum Subjekt. Diesmal lässt Truscott sich, gemeinsam den Kolleginnen Ursula Martinez und Zoë Coombs Marr – alle praktizierende Comediennes – in „Wild Bore“ (krasse Langeweile) (3. + 4.12.), die Verballhornung von „Wild Boar“ (Wildschwein) die Verrisse ihrer Shows buchstäblich am Arsch vorbeigehen. Ja, auch wir Kritikerx kommen manchmal in komischen Kontexten vor.

Die Gruppe Cis zeigt mit „Dark Daily Soap“ (1., 3.-6.12.) einen Avantgardefilm, in dem fünf Liebesgeschichten erzählt werden – ohne Darstellerx und damit bar jeder Ablenkung durch lästige Genderfragen.

Wer sich im diskursiven Part des Festivals „Politics of Love“ intensiver mit dem neuen Trend zur „Softness“ auseinandergesetzt und dabei vielleicht festgestellt hat, dass angesichts der politischen Großwetterlage die verfügbaren Safe Spaces nicht ausreichen, um alle Schutzsuchenden aufzunehmen, freut sich vielleicht über das Angebot, sich in der „Angry Hour“ (3. + 4.12.) der Wienerinnen Tiina Sööt und Dorothea Zeyringer mit der Enzyklopädie des weiblichen Wutausbruchs vertraut zu machen. Genau: Ausrasten als Empowerment-­Strategie.

Das Festival verspricht substantiellen Input und unterhaltsame Praxistests in Sachen Gendergedöns. Als erstklassige Ablenkung vom öden Adventskommerz sei es den Zuschauerx warm empfohlen.

29.11.–8.12., Sophiensaele, Sophienstr. 18, Mitte. Eintritt 15/, erm. 10 €, Kombiticket 23, erm.15 €, Vortrag + Diskurs 5 €, www.sophiensaele.com