Was mich beschäftigt

Fremdbestimmte Frauenkörper

Die E-Mail begann sehr euphorisch (und reichlich verlogen!) mit „eine Schwangerschaft gehört zu den schönsten Erfahrungen einer Frau,…“ – um die angesprochenen Mütter sodann knallhart herunterzuputzen: ­„…aber sie hinterlässt am Körper oft auch unliebsame Spuren: der Busen hängt, die Bauchdecke ist schlaff und die Muskeln schließen nicht mehr richtig, die überschüssigen Fettkilos setzen sich in Reiterhosen fest.“ 

Absender der offenbar bundesweit verschickten Mail, die mich Ende letzten Jahres unerwartet auf meinem Verlags-Account erreichte, war die Münchener Klinik „Ästhetik an der Oper“. Sie warb für ein detailliert beschriebenes Rundum-Programm, mit dem die nun angeblich optisch ruinierten Geschöpfe – Frauen, die geboren hatten – „zum alten Wohlfühlkörper zurück finden“: operative Brustanhebung mit oder ohne Silikonkissen, Bauchdeckenstraffung, Fettabsaugung an Hüfte, Beinen, Po, gerne auch die „immer beliebter werdenden Schamlippenverkleinerungen“. – „Mommy Make-Over“ wird dieses blutige Gemetzel nicht nur bei „Ästhetik an der Oper“, sondern auch in Berliner Schönheitskliniken verniedlichend – und völlig verharmlosend – genannt. Als wenn sich die Betroffenen nur mal eben ihre Frisur richten, die Augenbrauen zupfen oder die Nägel feilen ließen.

Zwar dürfen Anbieter*innen von Schönheitschirurgie, wie alle Mediziner*innen, nur eingeschränkt werben, Vorher-Nachher-Bilder etwa, die ästhetische ­Erfolge suggerieren, die tatsächlich jedoch nicht garantiert werden können, sind verboten. Vermeintliche Bedürfnisse nach dem „Wohlfühlkörper“ dürfen aber genauso geweckt werden, wie die Hoffnung auf mehr „Selbstbewusstsein“ aufgrund der angeblich größeren Attraktivität der dann operierten Frau herbeigeredet werden darf. 

Geht es hingegen darum, es gar nicht erst zu einer Geburt kommen zu lassen, sprich: eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden, stehen Frauen bezeichnenderweise vor einer Mauer des Schweigens. Denn auch nach der kürzlich erfolgten „Reform“ des Paragraphen 219a – er verbietet Werbung für Schwangerschaftsabbrüche – dürfen Ärztinnen und Ärzte neuerdings in aller Kürze zwar angeben, dass sie Abtreibungen vornehmen. Nicht aber, nach welcher Methode beim Abbruch vorgegangen wird und ob der Eingriff mit Vollnarkose oder lokaler Betäubung geschieht. Dabei sind dies wichtige Informationen – und keine Werbung! –, die die Betroffenen sofort und nicht erst auf Bittstellerinnen-Umwegen benötigen. 

Diese Diskrepanz zwischen den Anpreisungsmöglichkeiten für medizinisch in der Regel komplett überflüssige, zudem riskante Schönheits-OPs nach Geburten kontra dem Maulkorb für Ärzt*innen, die Abtreibungen vornehmen, senden eine deutliche Botschaft: Weibliche Körper – und damit das Frauenleben – sollen fremdbestimmt bleiben. Schwanger- und erst Recht Mutterschaft werden so zu einer Falle, katapultieren Frauen, mehr als ohnehin schon, in den Fokus der Kritik: So tragen an unge­wollten Schwangerschaften seltsamerweise stets nur ­Frauen – und nie Männer – die „Schuld“. Und natürlich müssen sie für alle Konsequenzen einstehen. 

Als Mütter dann, ob berufstätig oder nicht, werden Frauen mit einem Gebirge nichterfüllbarer Ansprüche konfrontiert. Und als sexuelle Wesen wird ihnen, siehe oben, siehe Insta­gram, siehe die Macht der uns umgebenden Bilder, ohne einen nach Schema F konfektionierten Körper zunehmend die „Marktfähigkeit“ abgesprochen. 

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-Autoren große und kleine Alltagsfragen.
Dieses Mal: Redakteurin Eva Apraku
‚Foto: F. Anthea Schaap

Noch Lust auf Sex? Gar auf Nachwuchs? Bei diesen Überlegungen kann das schon mal abhanden kommen. Denn warum sollen wir Frauen uns eigentlich den ganzen Mist antun? Damit uns mit jeder Schwangerschaft, vor allem mit jeder Geburt, stets aufs Neue die geballte Verachtung – und Entmündigung – trifft?