Berliner Kunsthäuser

Schwerelos im Weltraum

Mit Friedrich Kiesler stellt der Martin-Gropius-Bau eine Ausnahmepersönlichkeit der Moderne vor, die hierzulande wenig bekannt ist

Er hatte ein strenges Credo:  „Die Funktion folgt der Vision. Die Vision folgt der Realität“. Friedrich Kiesler formte seine Visionen in futuristisches Design und biomorphe Archtitekturen. Der Universalkünstler und Raumdenker entwarf Galaxien und endlose Häuser. Ganzheitliches Denken und Forschen bestimmten die Arbeit des 1890 im österreichisch-ungarischen Czernowitz Geborenen. Nun richtet der Martin-Gropius-­Bau diesem Jahrhundertkünstler eine längst überfällige Ausstellung aus.

Zum Studium ging Kiesler nach Wien. Dort  werden Otto Wagner und Josef Hoffmann sowie die Idee des Gesamtkunstwerks prägend für sein künstlerisches und theoretisches Werk. Die internationale Avantgarde ist begeistert, als Kiesler 1923 in Berlin im Theater am Kurfürstendamm für Karel ­Čapeks utopistisches Kollektivdrama  W.U.R. ein „elektro-mechanisches“ Bühnen­bild entwirft. Der große Durchbruch gelingt Kiesler schon im Jahr darauf. In Wien, wo er für die „Internationale Ausstellung neuer Theatertechnik  IAT“, im Konzerthaus 1924 den Prototyp seiner „Raumbühne“ baut: offen, spiralförmig, sphärisch, für ein polydimensionales Spiel – der „elastische Raum“. „Mit seiner Raumbühne hat Kiesler nicht nur für das Theater wichtige Impulse gesetzt, sondern entwickelt diese Ideen weiter und macht sie in der Architektur und im Design fruchtbar“, sagt die Kiesler-Forscherin Barbara Lesák.

Biomorphes Formenvokabular

Und bereits 1925 proklamiert Kiesler in ­Paris zur Internationalen Design-Ausstellung die Vision einer „Raumstadt“ als schwebende Megacity. Seine revolutionären Raumkonzepte bringen Friedrich Kiesler eine Einladung nach New York, wohin er schließlich ganz umzieht. Dort beginnt er seine Vision eines Einfamilienhauses zu entwerfen, das „Space House“, das er 1933 in den Schauräumen des ­Modernage Einrichtungshauses als 1:1-Modell aufbaut. Erstmals wendet er sein biomorphes Formenvokabular an und spricht sich für die selbsttragende, mobile Schalenform aus. Fast ausgelassen wirkt dann das futuristische Styling, das Kiesler Mitte der 1930er-Jahre für das extravagante Ehepaar Mergentime umsetzt. Tropfenförmige Lampen, Freischwinger und eine Lounge, auf der „eine ganze Party Platz finden würde“. Ein Appartment als Universum innovativer Möbel. Viele seiner Kernthemen sind hier ausgestaltet, vor allem das Konzept einer Raum-Zeit-Architektur.

Unermüdlich entwirft der Quergeist in wilden Zeichnungen und Planstudien schwindelerregende, ­utopisch-visionäre Gebäude. Wortgewaltig notiert er seine Ideen. Wie etwa die correalistische Theorie sind sie alle auf den Menschen bezogen. Sein New Yorker Zuhause ist Treffpunkt der Surrealisten, er ist mit Marcel Duchamp befreundet. Er ist Netzwerker und lehrt an der Juilliard School. 1937 gründet er das Laboratory for Design Correlation und entwickelt dort die „Mobile Home Library“ und die „Vision Machine“ – aus Aluminium und Glas und mit einer auf Raum und Objekte abgestimmten Lichtchoreographie.

Mensch und Maschine

Als die Sammlerin Peggy Guggenheim ihn beauftragt, eine Galerie für ihre Kollektion zu konzipieren, stellt er 1942 ein radikal neues System vor: Der Betrachter taucht förmlich in die frei im Raum schwebenden Kunstwerke ein. Für Guggenheims Surrealismusausstellung geht er noch weiter: Das höhlenartige Gesamtkunstwerk nennt er „magische Architektur“. „Kiesler hat viele Themen des 21. Jahrhunderts vorweggenommen: Wohnen, Stadtplanung, neue Technologien, Mensch und Maschine“, sagt Hani Rashid, Architekt und Vorsitzender der Friedrich Kiesler Stiftung Wien, „das macht ihn so hochaktuell.“

Von Kieslers epochalen Entwürfen sollte der „Schrein des Buches“ in Jerusalem, ein symbolisch stark aufgeladenes Bauwerk für die antiken Schriftrollen aus Qumran, das einzig realisierte Gebäude sein. 1965 wird es eröffnet. Im selben Jahr stirbt Friedrich Kiesler in New York.

Bis 11.6.: Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, 10/ erm. 7 €, bis 16 J. frei