»Omas und Opas gibt es hier nicht«

Mein Kiez: Friedrichshain

Wo wohnst du eigentlich? zitty-Autoren schreiben über ihren Kiez. Über die Straße, in der sie leben, über den kleinen Laden an der nächsten Ecke, über nette und weniger nette Nachbarn. Diesmal: Friedrichshain Süd.   

Text: Lydia Brakebusch

Das verflixte siebte Jahr ist keine Erfindung. Das hat sich niemand einfach so ausgedacht. Madonna und Guy Ritchie, Kate Winslet und Sam Mendes. Gerade erst haben sich Jennifer Lopez und Marc Anthony getrennt. Alle nach sieben Jahren. Also bitte, da gibt es doch nichts zu deuteln.

Ich wohne seit acht Jahren in Friedrichshain. Im Südkiez zwischen Frankfurter Allee und Warschauer Brücke. Seit acht Jahren. Mein Kiez und ich haben das verflixte siebte Jahr also bereits überschritten und ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Jennifer Lopez sich gefühlt hat, wenn sie mit ihrem Mann am Frühstückstisch saß. Da ist diese Vertrautheit, im Grunde auch Dankbarkeit: Wir hatten eine gute Zeit zusammen, eigentlich sollten wir glücklich sein. Aber da ist auch diese innere Anspannung. Genervtheit. Von der Art wie er sein Müsli isst, wie er seinen Kaffee schlürft und über die eigenen Witze lacht. Überdruss.

Ich habe dieses Gefühl, wenn ich mit der S-Bahn nach Hause komme, in meinen Kiez, und mich mit den Massen auf die Warschauer Brücke schiebe. Wenn ich mich zwischen Studenten, Touristen, Feierabend-Heimkehrern und Alltags-Clubgängern hindurchschlängle. Ich ertappe mich dann dabei, dass ich mit den Augen rolle oder theatralisch seufze. Wie eine zickige Freundin, die ihrem Partner ein „Das ist ja mal wieder typisch!“ entgegenfaucht.

Neulich, ich hatte gerade Guns’n’Roses wiederentdeckt, stieg ich mit Kopfhörern aus der Bahn, reihte mich ein in den Strom. Mein MP3-Player konnte die Außenwelt nicht übertönen. Von der anderen Seite der Gleise dröhnte Bassgewummer und mischte sich mit dem Gitarrengeschrummel einer Punk-Kombo, dazwischen Gesprächsfetzen von allen Seiten. „Komm, wir kaufen ‘ne Flasche Wodka und mischen ihn mit O-Saft!“, „Ich muss aufs Klo, kommst du mit?“ Ich blieb stehen, weil mir die Menschentrauben vor den beiden Spätkäufen auf der Brücke den Weg versperrten und versuchte, über die Masse hinweg auf die andere Seite der Brücke zu schauen.

Ich liebe den Ausblick von dort – die Züge glitzern in der Abendsonne und gleiten dem Fernsehturm am Horizont entgegen. Blendet man O2-World auf der linken und den blauen Metro-Würfel auf der rechten aus, verzaubert das Panorama auch heute noch. Doch an diesem Abend konnte ich es nicht sehen. Es ging – „Ein Berliner, bitte!“ – nicht weiter. Ich stand – „Eine Wurst, einen Wodka!“ – da, die S-Bahn ratterte unter meinen Füßen und Axl Rose schrie in mein Ohr: „You know where you are. You’re in the jungle, baby!“ Da wusste ich, ich muss umziehen.

Mein Kiez und ich, wir haben uns über meine Schwester kennengelernt. Als ich zum ersten Mal in Friedrichshain tanzen war, muss ich etwa siebzehn gewesen sein. Ich lebte, wie die meisten meiner Freunde, in Reinickendorf, wenn wir abends weggingen, dann immer nach Mitte, ins Bergwerk oder in den Dolmen Club. Eines Abends verschlug es uns nach Friedrichshain, in den Cube Club im Untergeschoss der Kneipe „Die Tagung“. Wir tanzten in diesem Kellerraum die ganze Nacht zu 80er-Jahre-Musik. Dann fuhren wir wieder nach Reinickendorf.

Friedrichshain – das war von da an dieser kleine Keller im Nirgendwo. Ein schwarzes Loch in der Fremde, in dem „China Girl“ von David Bowie und „So Lonely“ von The Police lief. Mehr nicht. Bis meine Schwester sich in einen Friedrichshainer verliebte. Sie zog hierher, ich besuchte sie, wir trafen uns in der Palm Beach Bar in der Grünberger Straße, tranken Happy Hour-Cocktails und fühlten uns wahnsinnig urban. Der Boden der Bar war mit Sand bedeckt. Überall standen Palmen. Das war neu. Eine Strandbar mitten in der Stadt.

Meine Schwester hat jetzt drei Kinder und wohnt wieder in Reinickendorf. Ich bin immer noch hier. Das Palm Beach ist inzwischen extrem uncool, es gibt genug echte Strandbars. Und Dönerläden. Und indische Restaurants. Und Cafés. Wenn es nicht gerade in Strömen regnet, ist auf der Amüsiermeile Simon-Dach-Straße jeder Tisch besetzt. Dicht an dicht, ein Mosaik aus Berliner Typen. Die Rocker in Paules Metal Eck, die Touristen im Cayetano, die Schwulen und Lesben im Himmelreich, die Studenten in der Dachkammer, die Hipster in der Eismanufaktur. Eine lange Kette aus bunten Glühbirnen zieht sich zu beiden Seiten der Straße hoch. Wie Plastikperlen daran aufgereiht: gastronomische Mittelmäßigkeiten, undefinierbarer Misch-Masch, Happy-Hour-Preistafeln. Eine Friedrichshainer Oranienburger Straße. Nur noch viel voller und ohne Nutten.

Mein Kiez und ich, wir haben uns auseinandergelebt. Ich werde sicher nicht in die Touristenschelte einstimmen. Ich freue mich, dass die Leute hier Spaß haben, dass es an der Revaler Straße jetzt eine tolle Konzerthalle und immer wieder neue Clubs gibt. Es hat nur immer weniger mit mir zu tun. Manchmal gehe ich noch auf einen Gin Tonic in die Dachkammer. Auf dem Weg dorthin passiere ich die Menschenschwärme auf den breiten Bürgersteigen. Süßer Shisha-Rauch hängt schwer in der Luft. Auf manchen Tischen stehen gleich zwei Wasserpfeifen, gefüllt mit einer trüb-gelben Flüssigkeit, vermutlich Apfel-Zimt-Aroma. Der Boxhagener Platz, wo am Sonntag Studenten und junge Familien nach Schnäppchen suchen, liegt verlassen da, rund herum blinken die Kneipen.

Die Dachkammer ist dicht mit Efeu bewachsen, innen stehen Ledersofas vor Backsteinwänden, manchmal sieht man dort sogar Menschen über vierzig. Ein paar Quadratmeter Gemütlichkeit. Wenn ich in der Nacht nach Hause laufe, zurück, auf die andere Seite der Warschauer Straße, begegnen mir die Pilgerer. „We are looking for the Berghain!?“ Manchmal beneide ich sie für den Enthusiasmus, der in ihrer Stimme mitschwingt. Für das fiebrige Leuchten in ihren Augen. Für diesen unbedingten Willen, den es braucht, um nach zehn Minuten Schlangestehen vor dem Club nicht abzuwinken – „Lass uns einfach was trinken gehen.“ Ich wohne fast neben dem Berghain. Und ich war noch nie drin. Damals, als ich Studentin war, als mein Kiez und ich uns kennenlernten, da hätte ich mich sicher auch in diese Schlange gestellt. Und wahrscheinlich hätten auch meine Augen fiebrig geleuchtet. Aber jetzt habe ich andere Sorgen. Ich glaube, mein Kiez versteht das einfach nicht.

Es ist nicht so, dass er mich kampflos aufgegeben hätte. Mein Kiez versucht, sich zu ändern. Die Gentrifizierung hat hier einen guten Dienst geleistet. Man muss nicht mehr durch die halbe Stadt fahren, um sich ein Paar Schuhe zu kaufen. Leckere Torten, frisch gebrautes Bier, tolle Klamotten. Kopernikus- und Wühlischstraße werden langsam zur echten Flaniermeile, neben der Amüsiermeile Simon-Dach-Straße. Das große Kaiser’s hinter der Warschauer Brücke hat sich darauf eingestellt, alles wurde umgebaut, am Eingang prangt jetzt das große Bio-Sortiment. Man kann rund um die Uhr hier einkaufen, bis Samstag-Mitternacht. Alles neu. Und trotzdem: Ich würde gerne mal einer Oma etwas aus dem oberen Regal holen. Oder auf dem Schotterweg zwischen den Tramgleisen der Warschauer Straße, wo die Teenager skaten, Opas beim Boulespielen zusehen. Das wird nicht passieren. Omas und Opas gibt es hier nicht.

Inzwischen gibt es wenigstens Kinder. Was für ein Glück. Die erste Generation des Studentenbezirks ist doch noch erwachsen geworden und lockert mit dem Nachwuchs die gähnend homogene Altersstruktur auf. Auch hier werden jetzt Kinderwagen geschoben. Der Comeniusplatz wird mit jedem Wochenende voller. Die Studenten, die auf der Wiese lesen, Referate vorbereiten, Bier trinken und quatschen, lassen sich nicht stören von den quiekenden Kindern. Hier treffen sich Familien, Decken werden ausgepackt, große Tupperdosen, Salatschüsseln, Luftballons, manchmal eine Gitarre. Was mancher Prenzlauer Berger ätzend verteufelt, ist mir eine Wohltat. Und hätte ich mich nicht schon innerlich von Friedrichshain getrennt – das könnte mich vielleicht halten. Aber man soll niemals versuchen, durch Kinder eine Beziehung zu retten. Das gilt auch für meinen Kiez und mich.

Friedrichshain. Ehemals Horst-Wessel-Stadt, ehemals Arbeiterbezirk, ehemals Hausbesetzerviertel. Und jetzt? Auf der Warschauer Straße herrscht Stillstand. Sie trägt das Schicksal so vieler großer Straßen in Berlin, sie bleibt einfach potthässlich. An-und Verkauf-Shops – „Waschmaschinen, jedes Gerät 150 Euro“ – neben Schlüsseldienst neben Internetcafé neben Spätkauf neben Dönerladen neben Billigfrisör. Es gibt ständig Neueröffnungen, aber keinen Wandel. Wo ein An- und Verkauf schließt, öffnet ein Internetcafé – und umgekehrt.

Im Bewusstsein der Kurzlebigkeit gibt man sich wenig Mühe, greift in der Namensgebung gerne auf die Hausnummer zurück, bloß keinen Kopp machen. Bistro-Café 64. Tagesbar 69. An den Laternen reihen sich die Wahlplakate der Piratenpartei aneinander wie die Glühbirnen auf der Simon-Dach-Straße. Dabei scheint es, als passten die Piraten mit ihren Parolen „Warum häng’ ich hier eigentlich? Ihr geht ja eh nicht wählen!“ – „Religion privatisieren. Jetzt!“ nicht mehr zum Südkiez, eher in den Nordkiez, oberhalb der Frankfurter Allee. Trotzdem säumen sie die Straßen. Die PSG, Partei für Soziale Gerechtigkeit, fordert: „Banken enteignen! Bildung einer Bürgerregierung!“ und nebenan gibt es Frozen Yoghurt, das Lieblingsessen der Stars. Mein Kiez wirkt manchmal so zusammengeschustert.

Wenn ich morgens mit dem Rad zur Arbeit fahre, komme ich an einem sehr symbolischen Ort vorbei: das skurrile Dreieck aus dem Redaktionsgebäude des Neuen Deutschlands, dem Berghain und der Metro. Das ist der Südkiez Friedrichshains. Alte Reste, neuer Hype und Massenware – die alte herrschaftliche Knorrpromenade, Modemeile Wühlischstraße und Simon-Dach-Wahnsinn. Ich fahre also an diesem Dreieck vorbei und frage mich: Welches dieser drei passt hier nicht rein? Warum kriege ich meinen Kiez nicht zu greifen? Warum ist er mir im Grunde immer fremd gewesen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich jeden Abend wieder nach Hause komme. Zu ihm. Aber nicht mehr lange. Demnächst werde ich noch einen Gin Tonic in der Dachkammer trinken. Dann laufe ich zur Warschauer Brücke und schaue zu, wie die Bahnen in der Abendsonne dem Fernsehturm entgegenrollen. Ich gehe endlich mal um fünf Uhr nachts einkaufen, einfach nur, weil ich es kann. Ich laufe die Revaler Straße hoch, schaue im Cassiopeia den Kletterern am Bunker zu, trinke ein Bier im Späti um die Ecke. Vielleicht stelle ich mich sogar in die Schlange zum Berghain.

Aber dann ist es Zeit, Abschied zu nehmen, sich dem Fluch des verflixten siebten Jahres verspätet hinzugeben. Kate Winslet kam nach der Trennung von Regisseur Sam Mendes mit einem umwerfenden Männermodel zusammen. Ich denke, ich werde nach Moabit ziehen.